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Nach dem Anschlag in Sousse : Infiziert mit dem Virus des Salafismus

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Urlaub im Angesicht des Grauens: Touristen betrachten die Gedenkschriften und Blumen, die Trauernde am Ort des Terroranschlags von Sousse niedergelegt haben. Bild: AFP

Der Terroranschlag von Sousse gefährdet die junge tunesische Demokratie. Radikale Ideologen gewinnen an Einfluss. Die Sicherheitskräfte sind überfordert. Es fehlt ihnen an Kompetenzen im Antiterrorkampf. Dafür gab es Beispiele großer Zivilcourage.

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          Der Polizist am Strand von Sousse weigerte sich, den Attentäter zu verfolgen. Er fürchtete um sein Leben und überließ deshalb einem Hotelangestellten seine Waffe. Der Animateur rannte dem Terroristen hinterher, schaffte es jedoch nicht, die Polizeipistole abzufeuern, und wurde selbst verletzt. Eine Gruppe Hotelangestellter soll sich dem Attentäter nach Augenzeugen sogar unbewaffnet wie ein menschlicher Schutzschild in den Weg gestellt haben. Sie sollen dem Attentäter zugerufen haben, er müsse erst sie töten, doch sie seien Muslime. Darauf sei der Mann abgebogen. Als der Attentäter, ein 23 Jahre alter Student, kurz darauf wieder am Strand erschien, trieb ihn eine Gruppe einheimischer Männer in eine schmale Straße. Ein Einwohner des Urlaubsortes bewarf den fliehenden Massenmörder mit Dachziegeln, ein anderer mit einem Aschenbecher. Die Männer, einfache Leute, die dort arbeiteten oder zufällig Zeugen des Attentats wurden, werden in den britischen Medien jetzt als Helden gefeiert.

          Anders die Sicherheitsleute: Erst knapp 45 Minuten nachdem Seifeddine Rezgui mit seiner Kalaschnikow das Feuer auf Urlauber eröffnet hatte, wurde er von einem Einsatzkommando der Polizei getötet. Seit Freitag tauchen immer mehr private Filmaufnahmen auf, die auf eindrückliche Weise zeigen, wie die tunesische Staatsmacht bei dem Terrorangriff auf das Hotel „Imperial Marhaba“ versagte.

          Nach dem schlimmsten Anschlag in der Geschichte des kleinen Landes durchlebt die junge tunesische Demokratie eine ihrer härtesten Bewährungsproben. Im März waren bei einem Anschlag vor dem Nationalmuseum in Tunis 22 Menschen getötet worden: Viele dachten damals, dass es nicht mehr schlimmer kommen könne. Doch das Massaker am Strand von Sousse mit 38 Toten zeigte, wie verletzbar das Land trotz verstärkter Sicherheitsmaßnahmen ist. „Es ist ein gefährlicher Augenblick. Das Risiko ist groß, dass das alte Regime zurückkehrt und der Antiterrorkampf dazu missbraucht wird, um die Schrauben wieder anzuziehen“, befürchtet der tunesische Anwalt Ayachi Hammami. Als Mitglied der tunesischen Menschenrechtsliga kämpfte der Bürgerrechtler schon vor der Revolution gegen den 2011 gestürzten Präsidenten Ben Ali.

          Vor wenigen Jahren träumten vor allem die jungen Revolutionäre noch von einer „totalen Demokratie“. Jetzt wünschen sich in Internetforen die ersten Tunesier den autoritären Machthaber zurück, der wenigstens für Ruhe sorgte. Natürlich müsse man etwas gegen die Terroristen unternehmen, sagt Ayachi Hammami. Der Preis dafür dürfe jedoch nicht sein, die neu gewonnene Freiheit schon wieder einzuschränken. In Tunesien ist die Enttäuschung über die Ende 2014 gewählte Regierung fast so groß wie das Entsetzen über das Attentat. Der neue Präsident Béji Caïd Essebsi hatte den Bürgern mehr Sicherheit versprochen.

          Ennahda-Partei im Zentrum der Kritik

          Die moderaten Islamisten der Ennahda-Partei, die Teil der Regierungskoalition sind, waren die Ersten, die am Tag nach der Tat zu einer Kundgebung in der Hauptstadt Tunis aufriefen. Die Parteiführung lässt keine Gelegenheit aus, um klarzustellen, dass sie mit islamistischen Terroristen nichts gemeinsam habe. Im Internet warf ein Ennahda-Politiker dem Attentäter vor, er sei gar kein richtiger Muslim gewesen, weil er Rauschgift genommen und sich für Breakdance begeistert habe. Unter den Ennahda-Mitgliedern wachse die Sorge, dass es der Partei ähnlich ergehen könnte wie den Muslimbrüdern in Ägypten, die dort erst an der Macht waren und nun im Gefängnis oder gar in der Todeszelle sitzen, meint ein westlicher Diplomat.

          „Das sind Kriminelle, die den Islam pervertieren“, sagt der Ennahda-Vorsitzende Rachid Ghannouchi über den Angreifer und seine Hintermänner. Früher ging seine Partei freundlicher mit den einheimischen Salafisten und Wahhabiten um. In Tunesien wirft man der Partei vor, die nach dem Sturz Ben Alis zwei Jahre lang die Regierung angeführt hat, vor, dass sie in dieser Zeit die radikalen Islamisten zu lange habe gewähren lassen und ihnen erlaubt habe Fuß zu fassen. „Nach der Revolution versuchten wir erst, die jungen Leute vom moderaten Islam zu überzeugen. Als sie Gewalt anwendeten, griffen wir durch“, sagt Ghannouchi. Die Terroristen, sagte er, wollten die tunesische Demokratie zerstören und den Staat zum Scheitern bringen. „Das werden sie nicht schaffen“, verspricht der Parteivorsitzende.

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