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Schwulen-Hass in Afrika : Stellvertreterkrieg der Megakirchen

  • -Aktualisiert am

Ugandische Demonstranten für die Todesstrafe: Im Kampf gegen die „schwule Weltverschörung“ Bild: AFP

Amerikanische Evangelikale nehmen immer mehr Einfluss auf die Politik in Afrika. Ihr Programm ist radikal und schwulenfeindlich. Dabei geht es den Hass-Predigern um Einfluss und Macht.

          5 Min.

          Es waren zwei denkwürdige Tage in jenem März 2009, als Tausende Ugander in das „Triangle Hotel“ in Kampala strömten, um einem Seminar zu lauschen, das den Titel „Die Agenda der Homosexuellen enttarnen“ trug. Veranstalter war die ugandische Freikirche „Family Life Network“. Das Fazit der Veranstaltung war: Die Homosexuellen seien dabei, eine Weltherrschaft zu errichten.

          Hauptredner des Seminars war der bei den Rechtsauslegern unter den amerikanischen Freikirchen bestens bekannte Scott Lively. Der Jurist und Holocaust-Revisionist ist Präsident einer evangelikalen Lobbygruppe namens „Verteidigung der Familie“ und Autor des Buches „Das rosa Hakenkreuz“. Darin erklärt Lively Nationalsozialismus und Holocaust zur schwulen Weltverschwörung. Was er an jenem Tag in Kampala zu sagen hatte, überraschte deshalb niemanden: Die traditionellen Familienwerte Afrikas seien in Gefahr, von der „weltweiten Bewegung“ der Homosexuellen vernichtet zu werden. Diese Botschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das Land – schließlich ist die Hälfte der 35 Millionen Einwohner Ugandas Mitglied einer Freikirche.

          Todesstrafe für Homosexuelle: Formfehler statt Verfassungsbruch

          Wenige Tage nach dem Seminar traf sich Lively mit ugandischen Parlamentariern und Regierungsvertretern und referierte vier Stunden über den angeblichen schwulen Kulturkampf. Kurz darauf reichte ein ugandischer Hinterbänkler im Parlament einen Gesetzesentwurf ein, der die Todesstrafe für „homosexuelle Handlungen“ forderte.

          Das Gesetzesvorhaben wurde nach internationalem Druck schließlich abgeschwächt und die Höchststrafe auf lebenslänglich begrenzt. Zudem kassierte das ugandische Verfassungsgericht das Gesetz vor zwei Wochen – aber nicht, weil es gegen die Verfassung verstößt, sondern wegen Formfehlern bei der Abstimmung. Lively hat sich seither von dem ersten, drastischen Gesetzesentwurf distanziert. Seine Anti-Homosexuellen-Propaganda aber wollte der evangelikale Lobbyist nicht zurücknehmen.

          Die Episode aus Uganda ist nur ein Beispiel von vielen, wie ultrarechte amerikanische Freikirchen Einfluss auf die afrikanische Politik nehmen. Es geht dabei um die Vermittlung der angeblich wahren Werte, es geht um Einfluss, um das Werben neuer Anhänger. Und es geht dabei nicht zuletzt um sehr viel Geld.

          Megachurches: Schwulen-Hass als Markenkern

          Die Freikirchen boomen in Afrika. Beispiel Kenia: Bis zu 60 Zulassungsanträge gehen den Behörden dort monatlich zu. 10.000 registrierte Glaubensgemeinschaften gibt es dort bereits und angeblich 50.000 Kirchen. Kritiker sprechen von einer „christlichen Industrie“, die Milliardenumsätze erwirtschaftet. Im Gegensatz zum Heilsversprechen im Jenseits, wie es die katholische Kirche predigt, versprechen die Pfingstkirchen Wohlstand im Diesseits – und verlangen dafür finanzielle Beiträge. Die Führer der „Megachurches“ in Nigeria etwa reisen mit privaten Flugzeugen durch das Land.

          Amerikanische Pfingstkirchen hatten lange Zeit kaum Einfluss auf diese mit Gold behängten afrikanischen Prediger, denen es in erster Linie um das Anhäufen des eigenen Vermögens ging. Das hat sich allerdings geändert, seit Leute wie Lively und Rick Warren, der Führer der kalifornischen „Saddleback Church“, den Kampf gegen Homosexualität zu einer Überlebensfrage für die afrikanische Gesellschaft erklärt haben.

          Warren ist das Paradebeispiel für den Einfluss amerikanischer Prediger auf die Politik in Afrika. Laut Kapya Kaoma, einem anglikanischen Priester aus Sambia, der den Einfluss der Freikirchen untersucht hat, genießt Warren in den Ländern, in denen seine Kirche aktiv ist, unmittelbaren Zugang zu den Mächtigen. Warrens enge Beziehung zu der Frau des ugandischen Präsidenten Museveni ist weithin bekannt.

          Gängelung von Schwulen – ein „Leben mit Vision“?

          Dabei hat sich Warren durchaus Verdienste in Afrika erworben. In Uganda, Kenia, Ruanda und Nigeria hat seine „Saddleback Church“, eine der zehn größten Kirchengemeinden der Vereinigten Staaten, hohe Summen in Schulbildung und den Kampf gegen Aids gesteckt. Das macht sie glaubwürdig. Warrens Buch „The Purpose Driven Life“, das auf Deutsch unter dem Titel „Leben mit Vision“ erscheint, ist ein Bestseller auf dem afrikanischen Kontinent.

          In Ruanda genießt der Prediger Beistand von ganz oben. Präsident Paul Kagame protegiert Warrens Expansion. Rund 600 Freikirchen in Ruanda sollen sich seiner Doktrin bereits angeschlossen haben. Die guten Beziehungen beruhen auch hier auf persönlichen Kontakten: Kagames Frau ist eine Anhängerin Warrens.

          Doch trotz aller guten Taten nutzt der Kalifornier seine Popularität vor allem zur Propagierung einer restriktiven Gesetzgebung gegen Homosexuelle. Die Waffen zur Verbreitung seiner Botschaft sind Missionare, Sozialprogramme, Bibelschulen und Stipendien. Die Fernsehsender Christian Broadcasting Network (CBN) und Trinity Broadcasting Network (TBN) sind inzwischen nahezu überall in Subsahara-Afrika zu empfangen.

          Angriff auf Ubuntu

          Die Rechten schmeißen mit Geld nur so um sich. Afrikanischen Predigern wird nahegelegt, Gelder von etablierten Kirchen – für die sie Rechenschaft ablegen müssen – zurückzuweisen und sich stattdessen von den amerikanischen Ultras finanzieren zu lassen. Dieses „Programm“ zeigt längst Wirkung: Die anglikanischen Bischöfe in besagten Ländern, Henry Orombi in Uganda, Peter Akinola in Nigeria, Emmanuel Kolini in Ruanda und Benjamin Nzimbi in Kenia, sind zu Warrens engsten Verbündeten geworden. Der Ugander Orombi fordert beispielsweise ein Einreiseverbot für schwule Amerikaner. Sein nigerianischer Kollege mutmaßt, die Jugend Afrikas solle mit Geld überzeugt werden, Homosexualität als gesellschaftliche Norm anzusehen. In Nigeria wurden die Strafen für Homosexualität unlängst drastisch verschärft.

          „Diese Leute verkaufen Homosexualität als postkolonialen Eroberungsfeldzug und behaupten, damit sollen die traditionellen Familienwerte in Afrika zerstört werden“, sagt der sambische Priester Kaoma. In afrikanischen Gesellschaften steht nicht das Ich im Mittelpunkt, sondern das Wir. Gemeint ist damit die Großfamilie, die ganze Sippe. Dafür gibt es einen Namen: Ubuntu. „Wenn uns gesagt wird, Homosexualität zerstöre die Familienwerte, dann ist das für Afrikaner eine ausgesprochen bedrohliche Vorstellung“, so Kaoma.

          Selbst den Islam bemühen die rechten Ultras, um ihre Botschaft von der Schändlichkeit homosexueller Lebensgemeinschaften zu verbreiten. Demnach stünden die Kirchen in Afrika im direkten Wettbewerb zum Islam. Der Koran verbietet Homosexualität. Also haben die Kirchen einen Wettbewerbsnachteil. Zu den Verbreitern dieses seltsamen Dreisatzes gehört unter anderem der amerikanische Prediger Pat Robertson, dessen Fernsehsendung „The 700 Club“ nahezu überall im englischsprachigen Afrika zu empfangen ist.

          Es geht um Macht in der Kirche

          Dabei wissen die wenigsten Afrikaner um Robertsons Unterstützung für den Krieg in Angola oder sein besonderes Faible für das südafrikanische Apartheidregime. Gleiches gilt für die Pfingstkirche „Institute on Religion and Democracy“ (IRD), die in der Vergangenheit die anglikanischen Kirchen immer wieder als „Marxisten“ verunglimpft hat, weil die stets für Freiheit und Demokratie in Afrika aufgestanden sind. Der ehemalige anglikanische Erzbischof von Kapstadt und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu ist dafür das beste Beispiel.

          Die Anglikaner haben sich im Verlaufe dieses Kampfes mehr und mehr liberale Positionen zu eigen gemacht, was den amerikanischen Rechtsauslegern genau die Angriffsfläche bot, die sie in ihrem Ringen um Einfluss weltweit benötigten. Die amerikanischen Rechtsausleger erleben fassungslos, wie in ihrer Heimat die Unterstützung für die Rechte von Homosexuellen zunimmt und sogar schwule Bischöfe ordiniert werden. Das Gegenprogramm dazu läuft derzeit in Afrika. Um die Menschen auf dem Kontinent geht es dabei nur am Rande. Vor allem geht es um die Lufthoheit über die amerikanischen Kirchen: Wenn man so will, ist unter den Kirchen in Afrika gerade ein Stellvertreterkrieg entbrannt.

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