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Landwirtschaft in Äthiopien : Auf der afrikanischen Überholspur

  • -Aktualisiert am

Subsistenzlandwirtschaft durch Agrarwirtschaft ersetzen

Äthiopien ist das nach Nigeria zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas. Hundert Millionen Menschen beherbergt das Land. Deren Zahl wächst jedes Jahr um knapp drei Prozent. Wenn alle diese Menschen von Subsistenzwirtschaft leben müssen, sieht Äthiopien bald wieder so aus wie vor dreißig Jahren, als auf der ganzen Welt Geld gesammelt wurde für die Hungernden am Horn von Afrika. Insofern hat Äthiopien gar keine andere Möglichkeit, als die nur auf Durchreisende romantisch wirkende Subsistenzlandwirtschaft durch kommerzielle Agrarwirtschaft zu ersetzen. Allein im vergangenen Jahr importierte Äthiopien landwirtschaftliches Gerät im Wert von zweihundert Millionen Dollar. Das war dreimal mehr als im Nachbarland Kenia.

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Auch die Infrastrukturprobleme gehören bald der Vergangenheit an. Überall im Land bauen chinesische Unternehmen Straßen und Brücken. In der Hauptstadt Addis Abeba entsteht ein Nahverkehrssystem. Und an der Grenze zu Sudan stauen die Äthiopier gerade den Blauen Nil, um ihn als Energieproduzenten zu nutzen. Bis zu 6000 Megawatt Leistung sollen die Turbinen ab dem Jahr 2018 nicht nur in das heimische Netz speisen, sondern auch in das sudanesische und das ägyptische.

Platz 118 von 144 Ländern im „Global Competitiveness Report“

Die Entwicklung Äthiopiens in den vergangenen zehn Jahren ist umso erstaunlicher, als die seit vielen Jahren regierende „Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker“ (EPRDF) ein sozialistisches Weltbild pflegt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Kapitalismus ist aus der Sicht der EPRDF nach wie vor ein gefährliches Tier, und weil die Partei gerne alles unter Kontrolle hat, werden staatliche Firmen beziehungsweise parteinahe Unternehmen bei Ausschreibungen systematisch bevorzugt. Im „Global Competitiveness Report“ belegt Äthiopien Platz 118 von 144 Ländern. Als größte Hindernisse bezeichnet der Bericht ineffiziente Bürokratie, Devisenkontrollgesetze und Korruption. Das sind alles andere als ideale Rahmenbedingungen, doch die Richtung stimmt.

Das alles ist aber nicht der plötzlichen Einsicht geschuldet, dass die freie Marktwirtschaft dem Sozialismus überlegen ist. Es geht hier schlicht und ergreifend um Frieden im Land und damit um das politische Überleben der Regierenden. Wie alle afrikanischen Länder hat auch Äthiopien mit einer massiven Verstädterung der Gesellschaft zu tun, die das teure Leben in der Stadt immer noch erträglicher empfindet als das harte Leben auf dem Land. Es sind vor allem die jungen Menschen, die in die Städte ziehen - sechzig Prozent der äthiopischen Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre. Doch die Städte bieten nicht genug Arbeitsplätze für die Zuzügler. Ohne Perspektiven sind solche Menschenmengen in den urbanen Zentren wie ein Volksaufstand mit Ansage.

Verhindern kann die Urbanisierung selbst ein so autoritärer Staat wie der äthiopische nicht. Aber er kann sie immerhin verlangsamen. Die Modernisierung der Landwirtschaft ist die Schiene, auf die Äthiopien setzt, um die Landflucht zu bremsen. Landwirtschaft bedeutet schließlich nicht nur, den ganzen Tag auf dem Traktor zu sitzen. Moderne Agrarbetriebe brauchen Techniker, Marketingfachleute und Mechaniker. Mit anderen Worten: gut bezahlte Jobs in Gegenden, in denen auch der Wohnraum erschwinglich ist.

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