https://www.faz.net/-gq5-7pkgm

Nigeria : Boko Haram mordet - und die Armee schaut zu

Was vom Terror bleibt: Jos am Mittwoch Bild: AFP

Nach dem Anschlag mit 118 Toten in Jos schlägt Boko Haram wieder zu: Unweit von Chibok, wo die mehr als 230 Schulmädchen entführt wurden, töten die Islamisten Dutzende Dorfbewohner. Das Militär tut wenig dagegen. Das hat Gründe.

          3 Min.

          Je näher in Nigeria der Wahlkampf um das Präsidentenamt rückt, desto blutiger werden die Anschläge: In der zentralnigerianischen Stadt Jos wurden am Dienstagabend bei einem Bombenattentat mindestens 118 Menschen getötet und viele weitere verletzt. Der Anschlag ist einer der verheerendsten der vergangenen zwei Jahre, als Boko Haram dort eine ganze Serie von Attentaten verübte, Kirchen in die Luft sprengte und hunderte Menschen tötete. Jos liegt im sogenannten „Middle Belt“ Nigerias, wo Muslime und Christen in etwa gleicher Zahl leben. Immer wieder kam es dort zu Zusammenstößen, die oft von Politikern und lokalen Machthabern provoziert wurden.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Eine halbe Stunde, nachdem am Dienstag die erste Bombe in einer belebten Marktregion explodierte und die ersten Sicherheitskräfte am Anschlagsort erschienen, detonierte eine zweite Bombe offenbar vor einem nahegelegenen Krankenhaus. Eine Bombe habe sich in einem Lastwagen befunden, ein anderer Sprengsatz in einem Minibus, berichtete ein Offizier der Einsatzkräfte. Zunächst bekannte sich niemand zu den Anschlägen. Vermutet wird aber, dass Boko Haram dahinter steckt.

          Erst Mitte April hatte die Terrorgruppe mehr als 200 Schulmädchen im Nordosten Nigerias entführt. Unweit vom Ort der Entführung wurden nun am Mittwoch bei einem Angriff auf die Ortschaften Sharwa und Alagarno insgesamt rund 50 Menschen getötet. Sharwa und Alagarno liegen unweit von Chibok, dem Ort, in dem die entführten Schulmädchen unterrichtet wurden. Offenbar konnten die Angreifer in den beiden Ortschaften stundenlang morden und plündern, ohne dass die Sicherheitskräfte eingriffen. Einem Bewohner von Alagarno zufolge konnten die Angreifer bei ihrem Rückzug noch ungestört drei defekte Fluchtfahrzeuge reparieren, ohne dass Soldaten eingeschritten seien, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

          Nigeria : Mehr als hundert Tote bei Anschlag

          Nigerias Präsident Goodluck Jonathan verurteilte die Anschläge scharf. Er sprach von einem „tragischen Anschlag auf die menschliche Freiheit“. Die Regierung werde die Anstrengungen im Kampf gegen den Terror intensivieren. Jonathan kündigte an, den Kampf gegen den Terror zu verschärfen und kündigte die Aufstellung einer multinationalen Truppe an, die aus je einem Batallion der Staaten Tschad, Niger, Kamerun und Nigeria bestehen und in die Region um den Tschad-See verlegt werden soll. Dort, im Dreiländereck zwischen Nigeria, Tschad und Kamerun, wird der Kern der Boko-Haram-Kämpfer vermutet.

          Bislang allerdings haben die nigerianischen Sicherheitskräfte wenig Erfolge im Kampf gegen Boko Haram vorzuweisen. In den vergangenen drei Jahren hat Nigeria jedes Jahr rund zwei Milliarden Dollar für Anti-Terror-Maßnahmen ausgegeben. Bei den nach wie vor schlecht ausgerüsteten und ausgebildeten Soldaten ist davon wenig angekommen. Immer wieder wird der Militärführung vorgeworfen, Gelder zu veruntreuen, für dubiose Rüstungsprojekte auszugeben oder auch Waffen privat zu verkaufen – möglicherweise auch an Boko Haram. Immer wieder arbeiten Lokalpolitiker mit Teilen Boko Harams zusammen. Präsident Jonathan selbst sagte, dass politische Unterstützer der Terroristen bis hinauf ins Kabinett zu finden seien.

          Verhasster Präsident

          Grundsätzlich ist immer wieder von einem Konflikt des vornehmlich muslimischen Nordens gegen den christlichen Süden um die Macht im Land die Rede. Teile des muslimischen Establishments könnten sich des Hebels Boko Haram bedienen, um das Land unregierbar zu machen und Jonathan abwählen zu lassen. Der ist allerdings so oder so verhasst im nordnigerianischen Verbreitungsgebiet von Boko Haram.

          Dort jedenfalls haben die Soldaten ohnehin keine Unterstützung der Bevölkerung, die von den Sicherheitskräften keinen Schutz erfährt. Im Gegenteil. Vor zwei Monaten beispielsweise tötete die Armee bei Razzien gegen mutmaßliche Unterstützer von Boko Haram in Maiduguri wahllos 500 Menschen, zum Teil Kinder.

          Und einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge sollen Zeugen in Chibok eine Militärpatrouille bereits vier Stunden vor der Entführung der Schulmädchen vor entsprechenden Plänen der Sekte gewarnt haben. Dennoch wurden die nächstgelegenen Militärposten in Damboa oder Maiduguri weder verstärkt, noch zusätzliche Sicherheitskräfte nach Chibok verlegt. Im Gegenteil: Die Islamisten konnten mit mehreren Fahrzeugen und mehr als 230 Mädchen unbehelligt fliehen. Die Armee konnte nicht einmal eine Verfolgung der Terroristen organisieren.

          Viele der Probleme lassen sich bis in die höchsten Stellen von Staat und Militär zurückverfolgen. Vor der Präsidentenwahl Anfang kommenden Jahres tauschte Jonathan im Januar die Militärführung praktisch aller Waffengattungen durch ihm politisch nahestehende Männer aus. Dies dürfte die Organisation und Schlagkraft der Armee weiter geschwächt haben.

          Nigerias Regierung forderte den UN-Sicherheitsrat am Dienstag unterdessen offiziell auf, Boko Haram als Terrororganisation einzustufen und wegen Verbindungen zu Al Qaida auf die Sanktionsliste gegen das Terrornetzwerk zu setzen. Falls keines der 15 Mitglieder des UN-Gremiums Einspruch erhebt, tritt die Maßnahme am Donnerstagabend in Kraft. Doch bleibt es dabei: Boko Haram ist eigentlich ein innerstaatliches Problem.

          Weitere Themen

          Bangen an der Abbruchkante

          Flutopfer in Erftstadt : Bangen an der Abbruchkante

          In Blessem sind die Bewohner nach der Flutkatastrophe noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Viele stehen vor dem Nichts und fürchten: Was ist, wenn man uns Flutopfer vergisst?

          Laschet zu Gast in Polen Video-Seite öffnen

          Gedenkfeier und mehr : Laschet zu Gast in Polen

          NRW-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat der Union Armin Laschet war am Wochenende in Polen zu Gast, um sich für die Hilfe während der Fluten zu bedanken und um des Warschauer Aufstandes zu gedenken.

          Topmeldungen

          Ein Bild, das um die Welt ging: Wassermassen bahnen sich am 16. Juli ihren Weg durch den Erftstädter Stadtteil Blessem.

          Flutopfer in Erftstadt : Bangen an der Abbruchkante

          In Blessem sind die Bewohner nach der Flutkatastrophe noch immer mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Viele stehen vor dem Nichts und fürchten: Was ist, wenn man uns Flutopfer vergisst?
          Kristina Timanowskaja am Sonntag am Flughafen mit einem Polizisten

          Kidnapping bei Olympia? : Der Fall der Belarussin Kristina Timanowskaja

          Kristina Timanowskaja soll plötzlich aus Tokio abreisen. Liegt es an Kritik der Sportlerin aus Belarus? Das IOC fordert eine Erklärung für den Vorfall, den Timanowskaja als Kidnapping bezeichnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.