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Putin besucht Ägypten : Bruderkuss gegen Amerika

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Welcome Mr. President: Große Plakate in Kairo begrüßen Wladimir Putin auf seinem Besuch in der ägyptischen Hauptstadt. Bild: AP

Während westliche Politiker den ägyptischen Präsidenten Sisi meiden, kommt Russlands Präsident Putin gerne. Beide sind ehemalige Geheimdienstler, beide autoritäre Herrscher ihres Landes: Kein Wunder, dass sie sich gut verstehen.

          Wladimir Putin, der „Held seiner Ära“, wie die ägyptische Zeitung Al Ahram ihn bezeichnete, ist zu Besuch in Ägypten, bei Staatschef Abd al Fattah al Sisi. Die Gespräche am Dienstag sollen geführt werden „zum Wohle von Frieden und Stabilität im Mittleren Osten und Nordafrika“, so Putin. Am Montag gab es für ihn jedoch nur einen Opernbesuch, bevor er in Sisis Präsidentenpalast übernachtete.

          Der Brandstifter der Ostukraine als Friedensbringer im Nahen Osten? Wohl kaum. Vielmehr geht es dem vor neun Monaten zum Präsidenten gewählten Sisi ganz ähnlich wie Putin darum, seine Reputation auf der internationalen Bühne zu verbessern.

          Westliche Politiker meiden Kairo seit Sisis Wahl im vergangenen Mai; Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte eine Einladung des ägyptischen Machthabers nach Berlin von der Abhaltung von Parlamentswahlen abhängig gemacht. Niemand kommt Sisi da gelegener als der russische Staatschef, der ihn bereits vor einem Jahr in Moskau empfing, als er noch ägyptischer Armeechef und Verteidigungsminister war.

          Seitdem gedeihen die Beziehungen zwischen beiden Staaten wie zuletzt in den fünfziger und sechziger Jahren unter Gamal Abd al Nasser. Nicht zuletzt auf militärischer Ebene: Auf den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen und die Lieferung von MiG-29-Flugzeugen sowie Mi-35-Hubschraubern im Wert von 3,5 Milliarden Dollar einigte man sich im August 2014.

          Finanzieren sollen den Deal die reichen Herrscherhäuser am Golf; Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben das zugesagt. Neben Russland, das sich anders als Amerika nach dem Sturz des Muslimbruders Muhammad Mursi im Juli 2013 auf Sisis Seite schlug, sind sie die wichtigsten Unterstützer des wirtschaftlich wie politisch angeschlagenen Landes.

          Sisi und Putin halten zu Diktatoren-Freund

          Vor dem Hintergrund immer neuer terroristischer Anschläge und wachsender Armut in Ägypten findet das dritte Aufeinandertreffen der beiden autoritären Herrscher nun zum ersten Mal in Kairo statt, wo Putin das letzte Mal vor zehn Jahren war. Damals regierte am Nil noch Husni Mubarak, der Sisi im Jahr vor der Revolution zum Chef des Armeegeheimdienstes ernannt hatte. Mit den Augen eines Geheimdienstlers betrachte Sisi auch als Präsident die Welt, sagen westliche Diplomaten in Kairo; ähnliches wird bei Putin vermutet.

          Symbolträchtig: Putins Geschenk an den ägyptischen Präsidenten ist eine Kalaschnikow.

          Das Erstarken bewaffneter islamistischer Gruppen seit dem Putsch gegen Mursi im Juli 2013 dürfte den ägyptischen Staatschef in dieser Weltsicht bestärkt haben – und der damit einhergehende Ausbau des Sicherheitsapparats auf Verständnis bei Putin stoßen. Auch Sisis Vorgehen gegen kritische Nichtregierungsorganisationen gleicht dem des russischen Präsidenten.

          Neben dem weiteren Ausbau der Handelsbeziehungen – Ägypten importiert jährlich für Dutzende Millionen Dollar Weizen aus Russland, russische Touristen zählen trotz der Krise zur größten Besuchergruppe an den Stränden des Roten Meeres – sollen die Kriege in Syrien, Irak, Libyen und Jemen auf der Tagesordnung stehen. Überall haben islamistische Gruppen in den vergangenen Monaten die Oberhand gewonnen, und anders als westliche Führer haben weder Putin noch Sisi je ein Hehl aus ihren Sympathien für den syrischen Diktator Baschar al Assad gemacht.

          Ägypten soll Russlands Rolle stärken

          Ein Jahr nach dem Scheitern der Genfer Gespräche waren es zuletzt die russische und die ägyptische Diplomatie, die die Suche nach einer Verhandlungslösung für den Syrien-Konflikt wieder aufnahmen. Sowohl in Moskau als auch in Kairo kamen im Januar Oppositionsvertreter zusammen, um über Auswege aus der Krise zu beraten. Was Putin und Sisi eint, ist die Überzeugung, dass nicht ein Sturz Assads, sondern nur die Eindämmung der islamistischen Milizen ein Ende der Gewalt bringen kann.

          Putins Besuch bietet Sisi auch die Gelegenheit, sich weiter aus der amerikanischen Abhängigkeit zu befreien, was die Lieferung von Militärhilfe anbelangt. Seit dem Sturz Mursis ist die Regierung Barack Obamas auf Distanz zum neuen Regime in Kairo gegangen; Hunderte Todesurteile gegen Islamisten, lebenslange Haftstrafen für Demokratieaktivisten und mehr als 40.000 politische Gefangene stehen einer Wiederaufnahme normaler Beziehungen weiter im Weg.

          Die russische Führung hingegen sieht in Ägypten mit seinen neunzig Millionen Einwohnern einen großen Markt – und in Sisi einen Partner, der helfen kann, Russlands Stellung in der Region, die im Zuge der Arabellion geschwächt worden war, wieder zu stärken.

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