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Proteste in Ägypten : Kritische Massenlehren

  • -Aktualisiert am

Protest aus allen Teilen der Gesellschaft: Am Montag auf dem Tahrir-Platz Bild: AP

Während sich Anhänger und Gegner Mursis streiten, wer für die Mehrheit spricht, geht das Volk wieder friedlich und in großer Zahl auf die Straße. Die „Tamarud“-Bewegung hat großen Anteil daran.

          Eigentlich wollten die Organisatoren der ägyptischen Oppositionsbewegung „Tamarud“ (Rebellion) die Millionen gesammelter Unterschriften schon am Sonntag dem Obersten Gericht übergeben. Doch weil die Aktivisten fürchteten, der Tonnen schwere Transport könnte angegriffen werden, verschoben sie das Vorhaben auf unbestimmte Zeit. Wie viele Stimmen das Bündnis nun wirklich für den Rücktritt Präsident Muhammad Mursis gesammelt hat, wird sich vielleicht nie prüfen lassen. Mehr als 22 Millionen seien es, sagen die Organisatoren. Das wären neun Millionen mehr, als der islamistische Machthaber vor zwölf Monaten in der Stichwahl gegen Ahmed Schafik, den Statthalter Husni Mubaraks, erhielt.

          Doch es ist der Gruppe zweifellos gelungen, die eingeschlafene Protestbewegung wieder zum Leben zu erwecken. Schon im April riefen sie zu einem „Marsch der Millionen“ auf den Tahrir-Platz auf. Der Aufforderung, am ersten Jahrestag von Mursis Amtsantritt vereint für dessen Rücktritt zu demonstrieren, folgten am Sonntag alle, die in der Opposition Rang und Namen haben: die Nationale Rettungsfront Mohammed El Baradeis, Amr Musas und Hamdin Sabbahis, die 6. April-Bewegung Ahmed Mahers, die vorrevolutionäre Allianz für den Wandel „Kifaya“ sowie kleinere linke und liberale Gruppen. Millionen Menschen sollen am Wochenende im ganzen Land unterwegs gewesen sein, teilte das Militär mit, die meisten von ihnen in der Hauptstadt.

          „Wir mögen in Details Differenzen mit der Nationalen Rettungsfront haben“, erklärt Tamarud-Mitbegründer Muhammad Abdel Baky den Erfolg der Kampagne. „Doch am Ende stimmen wir und die anderen Oppositionsgruppen darin überein, dass es der Muslimbruderschaft an Legitimität mangelt.“ Ägypten brauche ein ziviles politisches System, keinen islamischen Staat. Darin seien sich die Organisatoren der Unterschriftenkampagne mit der breiten Mehrheit der Bevölkerung einig.

          Zum ersten Mal auch wieder viele Familien auf der Straße

          Der Charakter der Proteste am Sonntag gibt Baky Recht: Zum ersten Mal seit den Tagen der Anti-Mubarak-Revolution waren auch viele Familien unterwegs auf den Protestzügen, unverschleierte Frauen und Kinder. „Das Volk will den Sturz des Regimes“, riefen die Demonstranten wie im Januar und Februar 2011 - nur, dass dieses Mal Mursi und seine Muslimbruderschaft gemeint waren. Wie weggeblasen scheint der Streit der alten Oppositionsgrößen Musa, Sabbahi und El Baradei über die Teilnahme an künftigen Wahlen oder deren Boykott. Der Druck der Basis hat die Herren in der Führung wieder auf Trab gebracht.

          Anders als im Winter, als der Protest Tausender Ägypter gegen Mursis Selbstermächtigungsdekrete und die durchgepeitschte neue Verfassung von der Gewalt jugendlicher Krawallmacher überschattet wurde, hat sich offenbar wieder eine friedliche, kritische Masse gefunden. Und diese könnte Mursi, der sich immer wieder auf seinen Wahlsieg und den Mehrheitswillen beruft, noch große Probleme bereiten.

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