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Nigerias Zwiespalt : Wo die Scharia optional ist

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Schlecht organisierter Islam

Bis vor einigen Jahren existierten in einigen der muslimischen Bundesstaaten Bestrebungen, die Scharia als alleingültige Rechtsprechung einzuführen. Das war aber mehr den politischen Ambitionen einzelner Gouverneure geschuldet als einem ausdrücklichen Volkswillen. Die befürchtete Sprengkraft für die Einheit der Bundesrepublik Nigeria entfalteten diese Bestrebungen zu keinem Zeitpunkt.

Der Emir von Kano Lamido Sanusi, ein ehemaliger Wall-Street-Banker, stellt die  verfassungsmäßige Ordnung Nigerias nicht in Frage.

Das mag damit zusammenhängen, dass der Islam in Nigeria schlecht organisiert ist. Lediglich die relativ kleine Gruppe der Schiiten verbindet ihren Glauben mit politischen Forderungen und sieht ihr Heil in der Schaffung eines Gottesstaates nach iranischem Vorbild. Die übergroße Mehrheit der Sunniten aber folgt den Anweisungen ihrer feudalistischen Oberhäupter, des Emirs von Kano und des Sultans von Sokoto. Beide stehen auf der Gehaltsliste der Regierung, und ihre Ämter sind verfassungsrechtlich geschützt. Auch wenn das Emirat und das Sultanat nach jahrhundertealtem Brauch vererbt werden, steht nicht zu befürchten, dass plötzlich ein radikaler Islamist auf den Thron in Kano oder Sokoto steigt. Die Gouverneure der betroffenen Bundesstaaten haben ein Wort mitzureden bei der Bestimmung der Thronfolger und die Bundesregierung in Abuja ebenso.

Absicht es allen recht zu machen

Der Emir von Kano beispielsweise, Lamido Sanusi, ist ein ehemaliger Wall-Street-Banker, der die nigerianische Zentralbank reformierte, bevor er mit dem damaligen Präsidenten Goodluck Jonathan aneinandergeriet und seinen Posten bei der Zentralbank abgeben musste. Seine Position als Emir nutzt der 53 Jahre alte Sanusi, um die Korruption im Land zu geißeln und Boko Haram als „Bande von Feiglingen“ zu bezeichnen. Die verfassungsmäßige Ordnung Nigerias aber stellt weder er noch der Sultan von Sokoto in Frage.

Keine der einflussreichen politischen Parteien Nigerias beruft sich außerdem explizit auf eine Religion. Die seit dem Ende der Militärdiktatur 1998 tonangebende „People’s Democratic Party“ (PDP) pflegte bis zu ihrer Abwahl im vergangen Jahr vielmehr ein fein austariertes System religiöser und ethnischer Balance. Wurde ein Yoruba und damit ein Christ zum Präsidenten gewählt, musste sein Stellvertreter ein muslimischer Haussa-Fulani sein und umgekehrt.

Die Absicht, es allen recht zu machen, spiegelt sich auch in der Struktur des Staates wider. Nigeria besteht aus 36 Bundesstaaten sowie der föderalen Region Abuja. Die hohe Zahl der Bundesstaaten ist den immer neuen Forderungen ethnischer Gruppen und ihrer Entsprechung geschuldet und droht längst den ganzen Apparat zu lähmen. Finanziert wird das föderale System durch Transferleistungen, die ähnlich funktionieren wie der deutsche Länderfinanzausgleich. Das Geld dazu stammt nahezu ausschließlich aus den Einnahmen aus der Ölförderung, und entsprechend anfällig ist das System. Sinkt der Ölpreis, müssen insbesondere die rohstoffarmen, aber bevölkerungsreichen Bundesstaaten im muslimischen Norden den Gürtel enger schnallen. Das Schüren ethnischer und religiöser Konflikte ist deshalb ein bewährtes Mittel, Budgetkürzungen abzuwenden.

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