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Konflikt um Nilwasser : Zur Kooperation verdammt

  • -Aktualisiert am

Großprojekt: Auf der Baustelle des Renaissance-Staudamms in Äthiopien. Bild: Reuters

Vor zwei Jahren drohte Ägypten mit Krieg, weil Äthiopien einen Damm am Blauen Nil bauen wollte. Jetzt ist es Sudan gelungen, den Konflikt um die Wassernutzung zu entschärfen. An diesem Mittwoch ist al Sisi in Addis Abbeba – in friedlicher Mission.

          Der sudanesische Präsident Omar al Baschir nennt das Abkommen „historisch“. Das ist nicht übertrieben. Schließlich geht es um den Nil und damit um ein Thema, bei dem Ägypten keinen Spaß versteht. Zwei Jahre lang hatte Sudan zwischen Ägypten und Äthiopien vermittelt, bis Kairo einsah, dass der in Äthiopien geplante Renaissance-Staudamm am Blauen Nil mehr Nutzen bringt als Schaden. Am Montag haben die Staatschefs der drei Länder nun eine entsprechende Grundsatzerklärung unterzeichnet, und an diesem Mittwoch will der ägyptische Präsident al Sisi vor der äthiopischen Nationalversammlung eine versöhnliche Rede halten. Vor zwei Jahren hatte Ägypten Äthiopien noch mit Krieg gedroht, sollte der Blaue Nil tatsächlich aufgestaut werden.

          Der Renaissance-Staudamm ist ein gewaltiges Projekt. Er wird den Blauen Nil auf knapp zwei Kilometer Länge aufstauen, und die Turbinen in den Staumauern sollen bis zu 6000 Megawatt Strom liefern. Die Kosten werden auf 3,2 Milliarden Euro geschätzt. Wenn der Damm fertiggestellt ist, wird er der größte in Afrika sein. Die hohe Strommenge erklärt sich unter anderem durch die schieren Wassermassen, die im Blauen Nil fließen.

          Der Renaissance-Staudamm. Zur Ansicht bitte anklicken.

          Wenn sich Blauer und Weißer Nil in der sudanesischen Hauptstadt Khartum vereinigen, steuert der Blaue Nil 85 Prozent des Wassers bei, das von dort weiter nach Ägypten fließt. „Natürlich war die Reaktion Ägyptens verständlich. Die hängen zu neunzig Prozent von dem Nilwasser ab“, erinnert sich der sudanesische Wasser- und Energieminister Mutaz Musa Abdallah Salim an die Drohungen gegen Äthiopien.

          Sudan zeigt Verständnis für Äthiopiens Vorhaben

          Ägypten besteht darauf, nahezu das gesamte Wasser des Flusses nutzen zu dürfen, und beruft sich dabei auf Verträge aus den Jahren 1929 und 1959. Darin werden Ägypten und Sudan 87 Prozent des Nilwassers garantiert. Ägypten wird obendrein ein Vetorecht für Bauvorhaben am Unterlauf des Nils zugebilligt. Sudan hat seit dem Bestehen der Verträge nie mehr als die dem Land zustehenden 18 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr entnommen. In manchen Jahren belief sich die Entnahme nicht einmal auf die Hälfte der vereinbarten Menge. „Ehrlich gesagt: Der Nil macht uns keine Kopfschmerzen. Wir erhalten zweihundertmal mehr Wasser im Jahr durch Niederschläge“, sagt Salim.

          Präsentierte Einigkeit: Ägyptens Präsident Abdel-Fattah al Sisi (links), der sudanesische Präsident Omar al Baschir und der äthiopische Ministerpräsident Hailemariam Desalegn bei der Unterzeichnung des Staudamm-Abkommens am vergangenen Montag

          Das ist auch der Grund dafür, dass Sudan bei den Nil-Anrainern im Ruf steht, nicht immer nur den eigenen Vorteil zu sehen, wenn es um das begehrte Wasser des Flusses geht. „Wir brauchen alle Strom, um unsere Länder zu entwickeln. Deshalb hatten wir Verständnis für die Äthiopier, weil die ihre Ressourcen sinnvoll nutzen wollen – zumal es auch unsere Meinung ist, dass das Potential des Blauen Nils bislang nicht einmal ansatzweise genutzt wurde“, sagt Salim.

          Wie viel Wasser ließe der Damm noch nach Ägypten?

          Was dann folgte, nennt der sudanesische Minister heute „unsere Hydro-Diplomatie“. Es waren Emissäre der sudanesischen Regierung unter Leitung des Wasser- und Energieministers, die zwischen Kairo und Addis Abeba pendelten, um den drohenden Konflikt zu entschärfen. „Was immer die Äthiopier auch zusagten: Kairo forderte zusätzliche Garantien“, erinnert sich Salim an den Beginn der Verhandlungen. Schließlich veranlasste Sudan die Erstellung eines technischen Gutachtens über die möglichen Umweltschäden des äthiopischen Staudamms.

          Darin ging es in erster Linie um die Frage, wie viel Wasser noch in Ägypten ankommt, wenn der Damm fertiggestellt sein wird. Äthiopien will dem Nil zwar nicht mehr Wasser entnehmen, als in den Verträgen von 1959 geregelt ist. Gleichwohl waren die Ägypter der Ansicht, dass der Stausee durch Verdunsten viel Wasser verlieren werde. Dieses Phänomen kennt Ägypten bereits aus eigener Erfahrung mit dem 1964 fertiggestellten Assuan-Staudamm. Den würde nach Einschätzung von Salim heute „ohnehin keiner mehr so bauen“, weil er „das falsche Projekt am falschen Ort“ sei. Denn der Assuan-Staudamm liegt in einer Wüste, wo beständig hohe Temperaturen und trockene Luft gewaltige Mengen Wasser verdunsten lassen.

          „Wir mussten den Ägyptern diese Furcht nehmen und haben uns dafür strikt an wissenschaftliche Erkenntnisse gehalten“, schildert Salim. Einer dieser Befunde war, dass der Renaissance-Staudamm geradezu ideal in einer halb feuchten Klimazone liegt, womit das Verdunsten des aufgestauten Wassers drastisch reduziert wird. „Diesen Platz haben die Äthiopier mit Bedacht gewählt, wie sie sich überhaupt unserer Meinung nach sehr verantwortungsvoll verhalten“, sagt Salim. Es habe zwar viel Zeit gekostet, die Ägypter davon zu überzeugen, aber „wir haben den Eindruck, dass sie sich bewegen“.

          Ägypten profitiert auch von Stromproduktion

          Schließlich wird auch Ägypten von dem Staudamm profitieren. Die Nennleistung des Wasserkraftwerks wird mit 6000 Megawatt weit über dem Eigenbedarf Äthiopiens liegen. Nach vorläufigen Schätzungen könnten davon mindestens 2000 Megawatt in die Nachbarländer exportiert werden, darunter nach Ägypten. Sudan hat sich nach Aussage des Energieministers bereits einen Teil der Exportmenge gesichert und plant, dafür jedes Jahr bis zu 500 Millionen Dollar aufzuwenden. Der Bedarf an Energie in der Region ist – wie überall in Afrika – jedenfalls enorm. Vorläufige Berechnungen gehen davon aus, dass sich die Entstehungskosten des Renaissance-Staudamms innerhalb von vier bis fünf Jahren amortisiert haben könnten. „Dieser Staudamm ist für Äthiopien ein Segen und für den Rest von uns ein großer Gewinn“, glaubt Salim.

          Ohnehin werde sich Ägypten mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass die südlichen Nil-Nachbarn den Fluss in Zukunft stärker für die Energieproduktion nutzen. Sudan beispielsweise hängt zu siebzig Prozent von Hydroenergie ab und plant den Bau weiterer Wasserkraftwerke. Das sollen allerdings keine Stauseen sein, sondern Kraftwerke, die ähnlich wie das Inga-Wasserkraftwerk am Unterlauf des Kongos das natürliche Gefälle des Flusses ausnutzen. Solche Lösungen sind teurer als Stauseen, schonen aber die Ressource Wasser. „Wir sind bei der Nutzung des Nils zur Kooperation verdammt. Das wird früher oder später auch Ägypten einsehen“, sagt Salim.

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