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Hutu-Rebellen in Kongo : Kämpfer in Gummistiefeln

  • -Aktualisiert am

Am Ende: Von den ehemals 20.000 Kämpfern der FLDR sind nur noch gut 1.000 übrig. Bild: 55139110 © Andrew McConnell / A

18 Jahre lang lebte Vincent mit anderen Hutu-Rebellen im Osten Kongos und nahm an der Ausrottung ganzer Dörfer teil. Erst vor kurzem erfuhr er, dass in seiner Heimat Ruanda längst Frieden herrscht.

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          Vincent Imanatulikumwe trägt jetzt Turnschuhe. Dazu ein blütenweißes T-Shirt und modisch gebleichte Jeans. Bis vor drei Wochen trug er noch Gummistiefel, jeden Tag, 18 Jahre lang. In ihnen marschierte er durch Kongo und nahm an der Ausrottung ganzer Dörfer teil. Vincent ist ein ehemaliger Kämpfer der „Front Démocratique pour la Libération du Rwanda“ (FDLR), der Nachfolgeorganisation der Interahamwe-Miliz, die 1994 für den Völkermord in Ruanda verantwortlich war. Seit nunmehr 20 Jahren hält sie sich im Osten Kongos verschanzt. Wie kaum eine andere „Rebellenbewegung“ in Afrika steht sie für Mord und Totschlag. Ihre Kämpfer erkennt man an den Gummistiefeln.

          Imanatulikumwe ist ein Hutu aus Ruanda, der im Osten Kongos an fürchterlichen Verbrechen beteiligt war; er ist ein Deserteur, der sich heute dafür verflucht, nicht schon früher abgehauen zu sein, und er ist ein Mann, der sagt, ihm sei das halbe Leben gestohlen worden. Seine Geschichte ist die des ruandischen Völkermordes aus Sicht der Täter. 16 Jahre war er alt, als 1994 in Ruanda das Volk der Hutu über das Volk der Tutsi herfiel, weil das Hutu-Regime dies so befohlen hatte. 100 Tage dauerte das Morden, dem zwischen 800.000 und einer Million Tutsi zum Opfer fielen, bis eine aus Uganda einmarschierte Tutsi-Rebellenarmee die Hutu-Extremisten über die Grenze nach Kongo trieb. Vincent schwört, an Morden nicht beteiligt gewesen zu sein. Trotzdem floh auch er nach Kongo. „Wir waren überzeugt, dass die Tutsi aus Rache alle Hutu töten werden“, sagt er.

          „Die Herren der Lager“

          In den schrecklichen Flüchtlingslagern rund um die ostkongolesische Stadt Goma organisierten sich die Interahamwe unter den Augen von Vereinten Nationen und internationalen Hilfsorganisationen neu. „Das waren die Herren der Lager, niemand konnte sich gegen diese Leute zur Wehr setzen“, sagt Vincent. Die Hutu-Extremisten rekrutierten neue Kämpfer, sie nutzten die Flüchtlinge als Deckung für Angriffe auf die nur einen Steinwurf entfernt liegende ruandische Grenze, bis die neue, ausschließlich aus Tutsi bestehende ruandische Armee 1996 nach Kongo einmarschierte. Da flohen die „Génocidaires“ ins Hinterland. Vincent schloss sich ihnen an. „Wir hatten nicht einmal Schuhe an den Füßen“, erinnert er sich. Doch die Angst vor den Tutsi, die ihm eingeimpft worden war, ließ ihn die Schmerzen vergessen. „Unsere Führer sagten uns, wir seien nur dann unseres Lebens sicher, wenn wir die Macht in Ruanda zurückerobern. Daran habe ich geglaubt“, sagt er. Aus Vincent Imanatulikumwe, dem dritten von fünf Kindern eines kleinen Kommunalbeamten aus Gitarama, wurde eine Kampfmaschine.

          Den Osten Kongos kennt Vincent seither wie seine Westentasche. Bukavu, Walikale, Massisi, Walungu, Rutshuru, Goma: wo immer ein Massaker verübt wurde in den vergangenen 20 Jahren, Vincent war meist nicht weit. Mehr als 20.000 Kämpfer zählte die FDLR zeitweise, eine regelrechte Armee, deren erklärtes Ziel es war, die Tutsi-Regierung in Ruanda zu stürzen. Dabei konnte sie sich der Hilfe der kongolesischen Regierung sicher sein. Vincent erzählt von Waffen und Munition, die aus Flugzeugen über den FDLR-Stellungen abgeworfen wurden, von Saufgelagen mit kongolesischen Offizieren und von Gefechten mit der kongolesischen Armee und ihren Verbündeten. Und immer wieder hat Vincent gegen die von Ruanda finanzierte kongolesische Rebellengruppe des desertierten Generals Laurent Nkunda und deren Nachfolgeorganisation M23 gekämpft. Wie viele Dörfer dabei in Flammen aufgingen, daran erinnert Vincent sich nicht. Nur eines weiß er genau: Einen ruandischen Soldaten, den erklärten Todfeind der FDLR, hat er in all den Jahren im Busch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

          Der Osten Kongos, so heißt es häufig, sei ein hoffnungsloser Fall. Seit zwei Jahrzehnten machen unzählige Rebellengruppen mit konfusen politischen Forderungen die beiden Kivu-Provinzen unsicher. Hinzu kommt die permanente Einmischung Ruandas in Form von immer neuen Sponsorenverträgen mit kongolesischen Rebellen, um die FDLR zu bekämpfen, sowie eine kongolesische Regierung, die 2000 Kilometer entfernt in Kinshasa bestenfalls noch eine theoretische Kontrolle über den Osten hat. Und der Krieg geht schon deshalb immer weiter, weil er für alle Beteiligten lukrativer als der Frieden ist.

          Tutsi als grausame Kannibalen

          Vincent Imanatulikumwe kennt diese schlichte Rechnung gut. Die Dörfer im Einflussbereich der FDLR mussten Steuern an die Besatzer entrichten. Wer sich weigerte, wurde verprügelt. „Unsere Offiziere sprachen von den Tutsi in Ruanda immer nur als grausamen Kannibalen. Dabei waren wir genauso brutal“, sagt Vincent. Ab 2004 verlegte sich die FDLR auf das Plündern von Rohstoffen, insbesondere des seltenen Erzes Koltan. „Das ging so: Wir sind in ein Bergwerk eingefallen, haben ein paar Leute erschossen, und schon gehörte uns der Laden“, sagt Vincent. Der Glaube an die „Sache“ sei ihm damals zwar abhandengekommen, „weil mir klargeworden war, dass es nur um Geld ging“, aber einen Ausweg sah er trotzdem nicht. „Die Führung der FDLR legte großen Wert auf eine völlige Isolierung der Kämpfer. Wir wussten nichts über das, was in Ruanda in der Zwischenzeit passiert war, dass fast alle Hutu-Flüchtlinge zurückgekehrt waren und dass dort Frieden herrschte.“ Vor allem wusste Vincent nicht, dass die ruandische Regierung denjenigen FDLR-Kämpfern, die wie Vincent nicht aktiv am Völkermord beteiligt gewesen waren, Straffreiheit angeboten hatte.

          2006 wurde Vincent, inzwischen im Rang eines FDLR-Feldwebels und zur Tarnung mit einem kongolesischen Personalausweis ausgestattet, nach Walikale geschickt, wo die größten Koltan-Vorkommen der Welt lagern. Sein Auftrag: Geld eintreiben. „Ich habe ganze Taschen voller Dollar an meine Offiziere abgeliefert, selbst aber nie etwas bekommen.“ Das war Ende 2006, Vincent Imanatulikumwe war 28 Jahre alt, zehn davon hatte er mit einem Gewehr in der Hand verbracht. Er hatte genug. Von einem Kongolesen lieh er sich ein Handy und wählte die einzige Telefonnummer in Ruanda, an die er sich erinnern konnte: die seiner alten Schule in Gitarama. Dort erzählte man ihm von dem kleinen Wirtschaftswunder, das Ruanda seit dem Ende des Krieges erfahren habe, und davon, dass Hutu und Tutsi in Frieden miteinander lebten. „Ich habe es nicht geglaubt“, sagt er. Trotzdem hat er sich am folgenden Tag aus dem Staub gemacht, ist auf Lastwagen in Richtung Uganda geflüchtet, nur weg von der FDLR.

          Die Stationen seiner Odyssee schlagen einen weiten Bogen durch Ostafrika: Straßenverkäufer im ugandischen Kampala, Schreinergehilfe im Westen Kenias, der gleiche Job zwei Jahre später in Nairobi. Dort erzählte man ihm von dem jüngsten Staat der Welt, Südsudan, wo gutes Geld zu verdienen sei und keine Fragen nach dem Woher und Wohin gestellt würden. Also machte er sich wieder auf den Weg, überquerte zu Fuß und bei Nacht die Grenzen. Irgendwann war er in Juba, der Hauptstadt Südsudans, wo es tatsächlich gutes Geld für gute Arbeit gab. Womit Vincent Imanatulikumwe, der ehemalige Sergeant der „Front Démocratique pour la Libération du Rwanda“, aber nicht gerechnet hatte, waren die ruandischen Soldaten, die als Blauhelmsoldaten der UN-Mission in Juba stationiert waren, darunter viele großgewachsene Tutsi.

          Er hätte ihnen leicht aus dem Weg gehen können, stattdessen fühlte sich Vincent magisch angezogen von seinen Landsleuten. „Da stand einer meiner Todfeinde vor mir, einer, von dem mir immer gesagt worden war, dass er der leibhaftige Teufel sei, und trug das blaue Barett der Vereinten Nationen. Ich verstand die Welt nicht mehr.“ Zwei Wochen lang schlich der Hutu um das Lager der Ruander, bis er sich ein Herz fasste, einen der Soldaten auf Kinyarwanda ansprach und dem verdutzten Tutsi sein Leben beichtete. „Ich war darauf gefasst, erschossen zu werden“, erinnert sich Vincent. Stattdessen spendierte der ruandische Kommandeur dem ehemaligen FDLR-Kämpfer ein neues Hemd und eine neue Hose und setzte ihn in das nächste Flugzeug nach Ruanda.

          Drei Wochen ist das jetzt her. Seither bewohnt Vincent ein kleines Zimmer in einem staatlichen Auffanglager für ehemalige FDLR-Kämpfer in Motobo im Nordwesten Ruandas. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er die grünen Hänge des Volcanoes-Nationalparks, der für seine Berggorillas berühmt ist. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass der 37 Jahre alte Vincent seinen Schlafraum nicht mit anderen teilen muss und dass er eine Tür hinter sich schließen kann, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Er sitzt auf seinem Bett und wirkt stolz auf seinen Mut, sich endlich gestellt zu haben, aber auch verwirrt über das Leben, das vor ihm liegt. Der ruandische Militärgeheimdienst hat inzwischen bestätigt, dass Vincent Imanatulikumwe nicht am Völkermord teilgenommen hat.

          Damit ist er ein freier Mann, der kommen und gehen kann, wie es ihm passt. Man hat ihm angeboten, ein Handwerk zu erlernen, Maurer, Klempner, irgendetwas, die Regierung übernimmt die Kosten. Die Großzügigkeit, mit der Vincent in Ruanda empfangen wurde, hat den Hutu sprachlos gemacht. „Wenn wir das gewusst hätten, wären heute viele Menschen noch am Leben“, sagt er mit Bitterkeit in der Stimme. Die beiden politischen Führer der Hutu-Bewegung, Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni, stehen seit zwei Jahren in Deutschland wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen vor Gericht. Im Osten Kongos sollen nach unterschiedlichen Angaben noch zwischen 1000 und 1500 FDLR-Kämpfer ausharren, die, so hört man, von ihren Kommandeuren regelrecht als Geiseln gehalten werden. Die FDLR, und das ist endlich einmal eine gute Nachricht aus Kongo, ist am Ende.

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