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Terroranschläge in Kenia : Kampf um das Paradies

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Parallelwelten: Touristen an einem Strandabschnitt von der Luxus-Ferienanlage „Kiwayu Safari Village“ im Norden von Lamu Bild: REUTERS

An der kenianischen Küste verbünden sich örtliche Politiker mit radikalen Islamisten. Die Grenzen zwischen Terrorismus und einem gewöhnlichen Streit um Macht und Geld sind fließend. Radikale Prediger wittern ihre Chance, in der Tourismusregion ein Kalifat zu errichten.

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          Die Frau ist nur als Schatten zu sehen, ihre Stimme als gezischtes Flüstern zu hören. Licht will sie nicht machen – aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen. Als die Taschenlampe auf der Matratze neben der ihren kurz aufblitzt, kommt ein schönes und junges Gesicht mit dunklen Ringen unter den Augen zum Vorschein. Zu sehen sind außerdem vier kleine Kinder, die sich angstvoll an ihre Mutter drücken, und ein karges Abendessen aus Reis und zwei Sardinen in einer Schale zu Füßen von Salome Wanjeru. Ringsum ist gedämpftes Gemurmel zu hören, bis das Klatschen des einsetzenden Regens jedes andere Geräusch übertönt. „Die Dunkelheit ist unser bester Schutz“, sagt die junge Frau. Salome Wanjeru, 30 Jahre alt und seit sechs Wochen Witwe, lebt auf dem Gelände eines Gefängnisses. Freiwillig.

          Ihr Mann Joseph Wanjeru wurde Mitte Juni in der Kleinstadt Mpekotoni bei einem der inzwischen zahlreichen Überfälle auf Ortschaften entlang der kenianischen Küste getötet. Angeblich soll es sich bei den Angreifern um Kämpfer der radikal-islamischen Miliz al Shabaab aus Somalia handeln. Salome floh von Mpekotoni in das Dorf Hindi, nur um festzustellen, dass die Angriffe dort weitergehen. Seither ziehen jeden Abend zwischen 3000 und 4000 Menschen aus Hindi mit Bastmatten und ein paar Lebensmitteln unter dem Arm in Richtung Gefängnis um. Die Wärter öffnen ihnen das Tor, das aus einem mit Maschendraht bespannten Holzrahmen besteht, wünschen eine gute Nacht und verschanzen sich anschließend mit den 180 Inhaftierten in deren Zellen. „Dicke Mauern, gut gegen Beschuss“, erklärt einer von ihnen das seltsame Arrangement.

          Zentrum mörderischer Auseinandersetzungen

          Seit Mitte Juni ist der Norden der kenianischen Küste rund um die Touristenhochburg Lamu zum Zentrum neuer mörderischer Auseinandersetzungen geworden. Mehr als 100 Menschen wurden dort bislang ermordet, überwiegend Christen – wie Salomes getöteter Mann, Joseph. Die Angreifer hatten Joseph aus der Hütte gezerrt, ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt und ihm die Kehle durchgeschnitten. Salome und die Kinder mussten dabei zusehen. Dann brannten die Mörder die Hütte der Familie nieder. Allein in Mpekotoni wurden an diesem 15. Juni mehr als 60 Menschen getötet. Der Angriff war der schwerste seit der Erstürmung des Einkaufszentrums Westgate in Nairobi durch radikale Islamisten im vergangenen Jahr mit über 70 Toten.

          Die somalischen Radikalen von al Shabaab hatten damals die Verantwortung für den Überfall auf Mpekotoni übernommen und ihn mit dem Engagement der kenianischen Armee in Somalia begründet. Das klang plausibel, zumal die Radikalen keine Unbekannten in der Region sind. Immer wieder kamen in den vergangenen Jahren Kämpfer von al Shabaab über die 150 Kilometer entfernte Grenze und überfielen Busse, plünderten Dörfer und entführten Touristen aus Lamu, zuletzt 2011 eine Französin, die später in Geiselhaft starb. Die Überfälle in Lamu waren einer der Gründe, warum die kenianische Armee im Spätsommer 2011 nach Somalia einmarschierte.

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