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Flüchtlingslager in Kenia : Aus Angst vor Islamisten

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Aus einem Provisorium wurde eine Stadt: Dabaab in Kenia Bild: AFP

Kenia will das größte Flüchtlingslager der Welt in Dabaab auflösen. Sicherheitskräfte haben längst nicht mehr das Sagen, sondern somalische Clans und islamistische Terroristen.

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          Das Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias hält zwei traurige Rekorde: Es ist mit geschätzten 650.000 Bewohnern das größte Lager der Welt und es ist das mit Abstand gefährlichste. Auf halbem Weg zwischen der kenianischen Stadt Garissa und der somalischen Grenze gelegen, ist Dadaab so etwas wie eine somalische Exklave in Kenia. Nicht die kenianischen Sicherheitskräfte geben in Dadaab den Ton an, sondern die somalischen Clans und die radikalen Islamisten von al Shabaab. Die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sind angehalten, nur mit bewaffneter Eskorte in das Lager zu fahren und spätestens bei Sonnenuntergang in ihre gesicherten Unterkünfte zurückzukehren.

          Den kenianischen Sicherheitskräften ist die Kontrolle über Dadaab längst entglitten, und deshalb beschränken sie sich darauf, die Überlandbusse auf der staubigen Piste nach Garissa zu kontrollieren. Wirksam ist das nicht. Es führen tausend Schleichpfade an den Kontrollen vorbei. Die Situation in Dadaab war einer der Auslöser des militärischen Engagements der kenianischen Armee in Somalia 2011. Damals waren zwei spanische Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ aus dem Lager entführt worden. Es dauerte zwei Jahre, bis die Frauen freigelassen wurden.

          Ein Flüchtlingslager, so die landläufige Vorstellung, ist eine provisorische Unterkunft mit Zelten und bestenfalls Schlafsälen. Das 1991 gegründete Lager von Dadaab aber ist eine regelrechte Stadt mit festen Häusern, einem Busbahnhof, unzähligen kleinen Geschäften und einem großen Markt. Gehandelt wird unter anderem mit Hilfsgütern, die nur eine Ecke weiter von den Hilfsorganisationen verteilt werden. Es gibt Autowerkstätten in Dadaab und Geschäfte für Elektronik, Generatoren, Diesel und Transportunternehmer. Und in Dadaab ist alles käuflich zu erwerben, ein Handy ebenso wie eine Waffe.

          Vereinten Nationen standen Schließung bislang im Weg

          Dank der seit 25 Jahren dort tätigen Hilfsorganisationen verfügt Dadaab über medizinische Einrichtungen, die besser sind als in manchen kenianischen Städten. Das weiß auch al Shabaab. Regelmäßig werden verletzte Kämpfer der Radikalen in Kliniken westlicher Hilfsorganisationen in Dadaab behandelt. „Wir stellen keine Frage nach der Herkunft“, erklärte einmal ein Arzt dieser Zeitung.

          Die Radikalen bewegen sich während ihrer Rekonvaleszenz frei in dem Lager, weil sie nichts zu befürchten haben. Kein anderer Somalier wird sie anzeigen aus Angst vor Repressionen, und die kenianischen Sicherheitskräfte haben nicht genug somalisch sprechende Beamte, um das System aus Clanwirtschaft und Terrorismus zu infiltrieren. Dadaab ist längst zu einem Durchlauferhitzer für somalische Islamisten auf kenianischem Boden geworden.

          Die kenianische Regierung will das Lager seit langer Zeit schließen, stieß aber zuletzt bei der Hungersnot in Somalia 2010 und 2011 auf erbitterten Widerstand der Vereinten Nationen und zahlreicher Hilfsorganisationen. Damals kamen jede Woche bis zu 30.000 Flüchtlinge über die Grenze. Die Hungersnot in Somalia aber ist längst vorbei. Doch zurückgekehrt ist kaum einer der Flüchtlinge.

          Das hängt mit der permanenten Bedrohung durch die radikalen Islamisten in Somalia zusammen, aber auch mit der Rundumversorgung durch die Hilfsorganisationen in Dadaab. Die haben kein Interesse an einer Rückführung der Flüchtlinge. Schließlich leben sie von ihnen. Das geht so weit, dass die Hilfsorganisationen junge Somalier, die sie zuvor ausgebildet haben, einstellen, auf dass das Rad nie aufhört, sich zu drehen.

          Ist die Grenzsicherung Grund genug?

          Doch seit dem Anschlag auf die Universität von Garissa, bei dem Anfang April 148 Menschen, die meisten von ihnen Studenten, von somalischen Terroristen ermordet worden waren, ist die Geduld der kenianischen Regierung sowohl mit den somalischen Flüchtlingen als auch mit den Helfern offenbar vorbei. Die Angreifer von Garissa waren nach allem, was man inzwischen weiß, über Dadaab nach Kenia eingereist. Drei Monate Zeit habe das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), Dadaab aufzulösen und nach Somalia zu verlegen, sagte der stellvertretende Präsident William Ruto am Wochenende. Anderenfalls werde die kenianische Armee die Flüchtlinge in ihr Heimatland zurückbringen.

          Zudem hat die kenianische Regierung mit dem Bau eines 700 Kilometer langen Grenzzauns begonnen, der sich von Mandera im Nordosten bis nach Kolbio erstrecken soll und der die notorisch poröse Grenze nach Somalia sicherer machen soll. Al Shabaab wird sich nicht von einem Zaun beeindrucken lassen.

          Insofern sind die ersten Opfer der neuen Grenzanlage die Somalier dies- und jenseits der Grenze, die umso mehr Handel miteinander treiben, als dieser bislang kaum von Zollformalitäten beeinträchtigt wurde. Der kenianischen Regierung scheint dieser Preis nicht zu hoch zu sein. „Garissa ist unser 9/11“, sagte Ruto: „Wir werden unser Land beschützen, egal, was es kosten wird.“

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