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Mauretaniens Islamisten : Wettstreit der Wohltäter

Eine Moschee im Quartier Arafat: In diesem Viertel der Hauptstadt Nouakchott gibt es sehr viele davon. Hier soll auch Al Qaida Anhänger rekrutieren. Bild: F.A.Z.-Foto Jochen Stahnke

In Mauretanien konkurrieren viele islamistische Gruppen um die verarmte Bevölkerung. Präsident Aziz hält die Zügel noch fest in der Hand, aber in seinem Land gärt es.

          Der stellvertretende Vorsitzende ist überpünktlich. Salek Ould Sidi Mahmoud eilt die mit einem speckigen Teppich ausgelegte Treppe hinauf. Mit beiden Händen zieht er sein schlichtes weißes Gewand etwas hoch, damit sich die Füße in den ausgelatschten Ledersandalen frei bewegen können. Ein Mann um die 40, klein und schlank, mit einem hübschen Gesicht, kurzen Haaren und sorgfältig gestutztem Vollbart. Die freundliche Begrüßung findet im Flur statt. Sidi Mahmoud bittet in sein Büro. Kein Vorzimmer, keine Formalitäten. Ein schwarzer Diener serviert Tee.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Was ihn eigentlich in die Partei der mauretanischen Islamisten geführt hat? „Revolutionäres Blut.“ Warum er den israelischen Botschafter aus der Hauptstadt Nouakchott verjagte? „Weil wir für die Freiheit sind.“ An der Wand in Sidi Mahmouds Büro hängt ein einziges Bild. Es ist eine Landkarte, die Israel zeigt. Nur, dass das Land hier Palästina heißt. Vor drei Jahren hatte seine Tewassoul-Partei Massendemonstrationen organisiert, auf denen Machthaber Abdel Aziz aufgefordert wurde, die Beziehungen zu Israel zu beenden. Er ging darauf ein. Aziz schloss die eigene Botschaft in Jerusalem und wies den israelischen Botschafter aus.

          Der Machthaber der Islamischen Republik Mauretanien ist einerseits ein enger Verbündeter des Westens, der Al Qaida und mit der Organisation verbündete Terroristen wirksam bekämpft. 2008 putschte sich der Armeeoffizier an die Macht; angeblich, weil der Vorgänger schwach gegen Terrorismus anging. Möglicherweise auch, weil die von den arabischstämmigen Mauretaniern dominierte Armeeführung in einer Demokratie die langsame Machtübernahme der schwarzen Bevölkerungsmehrheit fürchtete. Im Innern jedenfalls gibt sich Aziz heute zunehmend als strenggläubiger Muslim. Seit ein paar Monaten sind Verkauf und Konsum von Alkohol verboten. Es gab Verhaftungen.

          Als der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry vor achtzig Jahren Halt machte im Fünfhundert-Seelen-Kaff Nouakchott, sah er nicht mehr als einen kleinen Posten, „so isoliert von allem Leben wie ein im Meer verlorenes Inselchen“. Der französische Kolonialbeamte, dem er die Post mit dem Flugzeug brachte, weinte: Nach sechs Monaten sah er wieder einen Landsmann. Trist ist es noch immer in Nouakchott. Noch immer gibt es in der mauretanischen Hauptstadt weder Kino noch Theater. Dafür ein paar hundert Moscheen mehr. Die französische Botschaft ist inzwischen wie ein Militärlager in Afghanistan gesichert.

          Es bedarf bloß noch der Demokratie

          Für den Islamisten Sidi Mahmoud ist das Verhalten des Regimes nur Fassade. Machthaber Aziz sei weder an der Bekämpfung des Terrors noch am Islam oder an irgendeiner Form von Entwicklung interessiert. Er beginnt mit einem Vortrag über die schamlose Kleptokratie, in der die staatlichen Milliardeneinnahmen nur dem Clan des Präsidenten zugutekommen. Trotz gigantischer Eisenerzvorkommen herrscht Aziz über ein völlig verarmtes Volk. Parlamentsabgeordnete wie Sidi Mahmoud stehen dem ohnmächtig gegenüber. Die Regierungspartei diene allein dem persönlichen Wohl des Machthabers. „Aziz hat kein Programm.“ Ähnlich verhalte es sich mit den anderen Parteien Mauretaniens. „Im Gegensatz zu uns.“

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