https://www.faz.net/-gq5-7hzth

Sansibar : Das Ende der Toleranz

  • -Aktualisiert am

Beruhigungsversuche: Sansibars Präsident Ali Mohamed Shein (links) redet nach einem Besuch bei einem mit Säure angegriffenen Priester mit Gläubigen Bild: AFP

Auf Sansibar, das ein Multikulti-Image pflegt und vom Tourismus lebt, mehren sich die Angriffe auf Christen. Täter sollen Islamisten sein, die die Unabhängigkeit wollen.

          7 Min.

          Es fällt schwer, dem Mann beim Gespräch ins Gesicht zu schauen; so entstellt ist es. Das rechte Auge ist blind, das linke vernarbt. Ein Ohr fehlt, stattdessen klafft an seiner Stelle ein Loch. Von der Stirn abwärts ziehen sich wulstige Narben quer durch das Gesicht, die Lippen sind dick aufgequollen. Er kann sie nicht mehr richtig schließen, weshalb ihm beim Sprechen Speichel aus dem rechten Mundwinkel läuft, den er mit einem Tuch aufzufangen versucht. „Schauen Sie mich ruhig an: So sieht es aus, wenn ein Mensch zerstört wird“, sagt Sheik Fadhil Suleiman Soraga.

          Diese fürchterliche Fratze verdankt der Scheich einem Säureangriff. Im November vergangenen Jahres schleuderte ihm ein Unbekannter eine ätzende Flüssigkeit beim frühmorgendlichen Joggen ins Gesicht. Soraga war nicht der Erste und ist auch nicht der Letzte, der auf so bestialische Weise entstellt wurde. Seit rund zwei Jahren werden auf der tansanischen Ferieninsel Sansibar Repräsentanten vor allem christlicher Einrichtungen in dieser Weise angegriffen, mutmaßlich von radikalen Elementen einer Gruppe, die sich Uamsho (Swahili für „Erwachen“) nennt und vorgibt, für die Unabhängigkeit der Insel von Tansania einzutreten. Die Regierung in Daressalam rückt Uamsho inzwischen in die Nähe der radikalen somalischen Miliz al Shabaab, die für das jüngste Blutbad in einem Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi verantwortlich ist. Mutmaßlich hat Uamsho in den vergangenen 18 Monaten ein halbes Dutzend Säureangriffe verübt. Für internationales Aufsehen sorgte die Terrorwelle auf Sansibar aber erst, als im vergangenen August zwei junge Britinnen, die in einem katholischen Kindergarten arbeiteten, mit Säure überschüttet wurden.

          Drohungen auf Facebook

          Doch anders als die übrigen Opfer ist Sheik Soraga ein Muslim, und nicht irgendeiner. Als rechte Hand des Muftis ist er so etwas wie der Oberaufseher für Religionsfragen auf Sansibar. Ihm obliegt es, Gebetsversammlungen zu genehmigen oder zu untersagen und im Auftrag der halbautonomen Regierung der Insel für ein auskömmliches Miteinander der Religionen zu sorgen. Uamsho erkennt seine Autorität nicht an. „Mit denen gab es immer nur Ärger“, sagt der Scheich. Kurz vor dem Angriff hatte sich Soraga in Anwesenheit des tansanischen Präsidenten in der großen Moschee der Insel ausdrücklich gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der radikalen Gruppe ausgesprochen und bei gleicher Gelegenheit der Schaffung eines islamischen Gottesstaates auf der Insel eine Absage erteilt. 24 Stunden später rang er um sein Leben.

          Natürlich referiert Sheik Soraga über die Kultur der Toleranz auf der von Muslimen dominierten Insel. Er erzählt von den vielen Mischehen zwischen Muslimen, Hindus und Christen, die auf Sansibar nichts Ungewöhnliches sind, und er schildert, wie der Sultan von Sansibar im 19. Jahrhundert den ersten christlichen Missionaren beim Bau einer Kirche finanziell unter die Arme griff. Der Scheich hat in Medina studiert. Er ist mit der harten, wahhabitischen Auslegung des Korans vertraut, und vieles davon gefällt ihm nicht. „Man sollte sehr genau unterscheiden, was man davon für sich akzeptieren kann und was nicht“, sagt er. Doch die Toleranz, auf die Sansibar so stolz ist, scheint angesichts der jüngsten Angriffe in Gefahr. Schuld daran, so glaubt der Scheich, seien die vielen jungen Sansibaris, die mit Stipendien der Regierung und religiöser Stiftungen in Saudi-Arabien und Iran studieren. „Die Regierung finanziert das, weil sie glaubt, auf diese Weise gute Muslime auszubilden. Doch was wir zurückbekommen, sind Leute, die einer Gehirnwäsche unterzogen wurden.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Deutschland spricht“ : Wo sich ein Grüner und ein AfDler einig sind

          Robert Gödel ist AfD-Mitglied, Yannick Werner bei den Grünen. Beide wollen bei der Aktion „Deutschland spricht“ dem politischen Gegner den Schrecken vor der eigenen Position nehmen – und entdecken dabei einige Gemeinsamkeiten.
          Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

          Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

          Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.

          Alle außer München : Kunterbunte Fußballstadien

          Ein Fest für Beleuchter: Ob Berliner Olympiastadion, Frankfurter Waldstadion oder Kölner, Augsburger und Wolfsburger Erstliga-Arenen: Sie alle erstrahlten stellvertretend für München in Regenbogenfarben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.