https://www.faz.net/-gq5-8lu91

Malischer Kulturschänder : Timbuktus offene Wunden

  • -Aktualisiert am

Gefängnis für malischen Kulturschänder: Ahmad Al Faqi Al Mahdi vor dem internationalen Gerichtshof. Bild: AFP

Die Denkmäler im malischen Timbuktu galten als Symbol für Toleranz und Vielfalt. Die Zerstörung stellt einen unwiderruflichen Verlust dar. Nun hat der Internationale Strafgerichtshof erstmals einen Kulturschänder wegen Kriegsverbrechen verurteilt.

          3 Min.

          Neun Jahre Haft lautet der Schuldspruch am Ende des Prozesses. Neun Jahre Haft für die Zerstörung von zehn Kulturdenkmälern in der malischen Wüstenstadt Timbuktu. Die Strafe fiel vergleichsweise milde aus, weil der Beschuldigte von Anfang an mit dem Gerichtshof kooperiert hatte. Sein umfassendes Geständnis und die ehrliche Reue, die er gezeigt habe, seien zu seinen Gunsten gewertet worden, führte der Vorsitzende Richter Raul C. Pangalangan zur Begründung aus. Doch die Zerstörung von Kulturgütern sei ein schweres Verbrechen.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Mit dem Schuldspruch gegen den Malier Ahmad al Faqi al Mahdi am Dienstag vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ist zum ersten Mal in der Geschichte des Völkerstrafrechts die Zerstörung von Kulturgütern als Kriegsverbrechen geahndet worden. Zum ersten Mal erfährt damit der im humanitären Völkerrecht schon lange geltende Grundsatz Wirkung, dass auch Angriffe auf die Identität und Kultur von Völkern ein Verbrechen sind. Immer wieder in der Geschichte hat es solche Angriffe gegeben. Aber seit der Sprengung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan durch die Taliban im Jahr 2001 und den jüngsten Zerstörungen in der syrischen Oasenstadt Palmyra durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist die Strategie der Auslöschung vorislamischer Kultur ins Bewusstsein der Weltgemeinschaft gerückt. Ein Grund, warum auch die Unesco zu den treibenden Kräften des Verfahrens gehörte.

          Die Gebäude, die die Schergen der Hisbah, einer Art Sittenpolizei, unter al Faqi al Mahdi in Timbuktu zerstörten, hätten nicht nur religiöse Bedeutung, sondern einen besonderen symbolischen und emotionalen Wert für die Einwohner Timbuktus dargestellt, hieß es in der Begründung des Urteils. Der Richter verwies auf die Bedeutung Timbuktus in der Mythologie und für die Verbreitung und Entwicklung des Islams im Westen Afrikas. Doch es sei auch zu bedenken, dass Verbrechen gegen Gegenstände generell weniger schwer wögen als Verbrechen gegen Menschen. Mit Fassung nahm der Angeklagte den Schuldspruch in dem nüchternen Verhandlungssaal des Internationalen Strafgerichtshofs auf. Er hatte schon am ersten Verhandlungstag ein umfassendes Geständnis abgelegt und seine Reue über die Taten beteuert. Er war überhaupt der erste Angeklagte, der sich vor dem Völkerstrafgerichtshof zu seinen Taten bekannte.

          Geboren in Chancenlosigkeit

          Ahmad al Faqi al Mahdi kam in einem kleinen Ort westlich von Timbuktu zur Welt. Ein junger Targi, dem die Chancenlosigkeit quasi in die Wiege gelegt worden war, so arm und rückständig ist seine Heimatregion. Doch im Juni 2012 schlug seine große Stunde: Im Gefolge einer Rebellion der Tuareg-Stämme im äußersten Norden Malis war nahezu die Hälfte des Landes unter die Kontrolle von Islamisten gefallen. Die beiden großen Gruppen hießen Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) und Ansar al Dine, eine von einem Targi gegründete Terrorgruppe, die sich vorwiegend aus Tuareg zusammensetzte – jungen Männern wie al Faqi al Mahdi, dem für seine Gefolgschaft ein Salär von 150.000 Franc CFA (230 Euro) versprochen worden war.

          Im Juli 2012 eroberte Ansar al Dine die sagenumwobene Wüstenmetropole Timbuktu und al Faqi al Mahdi stieg zum Chef einer Hisbah auf. Ihm oblag es, Frauen zu züchtigen, die gegen die Kleidervorschriften der Islamisten verstießen, und Männer, die rauchten oder Musik hörten. Vor allem hatten ihm seine Chefs eine Liste mit bekannten Gedenkstätten übergeben, die es zu vernichten galt. Diese Ziele waren mit Bedacht gewählt worden. Die Zerstörung von neun Mausoleen und der als „heilig“ geltenden Tür des Sidi Yahia sollte die Menschen in Timbuktu demoralisieren.

          Einmalige Kunstschätze

          Neben den privaten Bibliotheken, die von ihren Besitzern in jenem Sommer 2012 vor den Barbaren in Sicherheit gebracht worden waren, galten die neun Mausoleen als Stein gewordene Zeugen eines Sufismus, der Toleranz und Vielfalt predigt und der Timbuktu und seine Bewohner seit jeher prägt. Unter den Spitzhacken von Ansar al Dine fiel das Mausoleum von Sidi Mahmud aus dem 16. Jahrhundert, der als Rektor einst der berühmten Wüstenuniversität Sankore vorstand. Sidi Ahmed ar-Raqqad wiederum, dessen Mausoleum ebenfalls geschleift wurde, hatte im 17. Jahrhundert ein bahnbrechendes Buch über Pharmakologie geschrieben und nebenher einen Brunnen gegraben, der bis in das Jahr 1948 Wasser lieferte. Als besonders frevelhaft empfanden die Bewohner Timbuktus die Zerstörung der Eingangstür der Moschee des Sidi Yahia aus dem 15. Jahrhundert, des Schutzheiligen der Stadt. Dem lokalen Glauben zufolge bedeutet das Öffnen dieser Tür das nahe Ende der Welt. Genau darum ging es Ansar al Dine: sich selbst als Herold einer neuen Zeitrechnung zu profilieren.

          Großer Verlust: Die Zerstörung von Kulturdenkmälern in der Wüstenstadt Timbuktu.
          Großer Verlust: Die Zerstörung von Kulturdenkmälern in der Wüstenstadt Timbuktu. : Bild: AFP

          Der Spuk hatte in Timbuktu nur knapp acht Monate gedauert. Im Januar 2013 begann die französische Armee mit ihrem Feldzug gegen die Islamisten in Mali (Opération Serval). Am 27. Januar sprangen Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion über Timbuktu ab und nahmen die Stadt ohne Gegenwehr ein. Ansar al Dine war längst geflohen. Zurück blieb eine ihrer historischen Zeugnisse beraubte Kulturmetropole, die in der muslimischen Welt ihresgleichen sucht. Zwar sind etliche der geschleiften Mausoleen dank großzügiger internationaler Hilfe inzwischen restauriert. Doch die Narben bleiben. „Wir hoffen, dass dieses Urteil ein Signal ist, dass man nicht einfach die Kultur anderer Menschen vernichten darf“, sagt Lassane Conté, der Direktor der malischen Instituts für Denkmalschutz. „Aber wir warten immer noch auf den ersten Prozess für all die Menschen, die von den Islamisten getötet wurden.“

          Weitere Themen

          574 Corona-Tote an einem Tag

          Drama in Rumänien : 574 Corona-Tote an einem Tag

          Rumänien hat eine der weltweit höchsten Raten an Infektionen. Staatspräsident Johannis beklagt ein „Drama von verheerenden Ausmaß“. Patienten werden nach Ungarn ausgeflogen.

          Topmeldungen

          Atomkraft: Zu Unrecht undiskutabel?

          Energiewende unter der Ampel : Die Atom-Diskussion wagen

          Die Energiewende ist kein einfaches Unterfangen. Die Ampel möchte vermehrt auf erneuerbare Energien setzen, aus Gründen des Klimaschutzes. Eine andere Energiequelle fällt aus der Diskussion.

          Hohe Energiepreise : Merkel lehnt Markteingriffe ab

          Die EU-Chefs streiten auf ihrem Gipfel über die hohen Energiepreise. Drei Lager stehen sich dabei gegenüber – wobei Kanzlerin Merkel Markteingriffe ablehnt. Widerspruch bekommt sie vom polnischen und vom ungarischen Ministerpräsidenten.
          Wegen der Cum-Ex-Aktiendeals musste Olaf Scholz im April vor einem Untersuchungsausschuss in der Hamburger Bürgerschaft aussagen.

          „Cum-Cum“ : 140 Milliarden Euro Beute durch Steuertricksereien

          Die „Cum-Ex“-Deals sind inzwischen bekannt. Doch auch mithilfe anderer Modelle sollen Banken dem Fiskus Geld aus der Tasche gezogen haben – weit mehr als bisher gedacht. Möglicherweise dauert das auch immer noch an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.