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Islamisten von Boko Haram : Jahre des Terrors

Bitte um internationale Hilfe: bei einer Demonstration in Lagos, am Freitag dieser Woche Bild: REUTERS

Die grausame Sekte entführt Schülerinnen, brennt Kirchen nieder und tötet Menschen: Die Islamisten von Boko Haram haben Nigeria fest in ihrem Griff. Woher kommt die Bewegung?

          5 Min.

          In Nigeria werden 270 Schulmädchen entführt. Und alles, was Präsident Goodluck Jonathan dazu einfällt, ist: „Bedauerlich“ – und auch das erst zwei Wochen nach der Entführung der Mädchen. Sie waren nur zu ihren Abschlussprüfungen in die Schule gekommen, die aus Angst vor Angriffen von Boko Haram schon lange geschlossen war. Aus der verhaltenen Reaktion mag man einerseits die Ignoranz des Präsidenten erkennen. Andererseits ist Jonathan Schreckenstaten der islamistischen Sekte schlicht gewohnt.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Seit vier Jahren tobt der Terror von Boko Haram. Doch die Anfänge der Sekte gehen ein Jahrzehnt zurück; vergleichbare Vorgänger existierten bereits vor vierzig Jahren. Die von Boko Haram heimgesuchte Region in Nordostnigeria ist geographisch so weit abgeschnitten wie wenige Gebiete des Kontinents. Journalisten kommen nur selten dorthin; die letzte Linienflugverbindung nach Maiduguri, der größten Stadt der Boko-Haram-Region, die zugleich Ursprungsort der Sekte ist, wurde kürzlich eingestellt.

          Straßen, Sicherheit, Gesundheitsfürsorge, Strom und Arbeit bietet der Staat in dieser Region nur in Ansätzen. Die Nigerianer sind heute ärmer als 1960, als der Staat unabhängig wurde. Im völlig verarmten Norden hat mehr als die Hälfte der Jugendlichen keine Arbeit. Im Bundesstaat Borno – dem Stammland von Boko Haram – sollen nur 15 Prozent der Bevölkerung formale Bildung haben. Hier leben in der Mehrzahl Muslime. Weder die Regierungen der Bundesstaaten noch die Zentralregierung tun besonders viel für sie, was aber mit Religion zunächst wenig zu tun hat: Meist wurde Nigeria von Muslimen regiert, die genauso in die eigene Tasche wirtschafteten wie heute die Entourage um den christlichen Präsidenten Jonathan.

          Doch Armut und Korruption sind nicht allein der Nährboden, auf dem Boko Haram entstand. Auch die Ausbreitung des konservativen Islams seit den siebziger Jahren gehört dazu und dessen Inanspruchnahme für ganz weltliche Machtansprüche durch Lokalpolitiker. Auch sie haben aber längst die Kontrolle über Boko Haram verloren.

          Die Geschichte der Sekte begann in einer Almajiri-Koranschule. Dorthin schicken viele arme Eltern ihre Kinder, da der weltliche Schulbesuch Geld kostet, die Koranschule aber nicht. Bloß lernen die Kinder dort, abgesehen vom Koranrezitieren, wenig. Außerdem müssen sie halbtags auf der Straße betteln, um satt zu werden.

          In einer langen Tradition radikal islamischer Reformer

          In diesem Milieu trat in den 1990er Jahren der junge Prediger Muhammad Yusuf auf, der Begründer von Boko Haram. Selbst ehemaliger Almajiri, hing Yusuf zunächst der 1978 mit Unterstützung aus Saudi-Arabien gegründeten wahhabitischen Salafistenvereinigung Izala an. In einer Moschee in der Hauptstadt Bornos, Maiduguri, soll Yusuf eine Jugendorganisation der Izala geleitet haben. Yusuf predigte gegen die korrupte Gesellschaft und warb für die Gründung einer Gemeinschaft, in der nach den Geboten Allahs gelebt werden solle. Bald spaltete er seine Sekte von Izala ab. Die Bevölkerung gab der Gruppe einen Namen: Boko Haram.

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