https://www.faz.net/-gq5-7gl5w

Hunderte Tote in Ägypten : Vizepräsident El Baradei tritt zurück

Eskalation in Kairo: „Die Straße“ wird so schnell nicht mehr zur Ruhe kommen Bild: AFP

Nach den Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Mursi-Anhängern verhängt Übergangspräsident Mansur den Ausnahmezustand über Ägypten. Vizepräsident El Baradei reicht seinen Rücktritt ein.

          Die ägyptische Regierung hat am Mittwoch den Ausnahmezustand verhängt, nachdem der Konflikt zwischen der entmachteten Muslimbruderschaft und der vom Militär eingesetzten Übergangsregierung eskaliert ist. Bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Anhängern des abgesetzten islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi wurden nach offiziellen Angaben des Gesundheitsministeriums 149 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Die Muslimbrüder teilten mit, es seien mehr als 2200 Personen getötet worden. In arabischen Medien war die Rede von mehreren hundert Toten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Am Morgen hatten die Sicherheitskräfte in Kairo damit begonnen, die beiden Protestlager der Mursi-Anhänger zu räumen. Unter den Opfern der Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Islamisten in Kairo sind auch mehrere Journalisten. Ein für den britischen Sender Sky News arbeitender Kameramann wurde am Mittwoch erschossen. „Er wurde von einer Kugel getroffen und ist trotz medizinischer Versorgung kurz darauf gestorben“, teilte der Sender mit. Der Vater zweier Kinder wurde 61 Jahre alt.

          Die für die Nachrichtenagentur Reuters arbeitende Fotografin Asmaa Waguih erlitt eine Schussverletzung am Fuß. Die staatliche Zeitung „Gulf News“ aus den Vereinigten Arabischen Emiraten meldete den Tod der 26 Jahre alten Reporterin Habiba Ahmed Abd Elasis, die für das Schwesterblatt „Xpress“ gearbeitet habe. Die Journalistin sei auf Heimaturlaub in Ägypten gewesen und habe keine Arbeitsauftrag gehabt. Sie sei auf dem Rabaa-al-Adawiya-Platz in Kairo erschossen worden.

          „Gezielte Sabotage und Angriffe“

          Der von der Regierung verhängte Ausnahmezustand gelte für einen Monat, teilte die Präsidentschaft in einer im Staatsfernsehen verlesenen Erklärung mit. Sie begründete den Schritt mit der „Gefahr für Sicherheit und Ordnung“ durch „gezielte Sabotage und Angriffe auf private und öffentliche Gebäude“ und Todesopfer „durch extremistische Gruppen“.

          Übergangspräsident Adli Mansur habe die „Streitkräfte in Kooperation mit der Polizei beauftragt, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um Sicherheit und Ordnung zu wahren und öffentliches und privates Eigentum sowie das Leben der Bürger zu schützen“. Über Kairo und andere große Städte ist auch eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 21 und 6 Uhr verhängt worden. Insgesamt gelte die Ausgangssperre in elf der 27 Provinzen Ägyptens.

          El Baradei erklärt Rücktritt

          Aus Protest gegen die Gewalt in Ägypten  hat Vizepräsident Mohamed El Baradei seinen Rücktritt eingereicht. El Baradei teilte am Mittwoch in einem Schreiben an Übergangspräsident Adli Mansur mit, er könne nicht länger  „Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, mit denen ich nicht  einverstanden bin“.

          Mit Planierraupen und gepanzerten Fahrzeugen räumten die Polizisten die Mursi-Lager Bilderstrecke

          Nach Berichten von Augenzeugen wurde bei der Räumung der Lager scharfe Munition verwendet. Die Regierung versicherte hingegen, die Sicherheitskräfte hätten nur Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt. In einer entsprechenden Erklärung des Innenministeriums war von zwei getöteten Männern aus den Reihen der Einsatzkräfte die Rede. Ein Sprecher der Regierung lobte die Sicherheitskräfte am Vormittag für ihre Zurückhaltung.

          Das größere der beiden Protestlager im Vorort Nasser City glich einem Schlachtfeld. Die Sicherheitskräfte stießen dort auf erbitterten Widerstand. Mehrere Journalisten, die in der Nähe des größeren der beiden Lager im Vorort Nasser City berichteten, wurden zwischenzeitlich in Gewahrsam genommen. Ein Kamerateam des Sender Al Dschazira wurde von den Sicherheitskräften beschossen, berichtete aber auch von Schüssen, die aus dem Lager der Mursi-Anhänger abgefeuert worden seien.

          Weitere Themen

          Erdogans Propaganda hat nicht geholfen

          Istanbul nach den Wahlen : Erdogans Propaganda hat nicht geholfen

          Die Niederlage bei der Wahl in Istanbul ist nicht nur für den Präsidenten ein Schlag, sondern auch für die ihm ergebene Presse. Rund um die Uhr sorgte sie für Aufruhr, jetzt fürchtet sie um ihre Pfründe.

          Schroff und höchst loyal

          Trumps neue Sprecherin : Schroff und höchst loyal

          Donald Trump macht Stephanie Grisham, die Stimme der First Lady, zu seiner Sprecherin. Sie wird auch Chefin für strategische Kommunikation – eine machtvolle Position.

          Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten Video-Seite öffnen

          Fragestunde im Bundestag : Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten

          Bei ihrem letzten großen Auftritt vor der Sommerpause hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag den Fragen der Abgeordneten gestellt. Dabei stellt sie klar, dass eine globalisierte Weltordnung eine Wahrnehmung der Interessen anderer Staaten erfordere.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.
          Der Hedgefonds Elliott hat seinen Einstieg bei Bayer publik gemacht.

          Wegen seiner Mischstruktur : Elliott macht Bayer jetzt richtig Druck

          Der amerikanische Hedge-Fonds lässt Andeutungen fallen, die als Aufforderung zur Aufspaltung interpretiert werden können. Ganz nebenbei bestätigt er: Man ist mit einem 2-Prozent-Paket am Mischkonzern beteiligt.
          Nur schonungslose Aufklärung kann künftige Unfälle verhindert, sagt Peter Klement, General Flugsicherheit der Bundeswehr.

          Peter Klement : Dieser General untersucht den Eurofighter-Absturz

          Mit der Aufklärung des Absturzes eines Tiger-Kampfhubschraubers in Mali machte er sich im Bundestag einen Namen. Auch bei seinem jüngsten Fall verspricht er schonungslose Aufklärung. Ob es gefällt oder nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.