https://www.faz.net/-gq5-7lxcy

Südsudan : Auf dem Weg zum Völkermord

  • -Aktualisiert am

Vertrautes Bild: Soldaten in Südsudan Bild: AP

Der Waffenstillstand in Südsudan wird nur sporadisch eingehalten. Der jüngste Staat der Welt steht nur zweieinhalb Jahre nach Erlangen der Unabhängigkeit wieder am Abgrund.

          4 Min.

          Die wenigen verlässlichen Informationen, die gegenwärtig aus Südsudan dringen, sind fürchterlich. Da ist von ethnisch motivierten Massakern und bestialischen Verbrechen die Rede, bei denen nicht zwischen Männern, Frauen und Kindern unterschieden wird. Die Vereinten Nationen gehen von mindestens 10.000 Toten aus, die der Konflikt in den vergangenen fünf Wochen gefordert hat. Mehr als eine halbe Million Menschen sollen auf der Flucht sein.

          Genau zweieinhalb Jahre nach Erlangen der Unabhängigkeit steht der jüngste Staat der Welt, Südsudan, schon wieder am Abgrund. Doch dieses Mal geht es nicht gegen den Erbfeind aus Khartum im Norden, den die Südsudanesen 22 Jahre lang bekämpft haben; es geht nicht um einen Krieg zwischen Arabern und Schwarzafrikanern, zwischen Christentum und Islam. Dieses Mal geht um die Dominanz einer südsudanesischen Ethnie, der Dinka, über die andere, die Nuer, und damit um einen potentiellen Völkermord.

          Die Feindseligkeiten begannen quasi aus heiterem Himmel am 15. Dezember vergangenen Jahres, als die Gefolgsleute des ehemaligen stellvertretenden Präsidenten des Landes, Riek Machar, versuchten, die Macht in der Hauptstadt Juba an sich zu reißen. Machar ist ein Nuer, sein Gegenspieler Salva Kiir, der Präsident des Landes, ein Dinka. Machar musste aus Juba fliehen, und die Dinka der Regierungsarmee nahmen blutige Rache an den in der Stadt verbliebenen Nuer. Umgekehrt massakrierten Machars Nuer in der Stadt Bor sämtliche Dinkas bis hin zu den Patienten eines Krankenhauses.

          Seither versuchen die Nachbarländer, allen voran Äthiopien und Uganda, auf diplomatischem Weg ein Auseinanderbrechen der jüngsten Nation der Welt zu verhindern. Immerhin gelang es ihnen, einen Waffenstillstand auszuhandeln, auch wenn der bislang nur sporadisch eingehalten zu werden scheint. Auf die entscheidende Frage aber, nämlich was aus einem Land werden soll, dessen Bewohner sich derart hassen, hat bislang niemand eine Antwort.

          Durch die Trennung wurde Südsudan reich

          Dabei ist die Rivalität der drei großen Ethnien in Südsudan, der Dinka, Nuer und Shillik, nichts Neues. Sie wurde im arabisch geprägten Khartum sogar jahrzehntelang als Grund dafür benannt, warum dem Süden keine Autonomie zugestanden werden könne. Als sich Südsudan im Frühjahr 2011 nach einer mit Khartum vereinbarten, fünf Jahre dauernden Übergangszeit für die Unabhängigkeit aussprach und sich das Land im Juli desselben Jahres für souverän erklärte, flammten die alten Feindseligkeiten umgehend wieder auf. Südsudan war nämlich buchstäblich über Nacht reich geworden, weil nach der Trennung vom Norden nahezu 80 Prozent aller bekannten sudanesischen Ölvorkommen auf südsudanesischem Territorium lagen.

          Die ehemalige Rebellenarmee „Sudan Peoples Liberation Army“ (SPLA), in der die Dinkas seit Jahr und Tag den Ton angeben, legte sich einen politischen Flügel zu, der sich „Sudan Peoples Liberation Movement“ (SPLM) nennt und dem die Macht über diese neue Nation zufiel. Führende Posten in Politik und Verwaltung im jüngsten Ölstaat der Welt gingen wie selbstverständlich an verdiente Dinka-Kader, die sich umgehend hemmungslos bereicherten. 270.000 Fass Rohöl wurden bis zum Ausbruch des neuen Krieges jeden Tag in die Pipeline eingespeist, die das schwarze Gold quer über sudanesisches Territorium zum Verschiffungshafen Port Sudan am Roten Meer transportiert.

          Eine der unappetitlichsten Figuren, Machar

          Die seither von Regierungs- und Verwaltungsangehörigen unterschlagene Summe schätzen westliche Botschaften auf rund vier Milliarden Dollar. Präsident Salva Kiir, der in seinem Büro an der Wand ein Bild von Jesus auf Augenhöhe mit dem eigenen Antlitz hängen hat, wurden die Kontoauszüge etlicher seiner Minister und Spitzenbeamten zugesteckt, damit er das Ausmaß der Korruption begreift. Das war im Mai vergangenen Jahres, und Kiir entließ daraufhin nahezu sein gesamtes Kabinett, einschließlich seines Stellvertreters Machar, dem im geschlossenen System der Dinkas ohnehin nur die Funktion eines Alibi-Nuer zukam.

          Weitere Themen

          Ein Brief ist nicht genug

          KSK unter Verdacht : Ein Brief ist nicht genug

          Verquere Kameraden zu enttarnen reicht nicht aus, um die Reihen der Bundeswehr-Elitetruppe dauerhaft von Extremisten frei zu halten.

          Topmeldungen

          Der Start am Weltraumbahnhof in Florida

          Cape Canaveral : Erste bemannte SpaceX-Rakete erfolgreich gestartet

          Es ist der erste bemannte Weltraumflug Amerikas seit neun Jahren – die Privatfirma SpaceX hat ihre Crew-Dragon-Kapsel ins All geschickt. Der erfolgreiche Start der zweistufigen Rakete bedeutet eine grundsätzliche Abkehr von der Art und Weise, mit der Astronauten bisher in den Orbit befördert werden.
          Nicht nur am Mainufer, sondern auch an der Frankfurter Börse herrscht frühlingshafter Optimismus.

          Steigende Kurse trotz Krise : Das Börsenvirus

          Die Wirtschaft liegt noch am Boden, doch die Kurse an der Börse steigen und steigen. Kann die Wette auf die bessere Zukunft aufgehen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.