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Afrikanische Staastoberhäupter : Die alten Männer und die Macht

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Mit 77 im Amt verschieden: Der sambische Präsident Michael Sata starb wohl an den Folgen eines Prostatakarzinoms Bild: dpa

Sambias Präsident Sata hat sich bis zu seinem Tod an sein Amt geklammert und damit sein Land gelähmt. Auch andere afrikanische Staatschefs sehen sich als ewige Herrscher.

          Der sambische Präsident Michael Sata ist tot. Der 77 Jahre alte Staatschef verstarb am Dienstagabend in einem Krankenhaus in London, wo er seit Anfang Oktober in Behandlung war. Die Todesursache wurde nicht mitgeteilt. Sata litt seit mehreren Jahren an Krebs, vermutlich Prostatakrebs.

          Sata hatte im September 2011 im vierten Anlauf die Präsidentschaftswahlen in Sambia gewonnen. Schon damals war er ein kranker alter Mann, der wochenlang von der Bildfläche verschwand, um sich in Südafrika, Großbritannien und dem Vernehmen auch in China behandeln zu lassen. Der sich verschlechternde Gesundheitszustand des Präsidenten wurde als Staatsgeheimnis behandelt, weil Sata das so wollte. Bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen Monat war Sata außerstande gewesen, sein Hotelzimmer in New York zu verlassen. Eine geplante Rede musste deshalb abgesagt werden. Trotzdem hatte die Regierung in Sambia seinen Gesundheitszustand bis zuletzt als „gut“ bezeichnet.

          Gleichzeitig konnten nur wenige der ambitionierten Projekte seiner Regierung umgesetzt werden, weil keine wichtige Entscheidung ohne den „Big Boss“ getroffen werden durfte und sich im Kabinett niemand aus der Deckung wagte – aus Angst, anschließend nicht mehr Minister zu sein. Die zahllosen Kabinettsumbildungen in den vergangen drei Jahren in Sambia haben gezeigt, was Sata von Widerspruch hielt.

          Afrikanische Staatsoberhäupter sind Senioren

          Michael Sata ist nach Levy Mwanawasa der zweite sambische Staatschef, der im Amt stirbt. Und sein Fall ist exemplarisch für die unter Politikern auf dem Kontinent verbreite Haltung, sich auch noch dann an die Macht zu klammern, wenn sie längst sterbenskrank sind. In Zimbabwe beispielsweise ist der inzwischen 90 Jahre alte Robert Mugabe mehr als ein Viertel Jahrhundert nach seinem Amtsantritt noch immer an der Macht. Viel Zeit verbringt er mittlerweile mit Frischzellenkuren in Malaysia. Gegenwärtig ist Mugabe dabei, seiner 41 Jahre jüngeren Frau Grace den Weg in das Präsidentenamt zu ebnen.

          In Kamerun regiert seit 1982 der inzwischen 81 Jahre alte Paul Biya, ohne dass der Mann Anstalten machen würde, abzutreten. Wer in diesem Land jünger als 25 Jahre ist, kann sich an niemand anderen als Biya als Staatschef erinnern. In Angola hält sich José Eduardo dos Santos, 72 Jahre alt, seit 1979 an der Macht. Auch er ist schwer krank. In Äquatorial-Guinea regiert der 72 Jahre alte Teodoro Obiang Nguema seit 1979. Eine Abdankung ist auch dort nicht in Sicht.

          Stellvertreter sind Frühstücksdirektoren

          Macht in Afrika wird häufig als absolut verstanden und nicht als Leihgabe des Souveräns. Gesundheitliche Probleme zu offenbaren, wird vor diesem Hintergrund als Schwäche interpretiert. Dieses verbissene Festhalten an der Macht sorgt auch dafür, dass Nachfolgeregelungen zu Lebzeiten des Präsidenten nicht einmal angesprochen, geschweige denn organisiert werden dürfen.

          Im Amt verstorben: Taxifahrer lesen in der Zeitung vom Tod des sambischen Präsidenten Michael Sata Bilderstrecke

          Auch dafür ist die Situation in Sambia nach dem Tod des Präsidenten ein Beispiel: In Satas Abwesenheit war dort Verteidigungsminister Edgar Lungu zum geschäftsführenden Staatschef ernannt worden, der am Mittwoch die Amtsgeschäfte auf den stellvertretenden Präsidenten Guy Scott übertrug, einen weißen Sambier. Scott ist ein gebürtiger Nord-Rhodesier (heute Sambia). Der in Cambridge ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler trat 1990 der „Movement for Multi-Party Democracy“ (MMD) bei, die die ersten freien Wahlen des Landes gewann.

          Unter Präsident Frederik Chiluba diente Scott als Landwirtschaftsminister während der schlimmsten Dürreperiode in der Geschichte des Landes (1992 bis 1993), bevor er 2001 Satas linksorientierten „Patriotic Front“ (PF) beitrat. Die Berufung zum stellvertretenden Präsidenten des Landes hat dem als umgänglich beschriebenen Scott allerdings den Titel des „Frühstücksdirektors“ eingebracht: Scott darf schon deshalb nicht Präsident werden, weil die Verfassung vorschreibt, dass schon die Eltern eines Staatsoberhauptes in Sambia geboren wurden. Scotts Eltern aber wurden in Schottland geboren, von wo aus sie nach Zimbabwe auswanderten.

          Präsidenten garantieren auch Stabilität

          Insofern war seine Berufung zum stellvertretenden Präsidenten typisch für Satas Umgang mit der Macht und den Institutionen des Landes: Er wollte unter keinen Umständen einen potentiellen Rivalen in seine Nähe lassen. Um eine drohende Verfassungskrise abzuwenden, forderte Scott die Regierungspartei „Patriotic Front“ am Mittwoch zur Wahl eines neuen Präsidentschaftskandidaten auf. 90 Tage hat die Partei nun Zeit, einen Nachfolger für Sata zu finden.

          Dass das ewige Regieren nicht allein die Ambition einer aussterbenden Politikergeneration ist, zeigen zwei zentralafrikanische Staatschefs: Paul Kagame in Ruanda und Joseph Kabila in Kongo-Kinshasa. Kabila ist 42 Jahre alt und bemüht sich gerade um eine Verfassungsänderung, um ein drittes Mal kandidieren zu können. Ob ihm dies gelingen wird, ist allerdings fraglich.

          Der Ruander Kagame wiederum ist erst 57 Jahre alt, regiert sein Land faktisch seit 1994 und geriert sich dabei als der einzige, der den Frieden zwischen den Volksgruppen der Hutu und der Tutsi garantieren kann. Sollte Kagame etwas zustoßen, könnte das darauffolgende politische Vakuum abermals Auseinandersetzungen zwischen den Ethnien heraufbeschwören.

          Proteste gegen Präsidenten in Burkina Faso

          In Burkina Faso haben am Dienstagabend Hunderttausende gegen die Absicht von Präsident Blaise Compaoré demonstriert, die Verfassung zu ändern, um im kommenden Jahr abermals kandidieren zu können. Regierungssprecher Alain Edouard Traoré bezeichnete die Proteste in der Hauptstadt Ouagadougou am Mittwoch als Zeichen der „Lebendigkeit der burkinischen Demokratie“.

          Hintergrund des Massenprotests ist die für diesen Donnerstag geplante Parlamentsabstimmung über den Verfassungsartikel 37, der die Amtszeit des Präsidenten auf zwei Mandate beschränkt. Compaoré regiert das Land seit 27 Jahren. Er war 1987 nach einem Putsch gegen seinen ehemaligen Weggefährten Thomas Sankara an die Macht gekommen, der dabei unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet wurde.

          In den vergangenen Jahren waren schon in Algerien, Tschad, Kamerun, Togo, Gabun, Äquatorial-Guinea, Angola, Uganda und Djibouti die Verfassungen geändert worden, um den Präsidenten eine weitere Amtszeit zu ermöglichen.

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