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Die Industrie der Schlepper : Nur Drogen- und Waffenhandel sind lukrativer

  • -Aktualisiert am

Ausgebeutet durch profitgierige Schlepper: Afrikanische Migranten auf dem Weg nach Europa. Bild: AP

Der Menschenschmuggel in Westafrika ist zu einem regelrechten Industrie-Zweig geworden. Nur mit Drogen- und Waffenhandel lässt sich noch mehr Geld machen. Wer an der Not der Menschen alles verdient, ist Gegenstand vieler Spekulationen.

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          Nach dem mutmaßlich schlimmsten Flüchtlingsdrama im Mittelmeer kannten die Zeitungen in Westafrika nur ein Thema: Flüchtlinge. Allerdings ging es in den Berichten nicht um das Schicksal der Ertrunkenen, sondern um das der wenigen Landsleute in Südafrika, die sich dort von ausländerfeindlichen Ausschreitungen bedroht sehen. Dieser Journalismus hängt zusammen mit der Idee des Panafrikanismus und mit dem Traum einer afrikanischen Entwicklung, die von Afrikanern getragen werde.

          Die Bootsflüchtlinge hingegen sind unterwegs zu den ehemaligen Kolonialisten und gelten aus dieser Sicht als Beweis einer gescheiterten Utopie. Das zuzugeben fällt umso schwerer, als die afrikanischen Volkswirtschaften zwar seit Jahren wachsen, jedoch nicht schnell genug, um allen Menschen Perspektiven zu bieten. Die entsprechende Faustregel lautet: Das Wirtschaftswachstum muss doppelt so hoch sein wie das Bevölkerungswachstum, um Armut nachhaltig zu reduzieren.

          China hat darauf mit seiner Ein-Kind-Politik reagiert. In den meisten afrikanischen Ländern aber liegt das Verhältnis bei vier bis fünf Prozent Wirtschaftswachstum, dem ein demographisches Wachstum von deutlich über drei Prozent entgegensteht. Trotz wirtschaftlicher Zuwachsraten gibt es folglich pro Kopf immer weniger zu verteilen.

          Die Flüchtlings-Industrie

          Eine Umkehr dieses Trends ist nicht in Sicht. In den zurückliegenden 25 Jahren hat sich die Bevölkerungszahl auf dem Kontinent von 500 Millionen Menschen auf nahezu eine Milliarde verdoppelt. Bereits heute sind 41 Prozent der afrikanischen Bevölkerung jünger als 15 Jahre alt. Was machen diese jungen Menschen mit ihrem Leben, wenn es in ihrer Heimat keine Perspektive gibt? Sie wandern aus.

          Im westlichen Afrika ist daraus eine regelrechte Industrie entstanden. Wer es sich leisten kann, flüchtet per Flugzeug. Dafür ist ein Schengen-Visum nötig, eine Einladung aus dem Zielland, ein Rückflugticket, eine Hotelreservierung und ein Kontoauszug, aus dem hervorgeht, dass der Antragsteller seinen Aufenthalt in Europa aus eigener Tasche finanzieren kann.

          Diese Einladungen kann man kaufen, ebenso wie das Rückflugticket, den Kontoauszug und die Hotelreservierung. Speziell in Frankreich haben sich Schleusersyndikate darauf spezialisiert, Migranten aus dem frankophonen Afrika ins Land zu holen. Da dieselben Syndikate zudem den Markt für Schwarzarbeit in den großen Städten kontrollieren, kann von einer regelrechten Verwertungskette gesprochen werden, denen die Flüchtlinge ausgeliefert sind.

          Sahelstaaten sind auf Überweisungen angewiesen

          Diejenigen, die sich mit Booten über das Mittelmeer aufmachen, sind dagegen das arme Fußvolk. Die Preise für eine Passage beispielsweise von Ghana nach Italien liegen bei 3500 bis 5000 Euro. Das scheint nicht viel zu sein, wird aber zu einer kolossalen Summe, wenn es in Verhältnis zu dem westafrikanischen Durchschnittseinkommen von 50.000 CFA-Franc (76 Euro) gesetzt wird. Dann entspricht der Preis für die Reise in das vermeintliche Paradies knapp vier Jahren Arbeit.

          Ganze Familien verschulden sich, um einem der ihren die Ausreise zu ermöglichen – in der Hoffnung, alsbald Dividende in Form von Auslandsüberweisungen zu erhalten. Die Weltbank schätzt, dass die in Europa und Amerika lebenden Afrikaner zwischen vier und sechs Milliarden Dollar jedes Jahr zurück in die Heimat überweisen. Diese Summe entspricht rund zwanzig Prozent des Bruttoinlandsproduktes eines Staates wie Burkina Faso. Es ist folglich nicht verwunderlich, dass kein Sahelstaat den Exodus ernsthaft zu unterbinden versucht.

          Transitland Libyen

          Die Anlaufstellen für die Flüchtlinge, die von Tunesien, Algerien oder Libyen die gefährliche Passage über das Mittelmeer nehmen, sind bekannt: Agadez in Niger und Adré in Tschad. Von dort aus bringen geländegängige Lastwagen die Flüchtlinge quer durch Libyen an die Küste. Schon zu Zeiten Gaddafis war Libyen ein unkompliziertes Transitland. Seit es dort aber keine Regierung mehr gibt, die diesen Namen verdient, gleicht das Land einem offenen Scheunentor.

          Das führt zu der Situation, dass die Patrouillen der französischen Armee, die am Südrand der Sahara die Bewegungen von radikalen Islamisten zu unterbinden versuchen, regelmäßig auf Hunderte von Menschen treffen, die mitten in der Wüste auf den nächsten Lastwagen warten. Über das Endziel dieser Reisenden besteht kein Zweifel. Doch solange diese Flüchtlinge über Ausweise aus einem der Staaten der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (Ecowas) verfügen, die sie von der Visumspflicht innerhalb der Union befreien, halten sie sich völlig legal in Tschad oder Niger auf.

          Wer alles an diesem straff organisierten Menschenschmuggel verdient, ist Gegenstand vieler Spekulationen. Sicher ist nur, dass es dabei um sehr viel Geld geht. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) beläuft sich der Umsatz des organisierten Menschenschmuggels weltweit auf eine jährliche Summe zwischen sieben und zwölf Milliarden Dollar. Nur Drogen- und Waffenhandel sind noch lukrativer. Es liegt deshalb nahe, hinter dem Menschenschmuggel in Westafrika ähnliche Strukturen zu vermuten.

          „Die mit dem Blut Unterzeichnenden“

          Dass die Sahara über weite Strecken von radikalen Islamisten kontrolliert wird, ist dabei eher hilfreich als störend. Bis zum Beginn der französischen Militäroffensive gegen „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim) in Mali Anfang 2013 war das Land Umschlagplatz für südamerikanisches Kokain auf seinem Weg nach Europa.

          Die kolumbianischen Drogenkartelle hatten dafür eine Allianz mit den Islamisten geschlossen, die den bewaffneten Schutz für die Drogenlieferungen durch die Wüste stellten. Die Drogenhändler hatten dabei unter anderen mit dem Algerier Mokhtar Belmokhtar zu tun, einem der militärischen Kommandeure von Aqim. Daneben war Belmokhtar ein sehr erfolgreicher Zigarettenschmuggler, was ihm den Beinamen „Mister Marlboro“ einbrachte.

          Der bereits mehrfach für tot erklärte Belmokthar, der unter anderem den Terroranschlag auf die algerische Gasförderanlage von In Aménas im Januar 2013 zu verantworten hat, bei dem 38 Geiseln getötet wurden, führt heute eine Terrorgruppe namens „Muwaqiun bi-l dam“, was so viel heißt wie: „Die mit dem Blut Unterzeichnenden“. Die Gruppe hat sich inzwischen im Süden Libyens und damit genau auf der Route der Menschenschmuggler eingerichtet.

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