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Flüchtlinge in Libyen : Banges Warten auf das Boot nach Europa

Nach langem Weg noch nicht am Ziel: Migranten in einer zu einer Internierungseinrichtung umfunktionierten Schule in Misrata Bild: F.A.Z.

In Misrata hoffen viele Migranten darauf, von Libyen nach Europa übersetzen zu können. Die örtliche Miliz hält einige in Lagern fest. Aber eigentlich hat sie ganz andere Sorgen.

          7 Min.

          Jetzt sitzt er in der Falle. Wahrscheinlich, sagt Kutobo, habe er einfach Pech gehabt. Dass ausgerechnet sein Lastwagen am Checkpoint halten musste. Dass seine Reise hier endete. So kurz vor dem Ziel. Kutobo lebt nun in einem Klassenraum. Die Behörden von Misrata haben eine Schule am Rand der Stadt in ein Auffanglager für illegale Migranten umgewandelt. Am Ende des Flures, an dem sich die Unterrichtsräume reihen, ist nun eine schwere Gittertür montiert. Die Räume durchzieht schweißgeschwängerte Luft. Sie sind voller junger Männer, die darauf warten, dass die Zeit verstreicht. Sie sehen müde aus, mancher ist gezeichnet von Hautausschlägen, Hunger, Schlägen. Aber die Zeit hat hier keine Eile.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Wir wissen nicht, was wir tun sollen“, sagt Kutobo, Anfang zwanzig, aus Senegal. Mechaniker von Beruf, wie er auf Französisch erklärt. Er schaut verstohlen auf den uniformierten Wärter, dem die Einfältigkeit aus dem Gesicht springt. „Sie schlagen uns einfach immer weiter.“ Da treten mehrere der jungen Männer dazu, ziehen im Schutz der Gruppe ihre T-Shirts hoch, entblößen ihre Oberkörper, auf denen sich lange Striemen aneinanderreihen. „Sie sagen uns: schlaft endlich“, sagt Kutobo. „Dabei liegen wir doch schon stumm da.“ Wie sie hier rauskommen können, sagen alle, wüssten sie nicht. Kontakt zur Außenwelt sei nicht gestattet.

          Es würde ihnen wohl kaum etwas nützen, ihre Botschaften zu informieren. Von Vertretern der örtlichen Sicherheitskräfte heißt es, dass die Diplomaten keinen Finger krumm machten, um die Rückführung zu unterstützen. „Der Botschafter aus Eritrea ist ein Lügner!“, sagt Muhammad Kahousch, ein Polizeioffizier, der das Auffangzentrum von Misrata leitet. „Das habe ich ihm auch ins Gesicht gesagt.“ Es schließt sich eine lange Liste von afrikanischen Gesandten an, die einfach nicht ans Telefon gingen, sich verleugnen ließen oder leere Versprechungen abgäben. „Sie scheren sich einen Dreck um ihre Landsleute“, sagt Kahousch. So sei es unmöglich, die afrikanischen Migranten wieder abzuschieben. Er fühlt sich allein gelassen. Von den Herkunftsstaaten, von Europa, auch von den Politikern in der Hauptstadt. Aus seinen Klagen spricht Genervtheit und die Botschaft: Wir haben eigentlich ganz andere Sorgen.

          Gefährliches Mittelmeer: Viele Flüchtlinge machen sich von der libyschen Küste aus auf nach Europa. Bilderstrecke

          Zwei Stunden Autofahrt von seinem Büro entfernt toben in der Stadt Sirte blutige Kämpfe gegen die Dschihadisten des „Islamischen Staates“. Libyen ist zerrissen, verstrickt in einen Machtkampf um die Ressourcen des Staates, der Hunderttausende zur Flucht im eigenen Land gezwungen hat. Die Wirtschaft ist im Niedergang, der Wert der Landeswährung im freien Fall. Die Behörden haben ebenso wenig Geld wie die Bevölkerung, die sich für die Ausgabe des streng rationierten Bargeldes durch lange Schlangen quälen muss. Und dann auch noch die Menschen, die zu Tausenden über die offenen Südgrenzen auf dem Weg nach Europa nach Libyen strömen. Gerade ist wieder Saison, und immer wieder werden in diesen Tagen die Leichname derer, die die Überfahrt nicht überleben, an die Strände gespült.

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