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Libyen : Gefährlicher Gesichtsverlust

Das ganze Land gerät außer Kontrolle

Die Amerikaner scheinen sich der Gefahr bewusst zu sein, der sie die Regierung in Tripolis mit ihrer Operation ausgesetzt haben. Die Zeitung „New York Times“ berichtete am Mittwoch unter Berufung auf zahlreiche amerikanische Regierungsmitarbeiter und Militärs, dass die Aktion zur Ergreifung Libis mit dem stillschweigenden Einverständnis Libyens erfolgt sei und eigentlich geheim gehalten werden sollte – und dass eine weitere geplant gewesen sei. Demnach war auch der im ostlibyschen Benghasi wohnende islamistischen Milizkommandeur Ahmad Abu Khattala im Visier der amerikanische Sicherheitsbehörden. Ihm wird vorgeworfen, an dem Angriff auf das amerikanische Konsulat in Benghasi vom 11. September 2012 beteiligt gewesen zu sein, bei dem der damalige amerikanische Botschafter Christopher J. Stevens getötet worden war. Es sei nicht klar, warum nicht zwei Militäraktionen zur gleichen Zeit erfolgten, hieß es in dem Bericht der Zeitung. Aber einen späteren Zugriff in Benghasi wollte Washington demnach aus Angst davor nicht riskieren, dass die Reaktionen auf eine solche Aktion die Regierung zu Fall bringen könnten.

Das von meist islamistischen Milizen beherrschte Benghasi, wo die Gewalt in den vergangenen Monaten eskaliert ist, ist ohnehin ein sehr schwieriges Terrain. Fast täglich wurden dort zuletzt tödliche Attentate verübt. Schon zum Jahrestag hatte es in Washington geheißen, dass es unerträglich sei, wenn Leute wie Abu Khattala frei herumliefen. Unmut und Ungeduld unter amerikanischen Geheimdienstmitarbeitern und Militärs über die Terrorverdächtigen in den Straßen Libyens sollen zuletzt immer mehr zugenommen haben. Der schwachen libysche Regierung waren offenbar die Hände gebunden. Nun scheint mit dem amerikanischen Zugriff eine weitere Chance für jene gekommen, die schon länger am Sturz der Führung arbeiten – seien es die islamistischen Muslimbrüder, Milizenführer aus den einstigen Revolutionshochburgen wie Misrata oder den Sicherheitskräften angehörende Salafisten wie der Chef des Obersten Sicherheitskomitees von Tripolis, Hashim Bishr. Seine Äußerung, er sei „zu hundert Prozent“ sicher, dass vor allem Libyer an der Ergreifung von Abu Anas al Libi beteiligt waren, dürfte er nur aus Eigennutz getätigt haben – möglicherweise um entweder die Regierung als Komplizen der Amerikaner zu diskreditieren oder aber eine konkurrierende Miliz.

In der Hauptstadt, wo seine Leute eigentlich für Sicherheit sorgen sollen, hat die Kriminalität deutlich zugenommen. Das ganze Land gerät zunehmend außer Kontrolle. Am Wochenende waren mindestens ein Dutzend Soldaten bei einem Angriff auf einen Kontrollpunkt nahe der früheren Gaddafi-Hochburg Bani Walid getötet worden. Zuvor hatte die wochenlange Besetzung von Ölterminals durch bewaffnete Gruppen das Land in Atem gehalten und in finanzielle Nöte gebracht. Auch aus dem Süden kommen schlechte Nachrichten. In der Stadt Sabha seien die staatlichen Sicherheitskräfte inzwischen vollends Stammesmilizen gewichen, sagt Wolfram Lacher, Libyenexperte von der Stiftung Wissenschaft und Politik, der erst kürzlich aus der Region zurückgekehrt ist. In der Oasenstadt Ubari im südwestlichen Grenzgebiet zu Algerien haben sich nach seinen Worten Dschihadisten aus Nordmali eingenistet. Das hätten dortige Gesprächpartner zugegeben. Demnach sieht das derzeite Arrangement so aus: Die Extremisten werden geduldet, wenn sie keine „Operationen“ von dort aus organisieren.

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