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Burundi : Im Land der Angst

  • -Aktualisiert am

Geschürter Hass: Ein angebliches Mitglied der „Imbonerakure“, der sich in Bujumbura vor einem Mob in einen Abwasserkanal geflüchtet hat, bittet um Hilfe. Bild: AFP

Das Regime in Burundi schürt den Hass zwischen Hutu und Tutsi und riskiert einen Völkermord. Wiederholen sich hier Geschehnisse wie im Nachbarland Ruanda vor 1994?

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          Auf eines ist der alte Haudegen stolz: Nie habe er sich politisch vereinnahmen lassen, nie sei er in einen der zahlreichen Putsche in Burundi verwickelt gewesen. „Ich bin unschuldig wie Schneewittchen“, sagt General Germain Niyonkana, „und ich lasse mir den Mund nicht verbieten.“ Das mag der Grund sein, warum der in Belgien ausgebildete Offizier nach einer steilen Karriere einen ebenso steilen Absturz erlebte. Generalstabschef der Armee war er, anschließend Verteidigungsminister. Es gibt viele Leute in Bujumbura, die bestätigten, dass es Niyonkana war, der den Krieg zwischen den Hutu und den Tutsi im Jahr 2001 beendete. Geblieben ist dem unbequemen Soldaten ein unbedeutender Posten als „Berater“, die kerzengerade Haltung und eine abgrundtiefe Verachtung für die politischen Akteure in Burundi. „Das ist kein Staat mehr, das ist ein Puff“, grollt der Fallschirmjäger.

          Burundi ist ein kleines Land am Tanganjika-See, das einst eine deutsche Kolonie war, bevor die Belgier es im Ersten Weltkrieg eroberten und bis zur Unabhängigkeit 1962 verwalteten. Burundi hat zehn Millionen Einwohner, von denen rund acht Millionen Hutu sind und zwei Millionen Tutsi. Burundi hat seit 1954 mehrere Militärputsche erlebt und ebenso viele Genozide. Mal waren es die Hutu, die die Tutsi massakrierten, mal umgekehrt. Das letzte große Schlachten ereignete sich 1972, und mehr als 100.000 Hutu wurden dabei getötet. Das ist nur deshalb kaum bekannt, weil der letzte große Genozid zwischen den beiden Volksgruppen sich 1994 im Nachbarland Ruanda zutrug, nahezu eine Million Opfer forderte und damit alles Vorangegangene in den Schatten stellte. In Ruanda waren es Hutu, die Tutsi ermordeten. Ansonsten aber lässt sich die Geschichte Ruandas auf Burundi übertragen und umgekehrt.

          Mit einem Unterschied: Als in Burundi der Krieg zwischen insgesamt sieben Hutu-Rebellengruppen und der von Tutsi dominierten Armee 2001 nach rund zehn Jahren zu Ende ging, schien Burundi seine Lektion gelernt zu haben. Statt die ethnischen Unterschiede zu bestreiten, wie das in Ruanda zur Staatsräson erhoben wurde, gingen die Burundier kreativ mit ihren Differenzen um: Sie einigten sich auf ein Quotensystem für die Verwaltung, wonach sechzig Prozent aller Posten von Hutu bekleidet werden sollten und vierzig Prozent von Tutsi.

          Wegen Unruhen : Burundi droht Wirtschaftskollaps

          Die erste Wahl nach dem Krieg gewann 2005 der ehemalige Rebellenführer Pierre Nkurunziza, ein Hutu. Alles schien gut. Bis der Mann Anfang dieses Jahres ankündigte, ein drittes, verfassungswidriges Mandat anzustreben, und all jene niederknüppeln ließ, die sich dem widersetzten. Rund 150 Demonstranten wurden von der Polizei seither getötet. Zahlreiche Intellektuelle sind außer Landes geflohen, darunter viele Parteigänger des Präsidenten. In Ruanda und in Tansania leben inzwischen wieder 180.000 Flüchtlinge aus Burundi.

          Es hat einen ebenso stümperhaften wie erfolglosen Militärputsch gegen das Regime gegeben, in dessen Gefolge Hunderte Soldaten desertierten und sich nach Ruanda absetzten. Vor allem aber bedient das Regime wieder die alte Klaviatur der ethnischen Rivalität. Die Stadtviertel von Bujumbura, in denen der Widerstand am größten ist, werden von der Regierung als „Tutsi-Viertel“ bezeichnet, womit klar ist, bei wem die Schuld zu suchen ist. Dabei stimmt das nicht einmal. Die Demonstranten kamen aus beiden Ethnien.

          „Dieser Herr“, sagt der Tutsi Niyonkana und holt tief Luft, „dieser Herr ist dabei, einen Riesenfehler zu machen und uns alle ins Verderben zu reißen.“ Der alte Soldat zählt auf: „Die Polizei – von Hutu kontrolliert und mit Granatwerfern und schweren Maschinengewehren ausgerüstet. Die Armee – abermals gezielt entlang der Ethnien gespalten. Die Todesschwadronen – wem gehorchen sie?“ Niyonkana kennt die Antwort. Doch sie auszusprechen fällt schwer, weil sie Schreckliches bedeutet. „Wir schlittern auf eine Katastrophe zu“, sagt der General, „auf einen ethnischen Konflikt, der die ganze Region in Brand stecken kann.“

          Bild: F.A.Z.

          „Ich wäre am nächsten Tag tot“

          Professor Gabriel Ndikumasabo (Name geändert) ist ein bekannter Publizist in Burundi. Wie jeder gute Kommentator liebt er es, gegen den Stachel zu löcken. Doch was er zu sagen hat, kann er unmöglich schreiben. „Ich wäre am nächsten Tag tot“, sagt der Hutu. Für den Sozialhistoriker ist das eigentliche Problem in Burundi die Ideologie des Regimes, die ihn an den europäischen Faschismus erinnert. „Intoleranz als politisches Programm, exzessive Gewaltanwendung und ein Personenkult, der pseudoreligiöse Züge trägt – das ist das Holz, aus dem Mussolini, Hitler und Stalin geschnitzt waren“, sagt er. Tatsächlich hatte Präsident Nkurunziza seine dritte Amtszeit unter anderem mit einer „göttlichen Mission“ begründet.

          Er umgibt sich seit geraumer Zeit mit amerikanischen und nigerianischen Predigern diverser Freikirchen, die ihm das messianische Schützenfeuer liefern. „Wie wollen Sie mit einem über seinen Rücktritt verhandeln, der glaubt, er sei Moses, der Täufer?“, ätzt der Professor. Insbesondere, wenn dieser Mann seine Gegner für die Reinkarnation von Satan hält. Als Nkurunziza im April für die dritte Amtszeit vereidigt wurde, ließ er in seiner Antrittsrede einen erstaunlichen Satz fallen: „Wer gegen mich ist, wird verschwinden wie Mehl im Wind.“ Da habe er richtig Angst bekommen, erinnert sich Ndikumasabo. In der Landessprache Kirundi ist das Zerstreuen von Mehl eine Umschreibung für das Zerstreuen von menschlicher Asche. „Wir stehen am Rand der Klippe, und von hinten drängen sie“, umschreibt Ndikumasabo seine Gefühle in diesen Tagen.

          Vor allem aber sieht sich Nkurunziza offenbar als Garant dafür, eine Neuauflage des historischen Tutsi-Königreichs Hima zu verhindern, das einst von Uganda über Ruanda, Ostkongo und Burundi bis nach Tansania reichte. Dieses Bestreben ist nicht neu, und es gibt einen Begriff dafür: „Hutu-Power“. Das ist eine rassengestützte Ideologie, die in Ruanda 1994 zum schnellsten Völkermord der Geschichte führte.

          Die wahre Opposition im Land

          Jean-Claude Ndikamena (Name geändert) gehört dem „Mouvement Halte au troisième mandat“ (Bewegung gegen ein drittes Mandat) an. Diese Organisation war von Bürgerrechtlern ins Leben gerufen worden und ist heute die wahre Opposition im Land. Ndikamena schläft keine Nacht am selben Ort. Auf seinen Kopf ist angeblich ein Preis ausgelobt worden. „Am Morgen Tote zu finden ist inzwischen eine ziemlich alltägliche Geschichte geworden“, sagt er.

          Die Polizei in Burundi ermittelt nicht in Mordfällen, in die sie selbst verwickelt ist, und kein Richter wagt es, darauf zu bestehen. „Was hier passiert, ist ein politischer Genozid, kein ethnischer“ sagt Ndikamena: „Wer nicht der Meinung des Präsidenten ist, wird umgebracht.“ Seinen Angaben zufolge hat sich im Ausland längst eine Rebellengruppe gebildet, die aus geflohenen Soldaten besteht. Und die von Ruanda nach Kräften unterstützt wird. „Wir haben auch Waffen“, sagt er. „Das war für das Regime eine böse Überraschung.“

          Das gilt auch für die Miliz der „Imbonerakure“ („Die weit sehen“ auf Kirundi), einer Schlägerbande, die sich aus dem Jugendverband der Regierungspartei „Conseil National Pour la Défense de la Démocratie“ (CNDD) rekrutiert. Sie hat frappierende Ähnlichkeit mit den Interahamwe, jener Mörderbande in Ruanda, die am 7.April 1994 den Völkermord begann. „Die sind in die Viertel gekommen, mit ihren Macheten und Messern, und wir haben ihnen unsere Macheten und Messer gezeigt“, erzählt Ndikamena stolz.

          Kaum eine Nacht ohne Schießereien

          Tatsächlich vergeht kaum noch eine Nacht in Bujumbura ohne Schießereien und Tote. Die Polizei stellt den Regimegegnern nach, und die greifen Repräsentanten des Regimes an. Das prominenteste Opfer bislang war Adolphe Nshimirimana, der Chef der inneren Sicherheit und die wichtigste Stütze des Präsidenten, der im August bei einem Anschlag mit einer Panzerfaust getötet wurde. Natürlich wurde das Attentat den Tutsi in die Schuhe geschoben. Doch Nshimirimana starb in „seinem“ Stadtviertel, einer Hochburg der Hutu. Dass ausgerechnet dort ein paar Tutsi-Soldaten am hellen Tag und noch dazu auf einer belebten Kreuzung eine Panzerfaust in Stellung bringen, ist kaum möglich.

          Wir hätten gerne die Regierungspartei CNDD zu all den Vorwürfen befragt. Parlamentspräsident Pascal Nyabenda, der den Posten erbte, als sich zwei seiner Vorgänger im Juni ins Ausland absetzten, zeigte sich telefonisch zunächst ausgesprochen freundlich. Zum vereinbarten Termin erschien er aber nicht, und auf Nachfrage teilte er mit: „Monsieur, Sie stören mich.“

          Präsident zurück in Bujumbura : Putschversuch in Burundi gescheitert

          Ganz im Gegensatz zu Fabien Nsengimana. Der Hutu leitet das Büro des „Burundi Leadership Training Program“, dessen Aufgabe es ist, in einem Land voller Buschkämpfer demokratisch gesinnte Führerpersönlichkeiten zu entdecken und zu fördern. Das Institut wird von amerikanischen Organisationen finanziert und galt einst als Keimzelle für die neue burundische Elite. Nsengimana hält eine Liste mit hundert Persönlichkeiten unter Verschluss, von denen er und seine amerikanischen Geldgeber glauben, sie könnten Burundi in einen Rechtsstaat verwandeln. Aus der aktuellen Regierung ist keiner darunter. Mit dem Präsidenten, stellt Nsengimana klar, habe er nichts zu tun. „Das ist nicht unser Produkt“, sagt er.

          Waffen gibt es mehr als genug

          Plötzlich beginnt Nsengimana von seiner Familie zu erzählen und davon, wie seine vier Brüder 1972 vor seinen Augen von Tutsi ermordet wurden. Seine Mutter hat über den Schock ihre Sprache verloren. Nsengimana schildert, wie er den Denunzianten, einen ehemaligen Nachbarn, später wieder traf, durch Zufall an einer Tankstelle, und wie er ihm die Hand reichte. „Ich habe ihn besiegt, durch meine Freundlichkeit und durch meine Fähigkeit zum Vergeben“, sagt er. Dem 72 Jahre alten Mann treten Tränen in die Augen. Glaubt er, dieses ethnische Feuer, das das Regime zu entfachen versucht, verfängt nicht?

          „Ich wünschte, es wäre so. Leider glaube ich, dass es sehr schlimm wird. Aber was sollen wir machen – uns diesen Verrückten einfach ergeben?“ Der Versuch des burundischen Regimes, die Ethnien gegeneinander auszuspielen, ist nicht nur für die Burundier ein Spiel mit dem Feuer. Es hat zudem die militärische Großmacht der Region, Ruanda, auf den Plan gerufen. In Ruanda sind die Deserteure der burundischen Armee untergekommen, dort erhalten sie angeblich militärisches Training – sagt jedenfalls die burundische Regierung. Ruanda bestreitet dies und unterstellt den Burundiern, mit den radikalen Hutu der „Front démocratique pour la libération du Rwanda“ (FDLR) zusammenzuarbeiten.

          Die FDLR ist die Nachfolgeorganisation der für den Völkermord in Ruanda verantwortlichen Interahamwe-Milizen und unterhält Stützpunkte in Kongo. Die beiden Angriffskriege Ruandas gegen Kongo galten offiziell der Bekämpfung der FDLR. Sollten sich tatsächlich FDLR-Kämpfer in Burundi aufhalten und so etwas wie eine „Endlösung“ gegen die dortigen Tutsi planen, stünde am folgenden Morgen die ruandische Armee in Bujumbura. Die Folge wäre ein neuerlicher Flächenbrand in der Region der Großen Seen. Waffen gibt es in diesem Teil Afrikas ohnehin mehr als genug.

          Burundi : Oppositionspolitiker ermordet

          „Wir sitzen auf einem brodelnden Vulkan“ sagt François Bizimana, der bis zu den grotesk gefälschten Wahlen im April, bei denen Nkurunziza im Amt bestätigt wurde, im Parlament saß und heute als Sprecher der „Coalition des indépendants de l’espoir“, der „Koalition der Unabhängigen der Hoffnung“ fungiert. Das ist ein Sammelbecken zahlreicher Nkurunziza-Gegner. Bizimana ist ein Hutu. An der Wand seines Wohnzimmers hängt ein großes Porträt seines Vaters Hubert Bizimana, der 1972 bei dem Genozid an den Hutus getötet wurde.

          Das Schicksal, als Waise aufzuwachsen, teilt Bizimana mit Präsident Nkurunziza, dessen Eltern ebenfalls 1972 ermordet wurden. Das gilt auch für den engsten Kreis seiner Mitarbeiter: seinen Kabinettschef und die beiden Chefs für innere Sicherheit und die Streitkräfte. Erklärt das die Wagenburgmentalität des Regimes? „Wenn dem so wäre, müssten wir alle Amok laufen. Die Hutu haben die Tutsi ermordet und die Tutsi die Hutu. Die Wunden schmerzen immer noch, aber wir alle tragen diese Narben“, sagt Bizimana. Was ist es dann? „Geld, was sonst“, sagt der ehemalige Parlamentarier.

          52 Prozent des Haushalts aus Budgetbeihilfe

          Burundi ist ein armes Land. Angeblich ist es sogar das zweitärmste Land der Welt. Tatsächlich existiert so gut wie keine Industrie in Burundi. Die wenigen Betriebe, die es gibt, gehören dem Präsidenten und seiner Familie. Daneben ist Burundi Umschlagplatz für Rohstoffe, die im Nachbarland Kongo illegal gefördert und in Bujumbura mit gefälschten Herkunftszertifikaten versehen werden. Davon profitiert ausschließlich die Entourage des Präsidenten. Der Rest ist ein Trauerspiel: 52 Prozent des burundischen Haushalts stammen aus der Budgetbeihilfe der Geberländer. Die wurde eingefroren, als Nkurunziza seine dritte Amtszeit durchpeitschte.

          Seither wird viel darüber spekuliert, ob sich die Sicherheitskräfte irgendwann gegen das Regime stellen, wenn die Gehälter ausbleiben. Derzeit kann die Regierung noch zahlen, weil eine Handvoll afrikanischer Milliardäre, darunter angeblich der angolanische Präsident Eduardo dos Santos und der Präsident Äquatorialguineas Teodoro Obiang, vorübergehend eingesprungen sind. Diesen Herrschaften geht es dabei indes nicht um Burundi: Es geht ihnen ausschließlich darum, dass Nkurunziza mit seinem Verfassungsbruch durchkommt und ihr eigener Status als Präsidenten auf Lebenszeit nicht angezweifelt wird. „Wir fühlen uns verraten und verkauft“, sagt Bizimana dazu. Und hofft auf einen Militärputsch. „Das wäre wohl das Beste.“

          Gegen Ende einer Reise durch ein Land voller Angst meldet sich noch einmal General Germain Niyonkana. Die von vielen burundischen Gesprächspartnern geäußerte Hoffnung, dass ein Militärputsch sie von ihrem Präsidenten befreit, quittiert er zunächst mit Schweigen. Dann sagt er: „Ich bin ein großer Anhänger der Demokratie – aber nicht um jeden Preis.“

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