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Nigerias Zwiespalt : Wo die Scharia optional ist

  • -Aktualisiert am

Skrupellosigkeit, Inkompetenz und Korruption

Die Unzufriedenheit vieler Nigerianer mit dem politischen System in ihrem Land ist mit Händen zu greifen. Das hat aber nichts mit den Regeln des demokratischen Prozesses an sich zu tun, sondern mit der Skrupellosigkeit, der Inkompetenz und der ausufernden Korruption der gewählten Volksvertreter. Insofern war es äußerst bemerkenswert, dass die Regierungspartei PDP nach den Wahlen im vergangenen Jahr ihre Niederlage tatsächlich eingestand und mit Muhammadu Buhari zum ersten Mal in der noch jungen Geschichte der nigerianischen Demokratie ein Oppositioneller die Macht übernahm. Bemerkenswert war daran zudem, dass Buhari nicht als Spitzenkandidat einer Partei, sondern eines Oppositionsbündnisses namens „All Progressives Congress“ (APC) angetreten war, das sich ganz bewusst als ebenso konfessionsblind wie multiethnisch präsentiert hatte. Buhari wurde nicht etwa deshalb gewählt, weil er ein Muslim ist, sondern weil man ihm als ehemaligem General am ehesten zutraut, sowohl die Korruption auszumerzen als auch die radikalen Islamisten von Boko Haram zu bekämpfen. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass die Demokratie in dem vermeintlichen Chaosland Nigeria tatsächlich funktioniert, dann hat diese historische Wahl ihn geliefert.

Tödlicher Extremismus: Seit 2009 sind mehr als 17.000 Menschen dem Terror der Boko Haram zum Opfer gefallen. Mehr als 90 Prozent der Opfer waren Muslime.

Damit das so bleibt, muss Buhari nun liefern. Die Messlatte dafür heißt Boko Haram. Mehr als 17.000 Menschen sind dem Terror der Extremisten seit 2009 zum Opfer gefallen. Mehr als 90 Prozent der Opfer waren Muslime. Das erklärte Ziel der Terroristen ist die Schaffung eines Kalifats, das sich in seiner territorialen Ausdehnung an dem ehemaligen Kalifat von Sokoto aus dem 19. Jahrhundert orientiert und sowohl den Norden Nigerias als auch Teile des heutigen Tschads und Kameruns umfasst. Dieses Kalifat war 1808 nach einem als Dschihad bezeichneten Eroberungskrieg des Fulani-Führers Usman dan Fodio auf den Ruinen der Haussa-Königreiche entstanden und zerfiel erst Anfang des 20. Jahrhunderts (1903) mit der Eroberung der Region durch britische Kolonialisten.

Dabei handelt es sich bei Boko Haram genau genommen um eine ethnische Sekte. Der innere Kern der Terrorgruppe rekrutiert sich nahezu ausschließlich aus Mitgliedern der Ethnie der Kanuri, deren Siedlungsgebiet am Tschad-See liegt. Die nigerianische Regierung spricht im Zusammenhang mit dem islamistischen Terror deshalb gerne von einem „regionalen ethnischen Konflikt“.

Boko Harams Unterstützer

Angesichts der nach wie vor großen Schlagkraft der Terroristen mutet diese Einschätzung als geradezu grotesk an. Allein die finanziellen Mittel, über die Boko Haram zu verfügen scheint, widersprechen der These einer relativ kleinen Ethnie auf dem Kriegspfad. Der abgewählte Präsident Goodluck Jonathan hatte mehrfach öffentlich angedeutet, Boko Haram genieße Unterstützung bis in die höchsten Kreise. Einmal war Jonathan so weit gegangen, zu behaupten, die Terroristen säßen mit am Kabinettstisch.

Die Scharia hat in zwölf der insgesamt 36 Bundesstaaten in bestimmten Rechtsbereichen Gültigkeit.

Gemeint waren damit offenbar Vertreter des sogenannten „Northern Establishment“, einer undurchsichtigen Melange aus Politikern, ehemaligen Militärs, Geschäftsleuten und Klerikern vornehmlich aus den muslimischen Bundesstaaten Borno, Sokoto und Kano. Erhärtet wurden diese Verdächtigungen gleichwohl nie. Auffällig aber war, wie viel Zeit sich Jonathans Nachfolger Buhari bei der Zusammensetzung seines eigenen Kabinetts ließ. Mehr als 100 Tage gingen ins Land, bis die Regierung vollständig war. Statt mit Rücksicht auf den ethnischen Proporz mehr oder weniger „blind“ jene Kandidaten zu berücksichtigen, die von den Gouverneuren der Bundesstaaten vorgeschlagen worden waren, hatte Buhari jeden der künftigen Minister und Staatssekretäre auf seine Anfälligkeit für schnelles Geld und totalitäres Gedankengut überprüfen lassen. So ganz falsch hatte Jonathan mit seinem Verdacht damals offenbar nicht gelegen.

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