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Terrorgruppe Boko Haram : Vieh für den Dschihad

Auf der Flucht vor Boko Haram: Vertriebene in einer Schule in Maiduguri Bild: AP

Die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram schlägt auch in Tschad und Kamerun zu. Außerhalb Nigerias steht unter französischer Führung eine Eingreiftruppe bereit. Aber eine Allianz gegen Boko Haram steht in weiter Ferne.

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          Während der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan am Dienstag in N’Djamena mit dem tschadischen Präsidenten Idriss Déby über ein gemeinsames Vorgehen gegen die Terrorgruppe Boko Haram beriet, schlugen die Dschihadisten wieder zu: Auf nigerianischem Boden nahmen sie tschadischen Händlern 7000 Stück Vieh ab. Offenbar hatten die Tschader zwischen den Städten Gambarou und Maiduguri keinen Wegzoll zahlen wollen. „Euer Land hilft der Regierung Nigerias – wir beschlagnahmen euer Vieh für den Dschihad“, sagten die Terroristen, wie ein Zeuge dem französischen Auslandssender RFI berichtete. Tschads Diktator Déby, der öffentlich zu Jonathan steht, dürfte sich unter vier Augen deutlich über die Schwäche der nigerianischen Armee beklagen. Für die sind im Staatshaushalt zwar jährlich zwei Milliarden Dollar allein für Antiterrormaßnahmen vorgesehen, von denen aber an der Front nichts zu sehen ist: Boko Haram ist auf dem Vormarsch und breitet sich zunehmend auch auf die Nachbarländer Tschad und Kamerun aus. Doch ein wirksames gemeinsames Vorgehen der drei Länder dagegen steht noch in weiter Ferne.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Ebenfalls am Dienstag stürmten die Dschihadisten verschiedene Stellungen an der Grenze zum gemeinsamen Nachbarland Kamerun. Dabei konnte Kameruns Armee Boko Haram offenbar zurückschlagen. Mehr als hundert Dschihadisten seien dabei getötet worden, teilte ein Regierungssprecher in Kamerun mit.

          Nigerias Regierung nennt Boko Haram mittlerweile eine „transnationale Terrororganisation“. Doch das Transnationale betrifft bislang nur die unmittelbare Umgebung Nordostnigerias, in der Grenzen nicht unbedingt Hindernisse darstellen – insbesondere seit Boko Haram die meisten Grenzgebiete kontrolliert. Der Norden Kameruns zwischen Tschad und Nigeria ist der wohl ärmste und am meisten vernachlässigte Teil des Landes. Seit dem tschadischen Bürgerkrieg ist die Region überschwemmt von Waffen. Hier leben Muslime, die zumeist den selben Ethnien angehören wie auf der jeweils anderen Seite der Grenzen. Weit mehr als 10000 Flüchtlinge sollen UN-Angaben zufolge aus Nigeria nach Kamerun geflohen sein.

          Nigeria unterhält mit Niger und Tschad die sogenannte „Multilateral Joint Task Force“ (MJTF) im Kampf gegen Boko Haram. Kamerun indes ist nicht Teil dieser Truppe, obwohl das Land eine 1600 Kilometer lange Grenze zu jenem Teil Nigerias hat, der großteils in die Hand der Dschihadisten gefallen zu sein scheint. Kameruns Zurückhaltung liegt auch an regionalen Differenzen. Seit Jahren streiten Nigeria und Kamerun über die Halbinsel Bakassi, auf der große Ölvorkommen liegen.

          Kameruns seit 1982 herrschender Präsident Paul Biya reagierte auf das Problem lange nicht. Erst nachdem Boko Haram in Kamerun Ende Juli die Frau des stellvertretenden Premierministers entführt hatte, legte er ein Notprogramm für den Norden auf. Zudem verdoppelte er dort eine sogenannte Eingreiftruppe auf 4000 Soldaten und entließ jene Offiziere, die den Kampf gegen Boko Haram befehligt hatten. Trotzdem nehmen die Angriffe der Dschihadisten auf Kamerun eher noch zu. In Kamerun überfallen Kämpfer der Terrorgruppe Dörfer, um Verpflegung zu ergattern, und Polizeistationen und Armeeposten, um an Fahrzeuge und Waffen zu gelangen. Auf einem Sicherheitsgipfel der betroffenen Staaten in Paris im Mai wurde versucht, Kamerun und Nigeria einander näherzubringen. Kamerun soll sich bereit erklärt haben, Verfolgungsjagden nigerianischer Sicherheitskräfte bis acht Kilometer hinter der Grenze zu erlauben. Ob das wirklich gilt, ist aber fraglich. Ende August waren in den Kameruner Grenzort Fotokol 500 nigerianische Soldaten vor Boko Haram geflohen: Sie mussten ihre Waffen an die Kameruner abgeben, um Zuflucht gewährt zu bekommen.

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