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Südsudan : Auf dem Weg zum Völkermord

  • -Aktualisiert am

Vertrautes Bild: Soldaten in Südsudan Bild: AP

Der Waffenstillstand in Südsudan wird nur sporadisch eingehalten. Der jüngste Staat der Welt steht nur zweieinhalb Jahre nach Erlangen der Unabhängigkeit wieder am Abgrund.

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          Die wenigen verlässlichen Informationen, die gegenwärtig aus Südsudan dringen, sind fürchterlich. Da ist von ethnisch motivierten Massakern und bestialischen Verbrechen die Rede, bei denen nicht zwischen Männern, Frauen und Kindern unterschieden wird. Die Vereinten Nationen gehen von mindestens 10.000 Toten aus, die der Konflikt in den vergangenen fünf Wochen gefordert hat. Mehr als eine halbe Million Menschen sollen auf der Flucht sein.

          Genau zweieinhalb Jahre nach Erlangen der Unabhängigkeit steht der jüngste Staat der Welt, Südsudan, schon wieder am Abgrund. Doch dieses Mal geht es nicht gegen den Erbfeind aus Khartum im Norden, den die Südsudanesen 22 Jahre lang bekämpft haben; es geht nicht um einen Krieg zwischen Arabern und Schwarzafrikanern, zwischen Christentum und Islam. Dieses Mal geht um die Dominanz einer südsudanesischen Ethnie, der Dinka, über die andere, die Nuer, und damit um einen potentiellen Völkermord.

          Die Feindseligkeiten begannen quasi aus heiterem Himmel am 15. Dezember vergangenen Jahres, als die Gefolgsleute des ehemaligen stellvertretenden Präsidenten des Landes, Riek Machar, versuchten, die Macht in der Hauptstadt Juba an sich zu reißen. Machar ist ein Nuer, sein Gegenspieler Salva Kiir, der Präsident des Landes, ein Dinka. Machar musste aus Juba fliehen, und die Dinka der Regierungsarmee nahmen blutige Rache an den in der Stadt verbliebenen Nuer. Umgekehrt massakrierten Machars Nuer in der Stadt Bor sämtliche Dinkas bis hin zu den Patienten eines Krankenhauses.

          Seither versuchen die Nachbarländer, allen voran Äthiopien und Uganda, auf diplomatischem Weg ein Auseinanderbrechen der jüngsten Nation der Welt zu verhindern. Immerhin gelang es ihnen, einen Waffenstillstand auszuhandeln, auch wenn der bislang nur sporadisch eingehalten zu werden scheint. Auf die entscheidende Frage aber, nämlich was aus einem Land werden soll, dessen Bewohner sich derart hassen, hat bislang niemand eine Antwort.

          Durch die Trennung wurde Südsudan reich

          Dabei ist die Rivalität der drei großen Ethnien in Südsudan, der Dinka, Nuer und Shillik, nichts Neues. Sie wurde im arabisch geprägten Khartum sogar jahrzehntelang als Grund dafür benannt, warum dem Süden keine Autonomie zugestanden werden könne. Als sich Südsudan im Frühjahr 2011 nach einer mit Khartum vereinbarten, fünf Jahre dauernden Übergangszeit für die Unabhängigkeit aussprach und sich das Land im Juli desselben Jahres für souverän erklärte, flammten die alten Feindseligkeiten umgehend wieder auf. Südsudan war nämlich buchstäblich über Nacht reich geworden, weil nach der Trennung vom Norden nahezu 80 Prozent aller bekannten sudanesischen Ölvorkommen auf südsudanesischem Territorium lagen.

          Die ehemalige Rebellenarmee „Sudan Peoples Liberation Army“ (SPLA), in der die Dinkas seit Jahr und Tag den Ton angeben, legte sich einen politischen Flügel zu, der sich „Sudan Peoples Liberation Movement“ (SPLM) nennt und dem die Macht über diese neue Nation zufiel. Führende Posten in Politik und Verwaltung im jüngsten Ölstaat der Welt gingen wie selbstverständlich an verdiente Dinka-Kader, die sich umgehend hemmungslos bereicherten. 270.000 Fass Rohöl wurden bis zum Ausbruch des neuen Krieges jeden Tag in die Pipeline eingespeist, die das schwarze Gold quer über sudanesisches Territorium zum Verschiffungshafen Port Sudan am Roten Meer transportiert.

          Eine der unappetitlichsten Figuren, Machar

          Die seither von Regierungs- und Verwaltungsangehörigen unterschlagene Summe schätzen westliche Botschaften auf rund vier Milliarden Dollar. Präsident Salva Kiir, der in seinem Büro an der Wand ein Bild von Jesus auf Augenhöhe mit dem eigenen Antlitz hängen hat, wurden die Kontoauszüge etlicher seiner Minister und Spitzenbeamten zugesteckt, damit er das Ausmaß der Korruption begreift. Das war im Mai vergangenen Jahres, und Kiir entließ daraufhin nahezu sein gesamtes Kabinett, einschließlich seines Stellvertreters Machar, dem im geschlossenen System der Dinkas ohnehin nur die Funktion eines Alibi-Nuer zukam.

          Machar hatte zu diesem Zeitpunkt bereits angekündigt, bei den nächsten Wahlen gegen Kiir als Präsidentschaftskandidat anzutreten, und da die Unzufriedenheit der Nuer, der Shillik und der rund 70 anderen Ethnien mit der wirtschaftlichen und politischen Dominanz der Dinka inzwischen mit Händen zu greifen war, hätte Machar vermutlich sogar gute Chancen gehabt. Also wurde er aus dem Politbüro entfernt. Dabei ist Riek Machar eine der schillerndsten und unappetitlichsten Figuren der sudanesischen Politik. Machar ist einer der Gründungsväter der Rebellenarmee SPLA, hatte aber 1991 versucht, den Rebellenführer John Garang, einen Dinka, zu ermorden.

          Machar floh zum Feind nach Khartum, wo er mit einem Posten in der Regierung belohnt wurde, während in Südsudan die Dinkas und die Nuer aufeinander losgingen. In der Stadt Bor, die auf der Grenze der Siedlungsgebiete beider Ethnien liegt, sollen damals innerhalb weniger Tage mehr als 12.000 Dinka massakriert worden sein. Machar wurde zum Söldner Khartum und die Bilder verhungernder Menschen im Süden, die Ende der neunziger Jahre um die Welt gingen, waren vor allem dem erbarmungslosen Krieg der Nuer Machars gegen die Dinkas von John Garang geschuldet.

          2002, also drei Jahre vor dem Friedensschluss zwischen Norden und Süden 2005 in Nairobi, wechselte Machar wieder die Seiten. Damals war im Westen Sudans, in Darfur, ein neuer Krieg ausgebrochen, der große Teile der sudanesischen Armee band. Die Waffen für ihren Krieg hatten die Rebellen in Darfur von den Südsudanesen bekommen, die mit Recht darauf spekulierten, dass sich Khartum auf Dauer keinen Zweifrontenkrieg leisten kann.

          Südsudan sieht heute wieder aus wie vor 2005

          Der Druck der Amerikaner auf Khartum tat ein Übriges. Khartum willigte 2005 in einen Friedensvertrag ein, an dessen Ende die Unabhängigkeit Südsudans stand – wohl auch deshalb, weil der sudanesische Präsident Omar al Bashir glaubte, die Südsudanesen seien zu zerstritten, um ein solches Projekt tatsächlich zu verwirklichen. Die Trumpfkarte für beide Seiten bei diesem Poker waren Machar und die Nuer. Als dieser sich endgültig (wieder) auf die Seite von John Garang stellte, war die Sache entschieden. Doch seither ist nicht nur die Unzufriedenheit im Süden gewachsen.

          In Khartum steht Bashir politisch mit dem Rücken zur Wand. Sudan leidet unter hoher Inflation, enormen Auslandsschulden und dem Embargo der Amerikaner. Bashir muss sich inzwischen fragen lassen, warum er 80 Prozent der Ölreserven ohne große Not an den Süden abgetreten hat und sich im Gegenzug mit Juba nicht einmal auf eine Teilung der Auslandsschulden einigen konnte. Die Versuchung, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, indem man die alten Stellschrauben der ethnischen Rivalitäten verstellt, muss jedenfalls groß sein.

          Beispielsweise ist bislang nicht klar, wie Machars Rebellen bei ihrem versuchten Putsch im Dezember an die ganzen Waffen gekommen waren. In der Stadt Malakal, der Einstiegsluke zu den weiter nördlich gelegenen Ölfeldern, lieferten sich Regierungstruppen und Rebellen Anfang Januar sogar eine Panzerschlacht. Woher stammten die Panzer der Rebellen, der Treibstoff und die Munition, wenn nicht aus Khartum?

          Doch das sind strategische Betrachtungen, die den Dinkas und den Nuer gegenwärtig mit Sicherheit völlig gleichgültig sind. Ihr Traum von einem eigenen Staat, der seine Bürger schützt und ihnen die Chance gibt, für ein besseres Leben zu arbeiten, ist jedenfalls geplatzt. Südsudan sieht heute wieder aus wie vor 2005: Auf dem Land herrschen Mord und Totschlag, die Städte sind „ethnisch rein“, und wer kann, bringt sich im Ausland in Sicherheit.

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