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Terror in Tunesien : Mitten ins Herz

Auf der Flucht vor den Angreifern: Touristen bringen sich vor dem Bardo-Museum in Sicherheit. Sicherheitskräfte erwidern das Feuer. Bild: Reuters

Der Anschlag von Tunis trifft das Land in einer heiklen Lage - und macht viele politische Fortschritte zunichte. Mit dem Tourismus wurde eine wichtige Geldquelle des wirtschaftlich schwächelnden Landes getroffen.

          Wir werden uns dem Terrorismus nicht beugen“, lautete eine Schlagzeile am Donnerstag. „Wir werden nicht aufgeben“, eine weitere. Auf den Schock folgten die Kampfansagen. Den Bildern vom Mittwoch von verängstigten Touristen, die im Nationalmuseum von Bardo ausharrten, von blutenden und verwundeten Menschen, die in Sicherheit gebracht wurden, sollte eine klare Botschaft entgegengesetzt werden: Tunesien werde sich nicht einschüchtern lassen und sei entschlossen, sich dem islamistischen Terrorismus entgegenzustellen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Präsident Béji Caïd Essebsi kündigte im Staatsfernsehen an: „Diese monströsen Minderheiten jagen uns keine Angst ein.“ Man werde ihnen „bis zum letzten Atemzug“ und „ohne Gnade“ Widerstand leisten. Am Ort des Anschlags, wo die Extremisten das Feuer auf die Touristen eröffnet hatten, als diese gerade aus ihrem Bus gestiegen waren, wurde eine Mahnwache abgehalten. Hunderte Tunesier demonstrierten gegen den Terror.

          Videoaufnahmen zeigten Abgeordnete des nahegelegenen Parlaments, die trotzig die Nationalhymne skandierten. Sie zeigten, wie die Spezialkräfte der Antiterroreinheiten nach ihrem Einsatz mit Applaus und Schulterklopfern als Helden gefeiert wurden. Ohne die schnelle Intervention der Sicherheitskräfte, bekräftigte Innenminister Mohamed Najem Gharsalli, hätte es noch viel mehr Opfer gegeben. Die Mutter eines am Mittwoch getöteten Leutnants sagte auf der Beerdigung am Donnerstag, sie möge zwar ihren Sohn verloren haben, aber Tunesien werde den Terrorismus besiegen.

          Angst vor einer neuen Tourismus-Flaute

          Doch der Anschlag hat Tunesien mitten ins Herz getroffen. Er hat dem Land die eigene Verwundbarkeit aufgezeigt und deutlich gemacht, wie fragil die Lage noch immer ist – allen Erfolgen und Fortschritten im politischen Übergangsprozess zum Trotz. Ministerpräsident Habib Essid wies darauf hin, dass der Terror Tunesien in einer heiklen Phase heimgesucht und an einem empfindlichen Punkt getroffen habe: Mit dem Tourismus wurde eine wichtige Geldquelle für die darbende Wirtschaft des Landes getroffen.

          Krisensitzung: Der tunesische Präsident Essebsi (Mitte) mit Armee- und Regierungsvertretern

          Seine Regierung war mit der Ankündigung angetreten, der Kampf gegen den Terrorismus sei eine ihrer Prioritäten. Essebsi hat seine Wahlerfolge nicht zuletzt dem Wunsch vieler Tunesier nach Ruhe und Ordnung zu verdanken. Nun werden wieder Fragen laut, ob die tunesischen Sicherheitskräfte gerüstet sind, der Bedrohung Herr zu werden. „Solange sich Attentäter finden, die bereit sind, ihr Leben zu opfern, wird es solche öffentlichkeitswirksamen Angriffe geben“, sagt am Donnerstag ein Beobachter in Tunis.

          „Der Mittwoch war einer der ersten Sonnentage“, berichtet eine Anwohnerin aus dem bei Touristen sehr beliebten Vorort Sidi Bou Saïd. Endlich seien wieder Touristen durch die Gassen geschlendert. Aber mit den Meldungen vom Terrorangriff seien sie von einer Sekunde auf die andere verschwunden. Unter den Tunesiern herrscht nun die Angst, dass die ausländischen Besucher wieder für lange Zeit fernbleiben.

          „Wir wissen, dass es keine Einzeltäter waren“

          „Das Land steht noch immer unter Schock“, berichtet ein junger Verwaltungsbeamter aus Tunis am Telefon. Die Leute seien wütend und traurig, in den Straßen sei weniger Leben als sonst. Viele Soldaten seien zu sehen. Einheiten der Armee seien auf Anweisung von Präsident Essebsi in die größeren Städte des Landes verlegt worden. Die Entscheidung sei nach Beratungen mit der Armeeführung gefallen, teilte das Präsidialamt am Donnerstag mit.

          Auch die Fahndung nach den Hintermännern des Anschlags wurde vorangetrieben. Nach offiziellen Angaben wurden bis zum Donnerstagabend neun Verdächtige festgenommen. Vier von ihnen stünden „in direkter Verbindung“ mit dem Terroranschlag. Fünf weitere würden verdächtigt, mit der verantwortlichen „Zelle“ in Verbindung zu sein, teilte das Präsidialamt mit. Essebsi selbst hatte einem französischen Fernsehsender gesagt, dass sich „Schläferzellen“ in Tunesien eingenistet hätten, die es zu entfernen gelte. Er zog nach Angaben des Senders eine Verbindung zu der Dschihadistengruppe Ansar al Scharia, die in Tunesien schon länger ihr Unwesen treibt und im Osten Libyens ein wichtiger Machtfaktor ist. Die Gruppe wird beschuldigt, auch hinter den tödlichen Attentaten auf zwei linke tunesische Politiker zu stecken, wodurch das Land während des Übergangsprozesses in eine tiefe Krise gestürzt worden war.

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