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Krieg in Kongo : Die vergessenen Toten

  • -Aktualisiert am

Ein kongolesischer Soldat sichert die Straße bei Kiwanja. Bild: Getty Images

Der Osten Kongos ist nach dem Völkermord im nahe gelegenen Ruanda nie mehr zur Ruhe gekommen. Die Kleinstadt Kiwanja ist seither acht Mal erobert und verwüstet worden.

          Der alte Mann gibt sich alle Mühe und nimmt die von jahrzehntelanger Feldarbeit krumm und knotig gewordenen Finger zu Hilfe, um nachzuzählen. Schließlich gibt er auf. „Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern“, sagt Faustin Mumbere. Dabei war er nur gebeten worden aufzuzählen, wie oft seine Heimatstadt Kiwanja seit dem Völkermord in Ruanda vor zwanzig Jahren von neuen Herren erobert worden ist. „Was ich aber weiß: Wir haben unendlich gelitten“, sagt der 70 Jahre alte Bauer.

          Kiwanja ist eine typische kongolesische Kleinstadt in den Ausläufern der Virunga-Berge. Umgeben von einer spektakulären Landschaft lebt Kiwanja vom Ackerbau. Kaffee wächst hier, Tee auch, hinzu kommen Nutzpflanzen: Kartoffeln, Salat, Tomaten, Bohnen. Das Klima ist moderat, die Niederschläge sind häufig. Kiwanja könnte ein kleines Paradies sein. Doch die Stadt liegt im Osten Kongos unweit der Grenzen zu Ruanda und Uganda, und das ist ihr nach dem Völkermord zum Verhängnis geworden.

          „Wir haben gehört, dass in Ruanda am zwanzigsten Jahrestag des Genozids gedacht wurde“, sagt Bienfait Rugera, ein 30 Jahre alter arbeitsloser Lehrer aus Kiwanja, der für den alten Bauern übersetzt. „Ehrlich gesagt: Das lässt mich völlig kalt. Wir haben wegen der Ruander Millionen Tote zu beklagen in Kongo, aber das interessiert die Welt anscheinend nicht“. Bienfait hat die vergangenen zwanzig Jahr nichts als Krieg erlebt. „Wenn ich das Geld hätte, ich wäre längst abgehauen“, sagt er. Doch weil er arm ist, hat er ausgeharrt in den Virunga-Bergen und sich vor jedem neuen Eroberer weggeduckt.

          Seit 1996 herrscht in den Bergen zwischen Rutshuru und Kiwanja eigentlich ununterbrochen Krieg – ein Krieg, der aus kongolesischer Sicht von Ruanda angeheizt wird, um die Rohstoffe – Gold, Koltan, Kasserit – unter seine Kontrolle zu bekommen. Aus ruandischer Sicht hingegen geht es ausschließlich um die Bekämpfung der Nachfolgeorganisation der für den Völkermord verantwortlichen Interahamwe-Miliz, des „Front pour la Libération du Rwanda“ (FDLR), der sich seither in Ostkongo verschanzt hält.

          Am Anfang stand der Angriff der neuen ruandischen Armee auf Kongo 1996, zwei Jahre nach dem Völkermord, bei dem es Kigali darum ging, die riesigen Flüchtlingslager aufzulösen, in denen die Interahamwe viele Kämpfer rekrutierten; dann kam der zweite kongolesische Krieg von 1998 bis 2007, der wiederum von Ruanda ausging, und in den zeitweise sieben ausländische Armeen verwickelt waren. In den beiden ostkongolesischen Provinzen Nord- und Süd-Kivu kamen seit 2004 Rebellengruppen hinzu, die von Ruanda gesteuert wurden und vorgaben, gegen die FDLR zu kämpfen. Ihre Mitglieder rekrutierten sich nahezu ausschließlich aus kongolesischen Tutsi. Die Reaktion darauf waren die Selbstverteidigungsgruppen der Maï-Maï, die mit Unterstützung der kongolesischen Armee gegen die kongolesischen Tutsi vorgingen. „Und wir immer mittendrin“, seufzt Bienfait.

          Besonders brutal sei es unter den beiden Rebellengruppen „Congrès national pour la Défence du Peuple“ (CNDP) des desertierten kongolesischen Generals Laurent Nkunda und M23 zugegangen, die beide von Ruanda finanziert wurden. Im November 2008 töteten Nkundas Kämpfer mehr als 200 Zivilisten in Kiwanja, weil sie ihnen unterstellten, mit den Maï-Maï gemeinsame Sache zu machen. Nach der Entmachtung Nkundas durch die eigenen Leute im Januar 2009 herrschte knapp drei Jahre Ruhe, bis sich eine neue Rebellengruppe namens M 23 formierte, die wiederum vorgab, das Problem des FDLR „endgültig“ lösen zu wollen und sich dafür mit der kongolesischen Armee anlegte. Der M23 war nichts anderes als Nkundas ehemalige Truppe. „Das waren alte Bekannte für uns“, sagt Bienfait Rugera, „die selben Mörder unter neuer Fahne“.

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