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Landwirtschaft in Äthiopien : Auf der afrikanischen Überholspur

  • -Aktualisiert am

Ein Dreamliner aus der Flotte der erfolgreichen Ethiopian Airline kurz vor dem Abflug. (Archivfoto) Bild: AP

Äthiopiens Wachstum der Bevölkerung zwingt das Land zu radikalen Wirtschaftsreformen. Und die schlagen an. Besonders erfolgreich ist die Landwirtschaft.

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          Kenya Airways ist eine der erfolgreichsten Fluggesellschaften auf dem Kontinent. Sie verfügt über ein dichtes Streckennetz, gut gewartete Maschinen, und pünktlich sind die Flieger auch noch. Und trotzdem mussten die Kenianer in der vergangenen Woche einen Verlust für das zurückliegende Geschäftsjahr in Höhe von 290 Millionen Dollar ausweisen. Schuld daran sind zwei Faktoren: der brachliegende Tourismus in Kenia, dem die Anschläge von radikalen Islamisten insbesondere an der Küste schwer zugesetzt haben, und die Konkurrenz aus Addis Abeba.

          Ethiopian Airlines ist drauf und dran, Kenya Airways als umsatzstärkste Fluggesellschaft Ostafrikas abzulösen. Dabei könnten die Firmen unterschiedlicher nicht sein: Großaktionär bei Kenya Airways ist die niederländische Gesellschaft KLM mit all ihrem Sachverstand. Ethiopian Airlines hingegen gehört dem Staat. Und dennoch ist die Erfolgsgeschichte der äthiopischen Luftfahrtgesellschaft symptomatisch für das ganze Land: Äthiopien ist seit vielen Jahren auf der Überholspur, doch gemerkt hat das in Europa bislang offenbar kaum einer.

          Der Internationale Währungsfonds zählt Äthiopien zu den fünf am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Seit einem Jahrzehnt wächst die Wirtschaftsleistung real um zehn Prozent jährlich. Getragen wird dieses Wachstum vor allem von der Landwirtschaft, die 48 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beisteuert und für rund 85 Prozent aller Exporterlöse verantwortlich ist. Äthiopien ist inzwischen Selbstversorger. Das heißt, das Land exportiert mehr Lebensmittel, als es für die Ernährung seiner Bevölkerung importieren muss. Angebaut werden Kaffee, Mais, Zwerghirse, Weizen, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Zuckerrohr und Gemüse. Hinzu kommen große Schnittblumenplantagen, die vor allem für den niederländischen Großhandel produzieren, sowie der mit 75 Millionen Tieren größte Viehbestand des Kontinents, der wiederum die große Schuhindustrie des Landes mit Leder versorgt.

          Erkauft wurde diese Erfolgsgeschichte allerdings mit den Zwangsumsiedlungen ganzer Ortschaften. Denn die Agrarkonzerne aus Indien, China, Saudi-Arabien und Südkorea brauchen Platz. Landwirtschaftliche Betriebe von 10.000 Hektar und mehr sind eher die Norm als die Ausnahme. Das hat auch damit zu tun, dass Land in Äthiopien unglaublich preiswert zu pachten ist. Menschenrechtsgruppen kritisieren die Landnahme als moderne Kolonisierung, zumal ein Großteil der angebauten Produkte für den Export bestimmt ist. Die äthiopische Regierung macht eine andere Rechnung auf: Sie rechnet die jährlichen Einnahmen eines Subsistenzbauern gegen die eines angestellten Arbeiters auf und teilt das Ganze durch die Hektarzahl verbrauchten Landes. Die Produktivität des Bauern sieht dabei immer schlecht aus.

          Auch in anderen Wirtschaftsbereichen legt Äthiopien beständig zu. Die industrielle Produktion wuchs in 2014 um 21 Prozent, die Dienstleistungen um zwölf Prozent. Das industrielle Wachstum ist zu einem großen Teil China geschuldet. Viele chinesische Unternehmen aus der Textilbranche lassen inzwischen in Äthiopien fertigen, um den gestiegenen Lohnstückkosten daheim aus dem Weg zu gehen. Das kann man als Lohndumping bezeichnen, man kann es aber auch als Chance für Äthiopien verstehen, überhaupt Arbeitsplätze in nennenswerter Zahl zu schaffen. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei etwa 15 Prozent. Ob diese Zahl korrekt ist, ist allerdings nicht zu überprüfen. Gleichwohl ist der Vergleich mit Südafrika interessant: Dort liegt die offizielle Arbeitslosenrate bei 25 Prozent.

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