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Mali : Ertüchtigte Eisverkäufer

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Die Streitkräfte dieses Landes sind nach wie vor ein echter Lotterhaufen. In diese Armee wurde man nicht über ein normales Rekrutierungsverfahren aufgenommen, sondern nur über Beziehungen. Im Gegenzug gab es ein regelmäßiges Einkommen und ansonsten nichts zu tun. Es war eine Operettenarmee. Im Volksmund werden die malischen Soldaten übrigens „vendeurs de glace“ genannt - Eisverkäufer. Weil es in den Kasernen zumindest Strom gibt, hatte sich jeder, ob einfacher Soldat oder hoher Offizier, ein paar Kühltruhen zugelegt, um seinen Sold mit dem Verkauf von Soda-Eis aufzubessern.

„Garantien haben wir keine, aber viel Hoffnung“

Als im Januar des vergangenen Jahres im Norden des Landes schwerbewaffnete und hochmotivierte Tuareg-Rebellen und in ihrem Gefolge radikale Islamisten auftauchten, übten die Eisverkäufer umgehend ihr bestes Manöver: die heillose Flucht. „Das ist eine geschlagene Armee, und deshalb ist es so wichtig, den Soldaten neues Selbstvertrauen zu vermitteln“, sagt Oberstleutnant Alexander Müller-Cramer, der Kommandeur des deutschen Kontingents in Koulikoro.

Leutnant Momon Saye ist der Zugführer der 30 malischen Soldaten am spanischen Reiter. Die Ausbilder legen großen Wert darauf, dass auch die Offiziere ins Schwitzen geraten und sich schmutzig machen. Das stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl. Eines der Probleme dieser Armee war bislang nämlich, dass kein Soldat seinem Vorgesetzten gehorchte, weil keiner dem anderen vertraute. Für diesen Zustand ist der Offizier Saye vermutlich ein typisches Beispiel: 30 Jahre ist er alt, seit zwölf Jahren dient er, aber weiter als zum Leutnant hat er es schon deshalb nicht gebracht, weil ihm die entsprechenden Verbindungen fehlten.

Die malische Armee sei von „korrumpierten Gerontokraten“ beherrscht worden, sagt der französische General Lecointre. Die seien inzwischen zwar alle entfernt und durch junge Offiziere ersetzt worden. Doch bis sich aus den Trümmern dieser Armee neue, verlässliche Streitkräfte herausbilden, sei es noch ein weiter Weg. Immerhin wurden die Europäer vom malischen Verteidigungsministerium eingeladen, an der Ausarbeitung einer neuen Militärdoktrin mitzuarbeiten. „Das zeigt doch, wie sehr unsere Arbeit hier geschätzt wird“, sagt Lecointre.

Eine Frage aber kann zurzeit niemand beantworten, nämlich die, wie die malische Regierung mit ihrer runderneuerten Armee künftig umzugehen gedenkt. Die Unzufriedenheit mit der unzureichenden Ausrüstung und vor allem die Planlosigkeit der Regierung im Kampf gegen die Dschihadisten hatte im März des vergangenen Jahres zu einem Militärputsch geführt, der ausgerechnet von den Offizieren getragen wurde, die einst von den Amerikanern im Kampf gegen Terroristen ausgebildet worden waren. Ob die künftige Regierung aus diesen Fehlern lernen wird, muss sich erst noch herausstellen. „Garantien haben wir keine“, sagt General Lecointre, „aber viel Hoffnung.“

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