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Südafrika : In der Wagenburg

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Helden der Apartheid - Vor den Toren von „Orania“ richten sich die Büsten der weißen Idole gegen das schwarze Südafrika Bild: AFP

Viele Weiße in Südafrika fürchten sich vor den Zuständen im schwarzen Südafrika. Sie igeln sich ein, und viele trauern der Apartheid nach. Die Weißen, die schon wieder von einem weißen Südafrika träumen, ziehen nach Orania.

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          Yolandi Roets und ihre Familie stammen aus Middelburg in der Provinz Mpumalanga und leben seit einem Jahr in Orania. Das alles liegt in Südafrika, nur Orania, das so klingt wie ein Fantasyreich, das liegt nicht in Südafrika und doch mittendrin. Yolandi Roets Mann war Pfarrer in Middelburg, sie hatte ein kleines Geschäft für Musikinstrumente. Alles aufgegeben, alles verkauft. Heute fertigt Frau Roets Bilderahmen in ihrer kleinen Werkstatt in Orania, während die drei kleinen Söhne draußen mit dem Hund umhertollen. „Für uns war das immer ein Traum, in Orania zu leben“, sagt sie. Warum? „Wir wollten für unsere Kinder eine afrikaansssprachige Umgebung und eine Gemeinde, die sich den Werten der Kirche verpflichtet fühlt“, sagt Frau Roets. Hätte sie das nicht auch in Middelburg finden können, wo doch in Südafrika ohnehin jede Rasse unter sich bleibt? „Sicher“, antwortet sie, „aber das hier ist eine Umgebung, in der wir uns geborgen fühlen.“ Mit anderen Worten: eine Umgebung ohne Schwarze.

          Für die Weißen sind sie der Grund für Kriminalität, Korruption und Inkompetenz. Henk Pistorius, der Vater des wegen Mordes angeklagten Spitzensportlers Oscar Pistorius, gab diesem Gefühl der Ohnmacht, Angst und Überlegenheit, das unter den Buren so weit verbreitet ist, erst vor kurzem einen viel beachteten Ausdruck, als er das monströs große Waffenarsenal seiner Familie damit erklärte, dass die schwarze Regierung nichts zum Schutz der Weißen tue. Deshalb igeln sie sich in ihren Wagenburgen ein. Die schönste Wagenburg heißt Orania.

          Seltsame Siedlung inmitten einer Halbwüste

          Die Siedlung wirkt auf den ersten Blick ein wenig wie das Gelände einer Kaserne: Die Straßen sind betoniert, und überall sorgen Hinweisschilder dafür, dass sich niemand verläuft. Die Vorgärten der Häuser sind gepflegt, nicht einmal ein verwehtes Stück Papier verunziert das Straßenbild. Die meisten Häuser sind bescheidene Bungalows, dazwischen ragt aber auch der ein oder andere Palast heraus. Daneben gibt eine ganze Reihe Ferienwohnungen, ein luxuriöses Hotel und zwei Altersheime, die sich noch im Bau befinden. Es gibt zwei Schulen mit insgesamt 300 Schülern und eine Währung namens „Ora“, die als Gutschein in jedem Geschäft eingetauscht werden kann, während die Referenzwährung, der südafrikanische Rand, auf der Bank Zinsen produziert. Von Orania nach Kimberley, der nächsten größeren Stadt, sind es 160 Kilometer. Die andere größere Stadt, Upington, liegt doppelt so weit entfernt. Die seltsame Siedlung liegt mitten in der Halbwüste Karoo. Für ihre Bewohner ist Orania die Erfüllung eines Lebenstraums. Für die Mehrzahl der Südafrikaner aber ist Orania Symbol einer Geisteshaltung und einer Epoche, die eigentlich vergangen ist.

          Orania ist eine ausschließlich weiße Siedlung. Tausend Menschen leben hier, allesamt afrikaanssprachig, allesamt unzufrieden mit dem Südafrika drumherum. Sie stammen aus Pretoria und aus De Aar, aus Middelburg und Kronstad - aus Städten, die nur noch dem Namen nach afrikaans sind. In Orania aber stellen die Nachfahren der ersten weißen Siedler, der aus den Niederlanden, Deutschland und Frankreich stammenden Voortrekker, die absolute Mehrheit - jene Gruppe, die Südafrika einst urbar machte, die Apartheid erfand und die ihre Sprache den Schwarzen aufzudrängen versuchte. Orania ist eine weiße Enklave in einem schwarzen Land, ein „Kraal“, wie die kreisförmigen Wehrsiedlungen der Zulu in Natal von den Buren genannt werden.

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