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Südsudan : Auf dem Weg zum Völkermord

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Machar hatte zu diesem Zeitpunkt bereits angekündigt, bei den nächsten Wahlen gegen Kiir als Präsidentschaftskandidat anzutreten, und da die Unzufriedenheit der Nuer, der Shillik und der rund 70 anderen Ethnien mit der wirtschaftlichen und politischen Dominanz der Dinka inzwischen mit Händen zu greifen war, hätte Machar vermutlich sogar gute Chancen gehabt. Also wurde er aus dem Politbüro entfernt. Dabei ist Riek Machar eine der schillerndsten und unappetitlichsten Figuren der sudanesischen Politik. Machar ist einer der Gründungsväter der Rebellenarmee SPLA, hatte aber 1991 versucht, den Rebellenführer John Garang, einen Dinka, zu ermorden.

Machar floh zum Feind nach Khartum, wo er mit einem Posten in der Regierung belohnt wurde, während in Südsudan die Dinkas und die Nuer aufeinander losgingen. In der Stadt Bor, die auf der Grenze der Siedlungsgebiete beider Ethnien liegt, sollen damals innerhalb weniger Tage mehr als 12.000 Dinka massakriert worden sein. Machar wurde zum Söldner Khartum und die Bilder verhungernder Menschen im Süden, die Ende der neunziger Jahre um die Welt gingen, waren vor allem dem erbarmungslosen Krieg der Nuer Machars gegen die Dinkas von John Garang geschuldet.

2002, also drei Jahre vor dem Friedensschluss zwischen Norden und Süden 2005 in Nairobi, wechselte Machar wieder die Seiten. Damals war im Westen Sudans, in Darfur, ein neuer Krieg ausgebrochen, der große Teile der sudanesischen Armee band. Die Waffen für ihren Krieg hatten die Rebellen in Darfur von den Südsudanesen bekommen, die mit Recht darauf spekulierten, dass sich Khartum auf Dauer keinen Zweifrontenkrieg leisten kann.

Südsudan sieht heute wieder aus wie vor 2005

Der Druck der Amerikaner auf Khartum tat ein Übriges. Khartum willigte 2005 in einen Friedensvertrag ein, an dessen Ende die Unabhängigkeit Südsudans stand – wohl auch deshalb, weil der sudanesische Präsident Omar al Bashir glaubte, die Südsudanesen seien zu zerstritten, um ein solches Projekt tatsächlich zu verwirklichen. Die Trumpfkarte für beide Seiten bei diesem Poker waren Machar und die Nuer. Als dieser sich endgültig (wieder) auf die Seite von John Garang stellte, war die Sache entschieden. Doch seither ist nicht nur die Unzufriedenheit im Süden gewachsen.

In Khartum steht Bashir politisch mit dem Rücken zur Wand. Sudan leidet unter hoher Inflation, enormen Auslandsschulden und dem Embargo der Amerikaner. Bashir muss sich inzwischen fragen lassen, warum er 80 Prozent der Ölreserven ohne große Not an den Süden abgetreten hat und sich im Gegenzug mit Juba nicht einmal auf eine Teilung der Auslandsschulden einigen konnte. Die Versuchung, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, indem man die alten Stellschrauben der ethnischen Rivalitäten verstellt, muss jedenfalls groß sein.

Beispielsweise ist bislang nicht klar, wie Machars Rebellen bei ihrem versuchten Putsch im Dezember an die ganzen Waffen gekommen waren. In der Stadt Malakal, der Einstiegsluke zu den weiter nördlich gelegenen Ölfeldern, lieferten sich Regierungstruppen und Rebellen Anfang Januar sogar eine Panzerschlacht. Woher stammten die Panzer der Rebellen, der Treibstoff und die Munition, wenn nicht aus Khartum?

Doch das sind strategische Betrachtungen, die den Dinkas und den Nuer gegenwärtig mit Sicherheit völlig gleichgültig sind. Ihr Traum von einem eigenen Staat, der seine Bürger schützt und ihnen die Chance gibt, für ein besseres Leben zu arbeiten, ist jedenfalls geplatzt. Südsudan sieht heute wieder aus wie vor 2005: Auf dem Land herrschen Mord und Totschlag, die Städte sind „ethnisch rein“, und wer kann, bringt sich im Ausland in Sicherheit.

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