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Somalia : Ein Kilometer bis zur Frontlinie

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In der Unruhezone: Eine Amisom-Patrouille am Kreisverkehr „K4“ Bild: picture alliance / dpa

Falls deutsche Soldaten nach Somalia geschickt werden, erwartet sie in ihrem Lager in der Hauptstadt Mogadischu eine trügerische Ruhe.

          „K 4“ ist eine notorisch unruhige Ecke der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Immer wieder kommt es hier zu Überfällen, Feuergefechten und Bombenanschlägen. „K 4“ bezeichnet einen Kreisverkehr, es steht für „Kilometer 4“ und damit für die Distanz zur Innenstadt. „K 4“ darf getrost als Frontlinie bezeichnet werden, weil spätestens dort die trügerische Sicherheit des nahegelegenen, festungsartig ausgebauten Flughafens endet, wo die afrikanische Eingreiftruppe für Somalia, Amisom, ihr Hauptquartier unterhält. Unter ihrem Schutz arbeiten und leben dort Mitarbeiter der Vereinten Nationen, von internationalen Hilfsorganisationen sowie britischen Logistikunternehmen, die ihr Personal überwiegend unter hartgesottenen Südafrikanern rekrutieren.

          Der Stützpunkt unmittelbar neben dem Flughafen ist mit Betonmauern gegen Autobomben gesichert. Überall parken gepanzerte Fahrzeuge. Wer sich hier bewegen will, muss sich einer Leibesvisitation durch Amisom-Soldaten unterziehen. Der militärische Bereich des Geländes ist nur nach Nennung eines täglich wechselnden Passwortes zu betreten. Im Innern des Komplexes, der einmal eine Kaserne der somalischen Armee war, gibt es klimatisierte Wohncontainer, warmes Wasser und schnelle Internetverbindungen. Turkish Airlines fliegt den Flughafen inzwischen mehrfach wöchentlich an. Hinzu kommen die täglichen Flüge aus der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Das Amisom-Hauptquartier ist hermetisch vom Rest der Stadt abgeschirmt, und man kann darüber leicht vergessen, dass „K 4“ nur einen Kilometer entfernt liegt. Sollte der Bundestag dem Einsatz deutscher Soldaten für die Ausbildung der somalischen Armee in Somalia zustimmen, werden diese hier Quartier beziehen.

          Seit der Vertreibung der islamistischen Terroristen von al Shabaab aus Mogadischu im August 2011 durch Amisom hat sich die Sicherheitslage in der Stadt und ihrer Umgebung tatsächlich drastisch verbessert. Die täglichen Kämpfe mit schweren Waffen sind Geschichte, und die Bewohner können sich wieder frei bewegen. Das gilt auch für weite Teile Zentral- und Südsomalias, die insbesondere nach dem Eingreifen der kenianischen Armee befreit werden konnten. Dazu gehört Kismayo, die Hafenstadt südlich von Mogadischu, über die al Shabaab Waffen bezog. Derart unter Druck gesetzt, hat sich die Führung der Terrorgruppe inzwischen nach Barawe abgesetzt. Im Januar hatten die Amerikaner dort ein Haus, in dem sie einen ranghohen Shabaab-Führer vermuteten, mit einer Drohne angegriffen. Ob der Angriff erfolgreich war, ist nicht bekannt.

          Regierung hat Erfolge vorzuweisen

          17.000 Soldaten aus Uganda, Burundi, Dschibuti, Kenia und Sierra Leone zählt Amisom inzwischen. Hinzu kommen knapp 4400 äthiopische Soldaten, die bislang im Auftrag der eigenen Regierung die Grenze schützten und im Januar ebenfalls dem Amisom-Kommando unterstellt wurden. Die neue somalische Regierung hat trotz der Besetzung von Ministerposten nach Clan-Proporz Erfolge vorzuweisen. Das sicherste Zeichen, dass die Menschen an den Frieden glauben, lässt sich bei den Maklern finden: Die Immobilienpreise in Mogadischu haben sich seit der Vertreibung von al Shabaab verdreifacht.

          Wie gefährlich al Shabaab aber nach wie vor ist, zeigen nicht nur die zahlreichen Bombenanschläge innerhalb und außerhalb Somalias, sondern vor allem die zunehmende Professionalisierung derselben. Exemplarisch dafür steht der Angriff auf das Westgate-Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi im September vergangenen Jahres, bei dem 67 Menschen ums Leben kamen. Das Terrorkommando hatte sich schon Monate vor dem Angriff in einem Ladenlokal eingemietet, um in Ruhe Waffen und Munition in das Einkaufszentrum schaffen zu können. Keiner der westlichen Geheimdienste hatte davon Wind bekommen.

          Anfang Januar hatte al Shabaab ein bei Regierungsmitgliedern und afrikanischen Gästen beliebtes Hotel in Mogadischu angegriffen, indem die Terroristen das Auto des stellvertretenden Sicherheitschefs der Region Basse-Shabelle mit einem Sprengsatz präparierten. Als der Polizist die Sperren zu dem Hotel, wo ihn jeder kannte, überwunden hatte, wurde die Sprengladung per Mobiltelefon gezündet. Zuletzt zündeten die Terroristen zwei Sprengsätze in dem gelegentlich als Tagungsort für die somalische Regierung dienenden Hotel Jazeera. Es liegt in der so genannten „sicheren Zone“ nahe dem Flughafen; die Trümmer der zerfetzten Autos flogen bis in das Amisom-Hauptquartier.

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