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Nigeria : Im Schatten des Terrors

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Brüchige Wände: Wahlplakate in der nordnigerianischen Stadt Kano zeigen Kandidaten für die Präsidenten- und die Parlamentswahl. Bild: Reuters

Sechs Wochen später als geplant wird in Nigeria ein neuer Präsident gewählt. Der Ausgang ist ungewiss. Anhänger beider Lager drohen mit Gewalttaten.

          Das bevölkerungsreichste Land Afrikas wählt an diesem Samstag einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament. Amtsinhaber Goodluck Jonathan und sein Herausforderer Muhammadu Buhari liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, dessen Ausgang kaum vorherzusagen ist. Zudem ist davon auszugehen, dass es zu Ausschreitungen kommt. Denn Jonathan ist ein Christ und Buhari ein Muslim, und bereits das befördert den Ausbruch von Straßenschlachten in dem entlang der Konfessionen gespaltenen Nigeria. Wie gespannt die Lage ist, zeigt das „Friedensabkommen“, das Buhari und Jonathan am Donnerstag in Abuja unterzeichneten. Darin verpflichten sich beide, ihre Anhänger im Fall einer Niederlage nicht auf das Lager des Siegers loszulassen. Unter „friedlichen Wahlen“ versteht man gemeinhin etwas anderes.

          Buhari ist ein ehemaliger General der nigerianischen Streitkräfte, der sich 1983 an die Macht putschte, bevor er von einem anderen General, Ibrahim Babangida, 1985 selbst gestürzt wurde. Das würde anderswo ausreichen, um ihn als demokratischen Kandidaten zu disqualifizieren. Doch wenn sich Buhari an der Spitze der Oppositionsbündnisses All Progressives Congress (APC) inzwischen berechtigte Hoffnungen auf einen Wahlsieg machen kann, hängt das auch mit der endemischen Korruption in Nigeria zusammen. Für die wiederum wird die „People’s Democratic Party“ (PDP) von Goodluck Jonathan verantwortlich gemacht. Seit 16 Jahren regiert die PDP das Land, und eine wirklich signifikante Verbesserung der Lebensbedingungen ist seither nicht eingetreten.

          Niederlage Buharis bereits im Vorfeld als Wahlbetrug bezeichnet

          Jonathans neuerliche Kandidatur ist selbst in der eigenen Partei umstritten. Olusegun Obasanjo, der erste demokratisch gewählte Präsident nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1998, ist aus Protest gegen Jonathan inzwischen aus der Partei ausgetreten. Er wirft Jonathan öffentlich „intellektuelle Unzulänglichkeit“ vor. Der Christ Jonathan war unter Obasanjos Nachfolger, dem Muslim Umaru Yar’Adua, zum stellvertretenden Präsidenten ernannt worden, um dem religiösen Proporz in Nigeria zu entsprechen. Zu dieser Zeit wurde im ganzen Land über Jonathan als „ersten Zeitungsleser Nigerias“ gespottet, weil Yar’Adua ihn derart isolierte, dass er außer Lesen angeblich nicht viel zu tun hatte. Dass Jonathan allerdings nicht ganz so unbedarft ist, bewies er 2010, als Yar’Adua im Amt verstarb. Jonathan folgte ihm nicht nur für die Zeit bis zu den nächsten Wahlen nach, sondern beerbte ihn auch als Spitzenkandidat der PDP.

          Doch Jonathan verfügt nicht über eine breite Machtbasis, wie sie Obasanjo im christlichen Süden und Yar’Adua im muslimischen Norden aufweisen konnten. Populär ist er nur in seiner Heimatregion, dem ölreichen Nigerdelta. Die engsten Berater Jonathans stammen alle aus dem Delta, was auch seine innerparteilichen Gegner von der „Delta-Mafia“ sprechen lässt. In Port Harcourt, dem Zentrum der nigerianischen Ölproduktion, drohen Jonathans Anhänger im Fall seiner Wahlniederlage mit einer Sezession. Ähnliches ist inzwischen auch im muslimischen Norden zu hören, wo eine eventuelle Niederlage Buharis bereits im Vorfeld als Wahlbetrug bezeichnet wird, auf den man entsprechend zu reagieren gedenkt.

          Fortschritte gegen Boko Haram werden Jonathan kaum helfen

          Das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden gewinnt durch die Terrorangriffe der Islamisten von Boko Haram zusätzliche Schärfe. Dabei ist nicht einmal klar, wie viele Menschen seit Beginn der Terrorwelle vor rund fünf Jahren getötet wurden. Die Rede ist von mehr als 10.000 Opfern. Fest steht lediglich, dass die Mehrzahl der Opfer Muslime sind. Deshalb macht der muslimische Norden eine untätige, von Christen dominierte Regierung für die vielen Toten verantwortlich. Die bescheidenen Erfolge der nigerianischen Armee gegen Boko Haram in den vergangenen Jahren scheinen dieser Argumentation recht zu geben.

          Die prekäre Sicherheitslage in den von Boko Haram besonders heimgesuchten Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa war zudem der offizielle Grund für die Verschiebung der Wahlen um sechs Wochen. Ursprünglich sollte Nigeria bereits im Februar wählen. Angesichts der jüngsten militärischen Erfolge gegen die Islamisten gibt sich die Nationale Wahlkommission inzwischen allerdings zuversichtlich, die Wahlbüros auch in diesen drei Bundesstaaten termingerecht öffnen zu können. Wer aber dort zur Wahl gehen wird, ist fraglich. Denn die Vertreibung von Zivilisten durch Boko Haram ist derart umfassend, dass zumindest im Bundesstaat Borno kaum ein Wähler seinen obligatorischen Wahlschein in Empfang nehmen konnte.

          Ohnehin steht zu befürchten, dass die Fortschritte bei der Bekämpfung von Boko Haram Jonathan wenig nutzen werden. Die Erfolge stellten sich erst dann ein, als Ende Februar eine ausländische Streitmacht, bestehend aus Truppen aus Tschad und Niger, nach Nigeria einmarschierte und die Islamisten aus den Grenzregionen vertrieb. Die jüngsten Siegesmeldungen der nigerianischen Armee wiederum scheinen der Tatsache geschuldet zu sein, dass die Soldaten nicht nur neues Material erhalten haben, sondern auch Hilfe von südafrikanischen und osteuropäischen Söldnern. Aus Sicht vieler Nigerianer kommt das eine wie das andere einem Offenbarungseid der Regierung Jonathan gleich.

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