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Madagaskar : Die gekaufte Wahl auf der „Grande Île“

  • -Aktualisiert am

Madagaskar vor der Wahl: Ein Verkaufsstand in den Straßen von Antananarivo Bild: dpa

Madagaskar verrottet. Bei der Präsidentenwahl dürfen die einflussreichsten Politiker gar nicht antreten. Sie haben ihre Marionetten vorgeschickt und sie mit viel Geld ausgestattet.

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          Viereinhalb Jahre ist es her, dass der gewählte madagassische Präsident Marc Ravalomanana bei einem Staatsstreich vom Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo, Andry Rajoelina, gestürzt wurde. Seither kennt die Entwicklung der „Grande Île“ eigentlich nur eine Richtung: bergab. Früher lebten sechs von zehn Madagassen unter der offiziellen Armutsschwelle von zwei Dollar am Tag. Heute sind es nach Schätzungen der Weltbank neun von zehn. Früher, unter dem umtriebigen Ravalomanana, der das Land wie ein Privatunternehmen zu führen versucht hatte, lag das jährliche Wirtschaftswachstum bei fünf Prozent.

          Seit Rajoelinas Machtergreifung liegt es bei null. Früher existierte eine halbwegs passable Infrastruktur. Heute verrottet sie. Früher konnte man davon ausgehen, vor einem madagassischen Gericht ein faires Urteil auf Basis von ernsthaften Ermittlungen zu bekommen. Heute siegt dort ausschließlich die dickere Brieftasche. Auf der ganzen Welt gibt es nur ein einziges Land, das noch tiefer als Madagaskar gefallen ist, ohne einen Krieg erlebt zu haben, und das ist Zimbabwe.

          Doch das soll jetzt alles anders werden. Am heutigen Freitag wählt Madagaskar einen neuen Präsidenten. 33 Kandidaten stehen zur Wahl, und die Bandbreite der Anwärter reicht von einem ehemaligen Finanzminister bis hin zu einem Dorfpolizisten. Die drei selbsternannten politischen Schwergewichte aber, nämlich Ravalomanana, sein Vorgänger Didier Ratsiraka und Rajoelina nehmen nicht teil. Die Entwicklungsgemeinschaft im südlichen Afrika (SADC), die seit Beginn der Krise auf der Insel vermittelt, hatte den Verzicht des Trios zur Bedingung für die Aufhebung der seit 2009 geltenden Sanktionen gemacht. Darin waren sich SADC, Afrikanische Union und Europäische Union einig. Das ändert aber nichts an der politischen Lähmung auf der Insel, denn jeder der drei ewigen Streithähne hat eine Marionette ins Rennen geschickt.

          Madagaskars Präsident Andry Rajoelina bei der Stimmabgabe am Freitag
          Madagaskars Präsident Andry Rajoelina bei der Stimmabgabe am Freitag : Bild: dpa

          Der im südafrikanischen Exil lebende Milliardär Ravalomanana hatte zunächst vergeblich versucht, seine Frau Lalao zur Spitzenkandidatin seiner Bewegung zu machen, und als das nicht klappte, zog er den ehemaligen Gesundheitsminister Jean Louis Robinson mit Geld auf seine Seite. Der äußerte im Wahlkampf artig, dass er im Falle eines Sieges „natürlich“ Marc Ravalomanana zum Ministerpräsidenten ernennen werde.

          Andry Rajoelina wiederum, nicht annähernd so vermögend wie der mit Molkereien zu Reichtum gekommene Ravalomanana, schickt den ehemaligen Finanzminister Hery Rajaonarimampianina vor. Drei oder vier weitere der 33 Präsidentschaftskandidaten hören ebenfalls auf sein Kommando. „Hery“, wie der ehemalige Minister wegen seines zungenbrechenden Familiennamens gerufen wird, ist jedenfalls ganz auf Linie Rajoelinas: Die Präsenz weltweit tätiger Bergbaukonzerne auf Madagaskar ist ihm ein Dorn im Auge, und er will den Sektor stärker reglementieren.

          Wahlhelfer treffen am Freitag in Antananarivo letzte Vorbereitungen
          Wahlhelfer treffen am Freitag in Antananarivo letzte Vorbereitungen : Bild: dpa

          Ravalomanana war damals genau über dieses Thema gestolpert, als er das Land für Großinvestoren öffnen wollte und landwirtschaftlich ungenutzte Ländereien an einen südkoreanischen Lebensmittelkonzern verkaufen wollte. Rajoelina hatte ihm daraufhin fehlenden Patriotismus vorgeworfen, und ein General der madagassischen Armee hatte dieser Zeitung damals erklärt, dass man Land schon deshalb nicht an Ausländer verkaufen dürfe, weil dort die Geister der Ahnen wohnen.

          Die Armee hat beim Ausgang dieser Wahl ebenfalls ein Wort mitzureden. Sie hatte sich im Jahr 2009 gegen Ravalomanana gestellt und ihn buchstäblich aus dem Amt geworfen. Zudem versuchen die Kandidaten offenbar, sich mit viel Geld den Zugang zum Präsidentenamt zu erkaufen. Camille Vital etwa, ehemaliger Brigadegeneral und jetzt ein „homme politique“, berichtete von 350 Geländewagen, die ihm „geschenkt“ worden seien. Den Namen seines Gönners nannte er aber nicht. „Hery“ wiederum soll trotz seiner zur Schau gestellten Aversion gegen Bergbauunternehmen Geld von denjenigen Konzernen erhalten haben, die bislang keine Schürfrechte auf Madagaskar haben. Die Insel verfügt über große Eisenerzvorkommen, hinzu kommen seltene Erden sowie Vanadium.

          Ein Kind posiert vor einer Militärpatrouille in der madagassischen Hauptstadt
          Ein Kind posiert vor einer Militärpatrouille in der madagassischen Hauptstadt : Bild: dpa

          Dann gibt es noch Gerüchte über französisches Kapital aus Mauritius, chinesisches Geld und finanzstarke „Karana“, wie die indisch-pakistanischen Händler auf der Insel genannt werden. Sie alle, so heißt es, wollten sich politisches Wohlwollen erkaufen. „Ich habe keine Ahnung, woher das ganze Geld kommt“, echauffierte sich unlängst im Radio Jean Omer Beriziky, der Ministerpräsident der madagassischen Übergangsregierung. „Aber angesichts der Armut der Bevölkerung ist das ein Riesenskandal.“

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