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Südsudan : Versäumte Chancen in einem schwelenden Bürgerkrieg

Südsudans Infromationsminister Michael Makuei (M.) in Addis Abeba: Ein schwieriger Weg hin zu Verhandlungen und Frieden Bild: AFP

Während in Addis Abeba zaghafte Versuche beginnen, über einen Waffenstillstand in Südsudan zu verhandeln, dringt Washington auf eine Feuerpause. Die Gefechte aber gehen vorerst weiter.

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          In Addis Abeba gab es auch Stunden nach dem geplanten Beginn der Gespräche über einen Waffenstillstand in Südsudan am Sonntag keine Anzeichen dafür, dass die Unterhändler tatsächlich zusammenkommen würden. Die Regierung von Präsident Salva Kiir wies zudem Forderungen der EU und der Vereinigten Staaten zurück, elf Politiker freizulassen, die nach einem angeblichen Putschversuch im Dezember inhaftiert worden waren.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Und auch im Land selbst sieht es vorerst nicht nach Frieden, sondern eher nach einem langen Bürgerkrieg aus. Die Regierungstruppen und die Rebellen des abgesetzten früheren Vizepräsidenten Riek Machar scheinen nichts anderes als eine militärische Lösung zu suchen. In der Hauptstadt Juba kam es am Sonntag zu Gefechten. Schüsse waren im Südwesten der Stadt zu hören. Umkämpft bleibt zudem der Korridor zwischen der derzeit von Rebellen dominierten Stadt Bor und Juba.

          UN-Soldaten im Südsudan.
          UN-Soldaten im Südsudan. : Bild: REUTERS

          Kämpfe mit Kleinwaffen, Maschinengewehre und Mörsern

          Machar sagte der britischen Zeitung „Daily Telegraph“ am Wochenende, besonders schwere Kämpfe hätten sich 25 Kilometer von Bor entfernt zugetragen. Dabei soll auch ein General getötet worden sein. Einen Vormarsch auf Juba schloss Machar indes aus, um den „Verhandlungen Raum zu geben“. Für einen Sturm auf die Hauptstadt fehlen den Rebellen ohnehin die Mittel, zumal die Regierungstruppen von einigen ugandischen Kampfhubschraubern unterstützt werden.

          Beide Seiten verfügen kaum über schwere Waffen. Ein paar alte Panzer aus sowjetischer Produktion werden vor allem zur Machtdemonstration eingesetzt und können angesichts maroder Straßen und schlechter Wartung kaum über lange Strecken eingesetzt werden, ohne auseinanderzufallen. Zwischen Bor und der Hauptstadt Juba liegen fast zweihundert Kilometer. Die Kämpfe erfolgen Beobachtern vor Ort zufolge zumeist auf niedrigem Niveau und werden vor allem mit Kleinwaffen, Maschinengewehren und Mörsern ausgetragen.

          Nach Ethnien getrennte Einheiten

          Die Rebellen halten mittlerweile drei der zehn Provinzen des Landes, einschließlich aller wesentlichen Ölfelder. Gebiete werden nicht unbedingt militärisch erobert, sondern dadurch unter Kontrolle gebracht, dass feindliche Armeekommandeure zum Überlaufen ermuntert werden. Das bekannteste Beispiel ist General Peter Gadet, der die Provinz Jonglei kontrollierte, sich Machar bereits im Dezember anschloss und anschließend die Kontrolle über die Provinzhauptstadt Bor übernahm. Er war schon in der Vergangenheit dafür bekannt gewesen, stets sein eigenes Süppchen zu kochen.

          Flüchtlinge nahe der umkämpften Stadt Bor
          Flüchtlinge nahe der umkämpften Stadt Bor : Bild: REUTERS

          Abermals rächt sich, dass die südsudanesische Armee nach dem Bürgerkrieg nicht reformiert wurde und sich weiterhin nur lose aus nach Ethnien getrennten Einheiten zusammensetzt. Diese einzelnen Verbände werden weiter von lokalen Machthabern geführt, deren Wohlwollen im Zuge der Staatsgründung 2011 und der vorangegangenen jahrelangen Friedensverhandlungen mit viel Geld erkauft wurde. Der größte Teil der südsudanesischen Verteidigungsausgaben floss zuletzt in die Bezahlung dieser Armeekommandeure und ihrer Getreuen. Dies schien notwendig, da sich schon im Krieg gegen den Norden südsudanesische Milizen immer auch gegenseitig bekämpft hatten. So hatte sich etwa der heutige Rebellenführer Riek Machar schon 1991 von der größten Rebellenarmee SPLA (die heute unter gleichem Namen als Regierungstruppe firmiert) abgespalten. Entlang ethnischer Zugehörigkeit schließen sich nun auch beiden Kriegsparteien zunehmend Jugendliche an, meist kaum bewaffnet. Kiir gehört zur zahlenmäßig größten Ethnie, den Dinka, Machar ist Nuer.

          Evakuierung: Ein amerikanische Marine geleitet Botschaftsangehörige über das Flugfeld in Juba
          Evakuierung: Ein amerikanische Marine geleitet Botschaftsangehörige über das Flugfeld in Juba : Bild: Reuters

          Abgesehen von Uganda, das auf „Einladung“ Kiirs Soldaten nach Südsudan entsandt hat und Augenzeugen zufolge zusätzlich eigene Panzer an die Grenze zu Südsudan verlegt hat, mischt sich derzeit offenbar kein weiteres Land offen militärisch in den Konflikt ein. Sudan, das sich in Südsudan bislang zurückhält, nutzt die Lage im Nachbarland anderweitig aus. Am Wochenende gab die sudanesische Armee bekannt, drei von Rebellen gehaltene Orte in den Nuba-Bergen im Bundesstaat Südkordofan zurückerobert zu haben. Die Rebellen setzen sich unter anderem aus Kämpfern der „SPLM-North“ zusammen – faktisch einem Fortsatz der südsudanesischen Armee.

          Die etwas mehr als 7000 UN-Soldaten sind vor allem damit beschäftigt, sich selbst und ihre Anlagen zu schützen, die mittlerweile in großen Teilen zu Flüchtlingslagern geworden sind. Insgesamt sollen mittlerweile mehr als 60.000 Südsudanesen Zuflucht in Einrichtungen der Vereinten Nationen gesucht haben. Der UN-Nothilfekoordinator in Juba, Toby Lanzer, erwartet eine Flüchtlingswelle von 400.000 Menschen allein in den kommenden Tagen.

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