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Flüchtlingsstrom aus Afrika : Agadez statt Heidenau

  • -Aktualisiert am

Gefährliche Reise: Die meisten Migranten aus Westafrika machen sich von Agadez aus auf den Weg durch die Welt – oft auf überfüllten Pritschenwägen. Bild: AFP

Die Bundesregierung plant ein Zentrum in Niger, um Migranten schon dort zu verdeutlichen, wie gering ihre Aussicht auf Asyl in Europa ist. Kann das funktionieren?

          7 Min.

          Nach außen reagieren Spitzenpolitiker gerne mit großen Worten und Bildern, wenn eine Krise sich zuspitzt. Je hilfloser die Mitglieder der Bundesregierung angesichts des Flüchtlingsstroms und der Angriffe auf Unterkünfte für Asylsuchende wirken, desto mehr zieht es sie vor die Kameras.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Erst eilt der Vizekanzler ins sächsische Heidenau, dann die Kanzlerin, am Donnerstag der Justizminister. Der Besuch von Flüchtlingslagern gehört inzwischen zum Pflichtprogramm. Die Mühen der Ebene, der kleinteilige Kampf für eine Verbesserung der Lage, finden aber außerhalb des Scheinwerferlichts statt. Zum Beispiel der Versuch, gegen die Migrationsbewegungen aus Afrika an deren Wurzel vorzugehen.

          Wenn ein afrikanischer Flüchtling auf den europäischen Fernsehmonitoren auftaucht, sitzt er in einem jämmerlichen Schlauchboot vor der Küste Libyens, drängt sich in einen Zug, der von Italien Richtung Deutschland fährt, oder wird in Sachsen von der NPD beschimpft. Doch begonnen hat seine Reise viel früher, oft in der Mitte des afrikanischen Kontinents, unterhalb der Sahara.

          Die Flucht beginnt in Afrika

          Dieselben europäischen Politiker, die sich um diese Menschen kümmern müssen, wenn sie in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien angekommen sind, wollen möglichst viele davon abhalten, überhaupt aufzubrechen – sofern sie nicht wirklich verfolgt werden. Zumindest wollen sie ihnen klarmachen, wie groß die Risiken und wie klein die Chancen sind, Asyl in Europa zu bekommen. Einer der wichtigsten Orte, an denen Afrikaner künftig nach dem Willen der Bundesregierung und anderer EU-Staaten mit diesen Informationen konfrontiert werden sollen, ist die Stadt Agadez in Niger.

          Niger steht in Sachen Wohlstand ganz am Ende der Weltrangliste. Aber wer aus Westafrika nach Europa will, kommt kaum um Niger herum. Eine Flucht aus Westafrika findet in der Regel nicht auf chaotischen, ständig wechselnden Pfaden statt, sondern entlang großer Routen, an denen Schlepperbanden eine gut funktionierende Organisationsstruktur errichtet haben.

          Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) werden im Laufe dieses Jahres 80.000 bis 120.000 Migranten ihren Weg nach Norden Richtung Europa durch Niger zurückgelegt haben. Das ist ein Großteil aller Flüchtlinge, die von Westafrika nach Europa wollen. Agadez ist der Ort, an dem die meisten dieser Routen zusammenlaufen. Hier ist die Infrastruktur für eine Flucht bestens ausgebaut. Mancher Migrant arbeitet auch in den örtlichen Minen, um sich das Geld für die Reise zu verdienen.

          Mehr Franzosen als Deutsche

          Deswegen ist in Berlin und anderen europäischen Hauptstädten in jüngster Zeit immer wieder von Agadez die Rede. Dort soll ein „multifunktionales Zentrum“ errichtet werden. Festgelegt ist diese von der EU-Kommission vorangetriebene Idee in der „europäischen Migrationsagenda“.

          Anfang August schrieb das Bundesinnenministerium in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke: „Die Bundesregierung unterstützt den von der EU geplanten Ausbau des multifunktionalen Zentrums in Agadez/Niger.“ Unter dem Druck, endlich wirksame Maßnahmen gegen die Flüchtlingsströme vorweisen zu können, wird in den Konferenzzimmern der Berliner Ministerien dieser Tage versichert, dass das Projekt bald beginnen werde. In der EU-Kommission heißt es, dass es noch in diesem Jahr losgehen solle.

          Start in Westafrika: Diesen Weg schlagen viele der afrikanischen Flüchtlinge ein um nach Europa zu kommen.

          Auf dem Papier sieht das gut aus. Den Menschen werden die tatsächlichen Möglichkeiten, in Europa bleiben zu dürfen, aufgezeigt, bevor sie sich den Gefahren einer Reise durch die Wüste und über das Mittelmeer aussetzen. Und wenn es klappt, hat Deutschland ein paar Probleme weniger. Doch von der Verwirklichung scheint dieser Plan noch ein Stück entfernt. Erkennbar verfolgt wird er ohnehin eher von den in Afrika traditionell aktiven Franzosen als von den Deutschen.

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