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Islamischer Staat : IS breitet sich nach Ägypten aus

  • -Aktualisiert am

Das italienische Konsulat in Kairo wurde großflächig zerstört. Bild: AFP

In Ägypten sind nun auch westliche Diplomaten ins Visier des „Islamischen Staates“ geraten. Die Politik des Präsidenten al Sisi ist gescheitert. Das Land lebt in banger Erwartung.

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          Eine riesige grüne Plane versperrt die Sicht auf die zerstörte Fassade, mit breiten Barrikaden ist der Zugang zum italienischen Konsulat in Kairo blockiert. Zwei schwarze Mannschaftswagen voller Bereitschaftspolizisten haben sich vor dem schwer beschädigten Gebäude im hektischen Einkaufsviertel Bulaq positioniert, wo sich vor kurzem der größte Anschlag seit der Machtergreifung des früheren Armeechefs Abd al Fattah al Sisi im Sommer 2013 ereignete: 450 Kilogramm Sprengstoff hatten die Täter in einem Wagen in der Einfahrt der diplomatischen Vertretung Italiens deponiert. Dutzende Häuser wurden beschädigt, ein Straßenhändler getötet und zehn Passanten verletzt, als die Bombe per Knopfdruck ferngezündet wurde.

          Das Bekenntnis der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) zu dem Anschlag hat unter den Diplomaten in Ägypten große Verunsicherung hervorgerufen. Eine Krisensitzung jagte vergangene Woche die nächste. Auch bei der deutschen Botschaft ging eine Bombendrohung ein; eine herrenlose Tasche, abgestellt in der Konsularabteilung des zum Abriss vorgesehenen Gebäudes auf der Nil-Insel Zamalek sorgte vergangenen Dienstag für zusätzliche Panik. Anstatt in aller Ruhe das für die Botschaftsangehörigen normalerweise gemächliche Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan zu begehen, mussten die Sicherheitsvorkehrungen vor der langen Front des hässlichen Funktionsbaus verstärkt werden. Europäische und amerikanische Diplomaten fragen sich inzwischen, wen es als nächstes treffe.

          Mit dem Anschlag im Herzen von Kairo, der nur einen halben Kilometer vom Tahrir-Platz entfernt stattfand, hat eine neue Phase im Kampf islamistischer Gruppen gegen das Regime des vor einem Jahr zum Präsidenten gewählten Militärmachthabers Sisi begonnen. Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet, denn erstmals sind nun auch Diplomaten von Staaten, die den einstigen Armeechef unterstützen, zum Ziel geworden. Die Bundesregierung hatte Sisi im Mai mit großen Ehren in Berlin empfangen – und aus Rücksicht auf wirtschaftliche Interessen damit den Vorsatz fallengelassen, einen Besuch Sisis erst nach der ägyptischen Parlamentswahl zu ermöglichen.

          Ein Dreivierteljahr nachdem die von der Sinai-Halbinsel aus operierende Terrorgruppe Ansar Beit al Maqdis dem IS-Anführer Abu Bakr al Bagdadi die Treue geschworen hat, ist nun eine neue Eskalationsstufe erreicht. Der in „Staat Sinai“ umbenannte ägyptische IS-Ableger hatte bislang vor allem mit Angriffen auf Polizei- und Armeeangehörige auf der Sinai-Halbinsel von sich reden gemacht.

          Die herrschende Klasse ist nervös

          Schleichend weitete die Gruppe ihren Kampf seit vergangenem November auch auf das Festland aus. Keine zwei Wochen vor dem Anschlag auf das italienische Konsulat ermordete sie im Nordkairoer Stadtteil Heliopolis Generalstaatsanwalt Hischam Barakat – den bislang ranghöchsten Vertreter des Sisi-Regimes, der einem Anschlag zum Opfer fiel. Noch im September 2013, zwei Monate nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi, war ein Attentat auf den damaligen Innenminister Muhammad Ibrahim gescheitert. Doch seitdem haben sich die Dschihadisten professionalisiert und die staatlichen Sicherheitsorgane in die Defensive gebracht. Ibrahims Nachfolger Magi Abd al Ghaffar entließ am Donnerstag den Polizeichef von Kairo – ein deutliches Zeichen für zunehmende Machtkämpfe innerhalb des Regimes.

          Schon der Anschlag auf den höchsten Justizvertreter Ende Juni hatte die Risse aufgezeigt, die angesichts des nicht zu stoppenden Vormarschs der militanten Islamisten zwischen den zentralen ägyptischen Machtblöcken aufgebrochen sind. Bei der Trauerfeier für Barakat mahnte Sisi in einer wütenden Rede die Justiz zu schnelleren Verfahren und legte kurz darauf ein Antiterrorgesetz vor, das Richter und Staatsanwälte mit stärkeren Befugnissen ausstattet. Beim Putsch gegen Mursi vor zwei Jahren war die Justiz – neben Polizei und Armee – noch eine der entscheidenden Stützen Sisis gewesen; nun sieht er sich von den Gerichten im Stich gelassen. Dass ein Polizist nur kurz nach dem Anschlag vor einem Gerichtsgebäude Schüsse auf einen Rechtsanwalt abgab, ist ein weiteres Indiz für die Nervosität, die die herrschende Klasse erfasst hat.

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