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Nach dem Tod von Shabaab-Anführer : Somalias Plage

Somalische Männer verfolgen die Nachricht vom Tod des Milizenführers im Fernsehen Bild: AFP

Ahmed Abdi Gondane, der Anführer von al Shabaab, ist bei einem amerikanischen Luftschlag getötet worden. Sein Tod trifft die Terrormiliz in einer Phase, in der sie ohnehin geschwächt ist.

          Es war Ahmed Abdi Godane, der aus dem eher schwach ausgerüsteten militärischen Arm der „Union der Schariagerichte“ eine schlagkräftige Terrorgruppe machte. Vor der Radikalisierung hatten die Schariagerichte mit ihrem bewaffneten Arm al Shabaab in Somalia vor knapp zehn Jahren für eine der wenigen relativ friedlichen Phasen gesorgt. Godane schließlich verbündete sich mit Al Qaida und öffnete die zunächst nahezu rein somalische Miliz al Shabaab auch für ausländische Dschihadisten. In diese Zeit fällt auch die Reise der nun in Frankfurt festgenommenen mutmaßlichen Shabaab-Kämpfer mit deutscher Staatsangehörigkeit: Im Jahr 2012 sollen sie von Deutschland aus nach Somalia gereist sein.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Offenbar kurz zuvor, im Februar 2012, hatte Godane al Shabaab gleichsam internationalisiert und offiziell mit Al Qaida verbündet. Godane erreichte einerseits die wohl größte Machtkonzentration in der Geschichte der islamistischen Terrormiliz. In den sechs Jahren seiner Herrschaft kontrollierte al Shabaab fast die Hälfte Somalias inklusive großer Teile der Hauptstadt Mogadischu.

          Andererseits fällt in seine Herrschaft auch eine der größten Hungersnöte in der von ihm kontrollierten Region – Hilfslieferungen ließ er stoppen oder plündern. Zudem schaffte es die vor allem von der Europäischen Union bezahlte Friedenstruppe Amisom der Afrikanischen Union, al Shabaab aus Mogadischu zu vertreiben. Insbesondere der Verlust der Häfen von Mogadischu und Kismayu schwächte die Terrormiliz. Über Kismayu hatte al Shabaab Waffen bezogen und den lukrativen Holzkohlehandel aus der Region heraus kontrolliert. In diesem Zusammenhang könnte Godanes darauf folgendes Bündnis mit Al Qaida als eine Art propagandistischer Befreiungsschlag interpretiert werden.

          Unklar, wer Godane folgen wird

          In Godanes Herrschaft fällt die Ausweitung des Terrors auf die Nachbarländer: 2010 wurden bei zwei Selbstmordanschlägen in Uganda mehr als 70 Menschen getötet. Den Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi mit 67 Toten im September 2013, für den Godane die Verantwortung übernahm, bezeichnete der Shabaab-Führer als Vergeltungsschlag für den Einsatz kenianischer Truppen in Somalia.

          Karte von Somalia

          In der vergangenen Woche wurde Godane nahe Barawe nun bei einem amerikanischen Luftschlag getötet. Dies bestätigten am Wochenende das Pentagon, somalische Regierungsstellen und zumindest ein Sprecher von al Shabaab selbst. Der von amerikanischen Drohnen ausgeführte Luftschlag war einer von vielen Angriffen, die die Vereinigten Staaten seit dem Shabaab-Attentat auf das kenianische Einkaufszentrum auf mutmaßliche Stellungen der Islamisten offenbar verstärkt durchführen.

          Nach den Luftangriffen stießen Amisom-Truppen auf die Stadt Barawe vor, die vormals als Hochburg von al Shabaab galt. Mit Godane sollen fünf weitere ranghohe Shabaab-Mitglieder getötet worden sein. Über ihre Identität wurde zunächst nichts bekannt, und auch nichts darüber, was ihr Tod für die Führungsstruktur der Terrormiliz bedeutet. Berichte darüber, dass auch der zunächst als möglicher Nachfolger Godanes gehandelte Chef des gefürchteten Shabaab-Geheimdienstes Amniyat, Mahad Karate, getötet wurde, sind bislang nicht bestätigt worden.

          Interne Machtkämpfe

          Was Godanes Tod über eine mögliche Schwächung von al Shabaab aussagt, darüber kann nur spekuliert werden. Sein Tod fällt aber auf jeden Fall in eine Zeit, in der al Shabaab ohnehin Probleme hat. Die immer besser ausgerüsteten Amisom-Truppen rücken offenbar erfolgreich immer weiter auch ins Hinterland Somalias vor.

          Die Zeit, in der al Shabaab ganze Landstriche kontrollierte, scheint zu Ende zu gehen. Während al Shabaab auf dem Schlachtfeld Niederlage um Niederlage erleidet, verübt die Terrorgruppe wieder vermehrt Attentate, so auch am Montag wieder in Mogadischu. Der militärische Niedergang von al Shabaab dürfte paradoxerweise auch eine Folge der Machtausdehnung Godanes sein. Nicht zuletzt sein direkter Alleinherrschaftsanspruch verstärkte offenbar die Kritik an Godane auch innerhalb der Shabaab-Führung. Als die damaligen Mitglieder der Shabaab-Führungsriege Hassan Dahir Aweys, Ibrahim Haji Me’ad al Afghani und der aus Amerika stammende Omar Hammami die Wiedereinführung eines Shura-Rates forderten, ließ Godane Me’ad und Hammami ermorden und Aweys unter Arrest stellen. Hammami soll zudem darauf gedrängt haben, internationalen Dschihadisten mehr Mitsprache zu gewähren. Mit Aweys und anderen Warlords jedoch verlor die Miliz kriegserprobte Militärkommandeure. Sie hatten ihre Erfahrung im jahrzehntelangen somalischen Bürgerkrieg gesammelt und fielen in dieser Zeit nicht unbedingt durch die Verbreitung von radikalen islamistischem Gedankengut auf.

          Der Tod Godanes könne deshalb ein Zerfallen der Gruppe in verschiedene Milizen zufolge haben, schreibt der somalische Journalist Abdi Aynte. Die Terrorgruppe gab mittlerweile einen Nachfolger Godanes bekannt: Ahmed Umar Abu Ubaida soll der Shabaab-Schattengouverneur der südlichen Region Bay Bakool sein.

          Ob andere Shabaab-Kommandeure dies gewaltlos akzeptieren, bleibt abzuwarten. Denn wie der aus Hargeisa stammende Godane gehört auch Ubaida keinem in Zentralsomalia dominierenden Clan an. Dass die drei deutschen Shabaab-Kämpfer just in dieser Zeit in die Bundesrepublik zurückkehren, muss deshalb kein Zufall sein. Wie der Südwestdeutsche Rundfunk berichtet, sollen die drei jungen Männer nach Deutschland zurückgereist sein, weil sie nicht weiter an den Kämpfen der Miliz teilnehmen wollten.

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