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Nigeria : Boko Haram und der „Islamische Staat“

  • -Aktualisiert am

Treueschwur auf den „Islamischen Staat“: Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau in einem Propaganda-Video Bild: AP

Dass Boko Haram gerade jetzt dem „Islamischen Staat“ die Treue schwört, ist kein Zufall. Die nigerianische Terrormiliz ist in der Defensive.

          Das Video ähnelte denen, die man vom „Islamischen Staat“ (IS) kennt: Technisch versiert hergestellt, mit dramatischem Aufbau und praktischerweise gleich mit englischen und französischen Untertiteln versehen. Als der mutmaßliche Anführer der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram, Abubakar Shekau, am vergangenen Wochenende dem selbsternannten Kalifen des IS, Abu Bakr al Bagdadi, die Gefolgschaft schwor, konnte er sich der Schlagzeilen in Amerika und Europa sicher sein.

          Genau das war die Absicht: Mit dem grausamen Image des IS die eigene Gefährlichkeit zu untermauern und damit nicht nur die Gegner zu demoralisieren, sondern auch die eigenen Reihen geschlossen zu halten. „Da macht sich einer wichtiger, als er ist“, kommentierte ein nigerianischer Armeesprecher das Treuevideo am Montag und für einmal ist man geneigt, der nigerianischen Armee in ihrer Einschätzung zuzustimmen: Boko Haram ist tatsächlich in der Defensive.

          Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass dieses Video nur einen Tag vor einer großangelegten Offensive der tschadischen und nigrischen Armee gegen die nigerianischen Islamisten veröffentlicht wurde. Soldaten beider Länder überschritten am Sonntagabend aus Niger und aus Kamerun kommend die Grenze nach Nigeria. Die Rede ist von mehreren tausend Soldaten. Bereits vor rund zehn Tagen hatte sich Boko Haram vor der nigerianischen Armee aus der strategisch wichtigen Stadt Baga am Tschad-See zurückziehen müssen, die im Januar in die Hände der Terroristen gefallen war.

          Die Terroristen demonstrierten zwar am Wochenende mit drei Bombenanschlägen in der nordnigerianischen Stadt Maiduguri, dass sie nach wie vor in der Lage sind, blutige Anschläge zu verüben. Ihr Ziel aber, ganze Regionen zu erobern und zu beherrschen, wie es der IS in Syrien und im Irak vorexerziert, scheint angesichts des entschiedenen Vorgehens insbesondere der tschadischen Armee inzwischen gescheitert.

          Ohnehin gibt es kaum Hinweise auf eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit zwischen Boko Haram und dem IS. Boko Haram kopiert zwar seit geraumer Zeit die Selbstdarstellung des IS, einschließlich Videos von brutalen Enthauptungen. Dass es einen wie auch immer gearteten Austausch von Informationen oder gar Kämpfern gibt, scheint aber unwahrscheinlich. Boko Haram ist trotz gegenteiliger Behauptungen eine lokale Gruppe geblieben, deren räumliche Ausdehnung sich ziemlich genau mit dem Siedlungsgebiet der Ethnie der Kanuri deckt, aus denen die Terroristen die meisten Kämpfer rekrutieren. Eine Internationalisierung etwa bei der Rekrutierung der Kämpfer hat es bei Boko Haram nie gegeben.

          Dass die Nigerianer in der Vergangenheit technisches Wissen für den Bau von Bomben von Mitgliedern der in Mali und Mauretanien aktiven Terrorgruppe Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) erhalten hat, gilt als sicher. Und es gibt glaubwürdige Hinweise darauf, dass sich unter den Ausbildern von Boko Haram „Weiße“ befinden, womit mutmaßlich Algerier gemeint sind. Für einen ideologischen Schulterschluss zwischen Boko Haram und einer anderen großen Terrorgruppe aber fehlen die Indizien.

          Zwar hat sich der IS inzwischen in Libyen festgesetzt, womit den Islamisten theoretisch ein Landweg zum Einflussgebiet von Boko Haram im Norden Nigerias offen steht. Seit Beginn der französischen Militäroperation „Barkhane“ im Juli 2014 aber ist es längst nicht mehr so einfach wie früher, Waffen von Libyen über Niger oder Tschad an die nigerianische Grenze zu transportieren. „Opération Barkhane“ ist die Folgemission der „Opération Serval“ genannten französischen Offensive gegen radikale Islamisten in Mali und hat zum Ziel, die Bewegungsfreiheit der Islamisten in der Sahara und im Sahel einzudämmen. Den seit Sonntag in Nigeria aktiven nigrischen und tschadischen Truppen liefert die französische Armee Munition, Treibstoff und Aufklärungsdaten. Insofern kann Abubakar Shekau auf den IS schwören, soviel er will. Dass der ihm militärisch zu Hilfe eilen könnte, ist gegenwärtig ausgeschlossen.

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