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Die Industrie der Schlepper : Nur Drogen- und Waffenhandel sind lukrativer

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Ganze Familien verschulden sich, um einem der ihren die Ausreise zu ermöglichen – in der Hoffnung, alsbald Dividende in Form von Auslandsüberweisungen zu erhalten. Die Weltbank schätzt, dass die in Europa und Amerika lebenden Afrikaner zwischen vier und sechs Milliarden Dollar jedes Jahr zurück in die Heimat überweisen. Diese Summe entspricht rund zwanzig Prozent des Bruttoinlandsproduktes eines Staates wie Burkina Faso. Es ist folglich nicht verwunderlich, dass kein Sahelstaat den Exodus ernsthaft zu unterbinden versucht.

Transitland Libyen

Die Anlaufstellen für die Flüchtlinge, die von Tunesien, Algerien oder Libyen die gefährliche Passage über das Mittelmeer nehmen, sind bekannt: Agadez in Niger und Adré in Tschad. Von dort aus bringen geländegängige Lastwagen die Flüchtlinge quer durch Libyen an die Küste. Schon zu Zeiten Gaddafis war Libyen ein unkompliziertes Transitland. Seit es dort aber keine Regierung mehr gibt, die diesen Namen verdient, gleicht das Land einem offenen Scheunentor.

Das führt zu der Situation, dass die Patrouillen der französischen Armee, die am Südrand der Sahara die Bewegungen von radikalen Islamisten zu unterbinden versuchen, regelmäßig auf Hunderte von Menschen treffen, die mitten in der Wüste auf den nächsten Lastwagen warten. Über das Endziel dieser Reisenden besteht kein Zweifel. Doch solange diese Flüchtlinge über Ausweise aus einem der Staaten der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (Ecowas) verfügen, die sie von der Visumspflicht innerhalb der Union befreien, halten sie sich völlig legal in Tschad oder Niger auf.

Wer alles an diesem straff organisierten Menschenschmuggel verdient, ist Gegenstand vieler Spekulationen. Sicher ist nur, dass es dabei um sehr viel Geld geht. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) beläuft sich der Umsatz des organisierten Menschenschmuggels weltweit auf eine jährliche Summe zwischen sieben und zwölf Milliarden Dollar. Nur Drogen- und Waffenhandel sind noch lukrativer. Es liegt deshalb nahe, hinter dem Menschenschmuggel in Westafrika ähnliche Strukturen zu vermuten.

„Die mit dem Blut Unterzeichnenden“

Dass die Sahara über weite Strecken von radikalen Islamisten kontrolliert wird, ist dabei eher hilfreich als störend. Bis zum Beginn der französischen Militäroffensive gegen „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqim) in Mali Anfang 2013 war das Land Umschlagplatz für südamerikanisches Kokain auf seinem Weg nach Europa.

Die kolumbianischen Drogenkartelle hatten dafür eine Allianz mit den Islamisten geschlossen, die den bewaffneten Schutz für die Drogenlieferungen durch die Wüste stellten. Die Drogenhändler hatten dabei unter anderen mit dem Algerier Mokhtar Belmokhtar zu tun, einem der militärischen Kommandeure von Aqim. Daneben war Belmokhtar ein sehr erfolgreicher Zigarettenschmuggler, was ihm den Beinamen „Mister Marlboro“ einbrachte.

Der bereits mehrfach für tot erklärte Belmokthar, der unter anderem den Terroranschlag auf die algerische Gasförderanlage von In Aménas im Januar 2013 zu verantworten hat, bei dem 38 Geiseln getötet wurden, führt heute eine Terrorgruppe namens „Muwaqiun bi-l dam“, was so viel heißt wie: „Die mit dem Blut Unterzeichnenden“. Die Gruppe hat sich inzwischen im Süden Libyens und damit genau auf der Route der Menschenschmuggler eingerichtet.

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