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Südafrikas ungewisse Zukunft : Madibas Traum hat sich leider nicht verwirklicht

  • -Aktualisiert am

Vor Mandelas früherem Haus in Soweto Bild: AP

Die Heilung der südafrikanischen Gesellschaft ist ein langsamer Prozess, sagte Nelson Mandela. Es gibt zwar keine gesetzlichen Rassenschranken mehr, aber der Graben zwischen arm und reich ist geblieben.

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          East London, Südafrika, im April 2009: Ein Wahltag stand bevor, und wie immer seit dem Machtwechsel im Jahr 1994 war der „African National Congress“ (ANC) haushoher Favorit. Nur warum, das war nicht klar. Denn überall im Land war die Unzufriedenheit über die erdrückende Armut längst mit Händen zu greifen. Die Antwort gab eine Frau namens Evelyn Tau, die in einem erbärmlichen Township vor den Toren East Londons lebte. Sie besaß so gut wie nichts: zwei wacklige Stühle, einen ebenso baufälligen Tisch, eine Matratze auf dem Boden, ein paar alte Kessel. Für die fünf Euro, die der Besucher als kleine Geste auf den Tisch gelegt hatte, wurde sofort Milch für den Säugling der Tochter gekauft, die selbst noch ein Kind war.

          Evelyn Tau machte im Gespräch kein Hehl aus ihrer Enttäuschung über die Politik und noch mehr die Politiker ihres Landes, die ihrer Meinung nach Schuld seien an ihrer Misere. Warum sie dann immer noch den ANC wähle, wie sie kurz zuvor stolz angekündigt hatte? Das könne sie „Madiba“ nicht antun, kam die Antwort. Sie wählte eine Partei, von der sie nichts hielt, aus Dankbarkeit für einen Mann, den sie verehrte.

          Das Beispiel der Frau in East London ist nicht repräsentativ. Interessant ist es trotzdem, weil es am Selbstverständnis des ANC rüttelt. Die ehemalige Befreiungsbewegung ist politisch nicht deshalb erfolgreich, weil die Südafrikaner ihr eine Lösung der drängenden Probleme zutraut, nämlich der Armut und der Arbeitslosigkeit. Der ANC ist so stark, weil er Mandelas Partei ist und bislang immer für sich in Anspruch nahm, im Namen des ersten schwarzen Präsidenten zu sprechen.

          Der Graben ist geblieben

          Nach Mandelas eigenen Worten sollte Südafrika „allen gehören, die darin leben“. Dieser Traum hat sich leider nicht verwirklicht. Zwar kennt Südafrika keine gesetzlichen Rassenschranken mehr, aber der Graben zwischen arm und reich ist geblieben. Vier von zehn schwarzen Südafrikanern verlassen heute die Schule ohne Abschluss und sind mangels Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt chancenlos.

          10,3 Millionen Menschen und damit 20 Prozent der Gesamtbevölkerung in Südafrika leben von Sozialhilfe. Das Gehalt einer Kassiererin im Supermarkt reicht nicht aus, um eine Krankenversicherung zu bezahlen. Die staatlichen Krankenhäuser sind derart heruntergewirtschaftet, dass dort Heilung mehr mit Glück als mit medizinischer Kompetenz zu tun hat. In diesem unverschämt reichen Land gibt es zahllose Kinder, die noch nie gesehen haben, wie Wasser aus einem Hahn fließt. Gleichzeitig aber lässt sich der gegenwärtige Präsident mit Steuergeldern eine neue Residenz bauen, die mehr als 20 Millionen Euro kostet.

          Über die Situation seiner Kameraden schrieb Mandela vor mehr als 70 Jahren, dass es nicht „der Mangel an Fähigkeiten“ sei, der sie behindere, sondern der „Mangel an Gelegenheiten“. Dieser Satz trifft heute noch zu, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Aus heutiger Sicht muss der Anspruch des ANC, eine bessere Welt für alle zu schaffen, als gescheitert bezeichnet werden – und damit auch der Traum eines Nelson Mandela.

          Ob die ehedem so stolze Befreiungsbewegung auch künftig mit dem Namen ihres berühmtesten Mitglieds Stimmen fangen wird, ist zweifelhaft. Im April kommenden Jahres wird erstmals die Generation der sogenannten „Born free“ zur Wahl gehen, also die nach dem Ende der Apartheid Geborenen. Gut möglich, dass ohne einen gottgleichen, lebenden Mandela die Geschäftsgrundlage zwischen dieser Generation und dem ANC verschwindet.

          Rechtsstaatlichkeit ist gewährleistet

          Mandela war für die Südafrikaner mehr als ein ehemaliges Staatsoberhaupt. Er war ihr König, und als solcher hatte er über das Wohlergehen der ganzen Nation zu wachen. Dass Mandela die politische Bühne längst verlassen und den Heldenstatus immer vehement abgelehnt hatte, spielte keine Rolle. Südafrika fühlt sich ohne den großen alten Mann allein gelassen.

          Nirgends wurde das deutlicher als in den immer wieder heraufbeschworenen Horrorszenarien, die seinem Ableben folgen würden. Da machten diffuse Ängste vor einer Nacht der langen Messer die Runde, vor neuen Rassenkrawallen und einer Abrechnung mit den Weißen – wenn der Gralshüter der Menschlichkeit dereinst nicht mehr sei. Mandela hätte sich darüber wahrscheinlich amüsiert.

          Sein ganzes Leben hat er gegen die Herrschaft von Wenigen über die Mehrheit gekämpft, für gegenseitigen Respekt und nicht zuletzt für demokratische Entscheidungsprozesse. Der große Sprung nach vorne mag Südafrika nicht gelungen sein. Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit aber sind gewährleistet, und das ist ein großer Erfolg angesichts dessen, was den Alltag dieses Landes vor nicht einmal 20 Jahren bestimmt hat.

          Das alles ist nicht alleine Mandelas Verdienst, sondern das einer ganzen Nation. „Die Heilung der südafrikanischen Gesellschaft ist kein singuläres Ereignis. Das ist ein langsamer Prozess“, hatte Mandela einst gesagt. Auf dem Weg dorthin ist Südafrika jetzt auf sich gestellt. Aber ehrlich gesagt: Es sieht nicht einmal schlecht aus.

          Nelson Mandela ebnete den Weg zur Aussöhnung von Schwarzen und Weißen in Südafrika. Das Bild zeigt ihn im letzten Jahr seiner Präsidentschaft 1999. Bilderstrecke

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