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Tunesien : Die Wut der Hoffnungslosen

Ungeduldige Massen: Proteste gegen die Regierung im tunesischen Kasserine Bild: Picture-Alliance

Tunesien erlebt dieser Tage die größten Proteste seit dem Sturz Ben Alis. Die neue Führung fordert vom Volk Geduld.

          5 Min.

          Am Ende einer Woche der Unruhen verstärkte die tunesische Regierung die Repression. Am Freitagvormittag verhängte das Innenministerium eine Ausgangssperre, die bis auf weiteres im ganzen Land zwischen acht Uhr abends und fünf Uhr morgens durchgesetzt werden soll. In allen Regionen Tunesiens machen die Arbeitslosen und Hoffnungslosen ihrer Wut auf die Regierung seit Tagen Luft. Polizeifahrzeuge wurden in Brand gesteckt, Regierungsgebäude belagert, es gab Plünderungen. Die Sicherheitskräfte sprühte Tränengas, ein Polizist wurde getötet, es gab Dutzende Verletzte. Die Unruhen, die auch die Vorstädte der Hauptstadt erreichten, dauerten bis zum Freitagmorgen an. Es ist die wohl heftigste Protestwelle seit dem Aufstand gegen das Ben-Ali-Regime vor fünf Jahren.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Präsident Béji Caïd Essebsi bemüht sich darum, gelassen zu wirken. „Man sollte das nicht dramatisieren“, sagte er am Mittwoch. Die Vorgängerregierungen hätten ihm und seiner Mannschaft ein schweres Erbe mit Hunderttausenden ohne feste Anstellung hinterlassen. Die Demonstranten hätten gute Gründe, auf die Straße zu gehen zu, aber es müsse friedlich bleiben. Die Leute müssten der Führung Zeit geben, verlangt Essebsi.

          In rasender Geschwindigkeit ausgebreitet

           Doch die Führung um den schon neunundachtzig Jahre alten Präsidenten ist nervös, und sie hat guten Grund dazu. Denn das, was die Demonstranten vor allem verlangen, kann sie ihnen angesichts der leeren Kassen und der am Boden liegenden Wirtschaft in absehbarer Zeit nicht anbieten: sichere, vom Staat garantierte Anstellungen. Die Geduld, die Essebsi von der Bevölkerung einfordert, scheint am Ende zu sein – vor allem in den vernachlässigten Landesteilen und Vorstädten, wo die einfachen und armen Leute wohnen. Ihnen reicht die neue Freiheit nicht. Ihnen hatte Essebsi nach seinen Wahlerfolgen versprochen, dass seine Regierung sich für die Verbesserung ihrer Lebensumstände einsetzen wird.

          Die Proteste hatten sich in rasender Geschwindigkeit ausgeweitet. Am vergangenen Wochenende hatte sich in der Stadt Kasserine Ridha Yahyaoui, ein arbeitsloser Universitätsabsolvent, mutmaßlich das Leben genommen. Sein Name war von einer Liste gestrichen worden, auf der die Anwärter für die begehrten, weil staatlich garantierten Jobs festgehalten wurden. Er kletterte auf einen Strommast vor dem Gouverneurssitz und erlitt einen elektrischen Schlag. Es heißt, Yahyaoui soll vorher gedroht haben, sich umzubringen. Doch die genauen Umstände seines Todes bleiben am Freitag noch ungeklärt.

          Konflikte und Korruptionsvorwürfe

          Dennoch werden schon Vergleiche mit der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi vor fünf Jahren gezogen. Er hatte sich im – wie Kasserine im vernachlässigten Landesinneren gelegenen – Sidi Bouzid das Leben genommen, als Protest gegen Unterdrückung und Chancenlosigkeit. Die Proteste, die sein Selbstmord verursachte, weiteten sich aus, und brachten am Ende den Diktator Ben Ali zu Fall. Es habe sich seither an ihren Lebensumständen nichts gebessert, schimpfen jetzt die Demonstranten, die allerdings nicht im Namen der Revolution auf die Straße gehen.

          Demonstranten in Tunis:“ Die Leute haben Angst“

          Vor allem aber drängt sich ein anderer Vergleich auf: Der mit den sozialen Unruhen in der Region um die Stadt Gafsa im Jahr 2008. Auch damals forderten die Demonstranten im Kern zunächst sichere Arbeitsplätze in den staatlichen Betrieben, welche die Phosphatminen betreiben. Immer wieder gibt es Konflikte und Korruptionsvorwürfe, wenn die Namenslisten mit den Kandidaten für die begehrten Stellen veröffentlicht werden. Theoretisch soll es in den Auswahlverfahren um die Fähigkeiten der Bewerber gehen. Die örtlichen Politiker nutzen sie, um sich Loyalitäten zu sichern oder Angehörige oder Freunde unterzubringen. Unmut, der sich an solchen Ungerechtigkeiten entzündet, wird schnell zu politischem Protest gegen die Benachteiligung der Provinz durch die Regierung in Tunis und die soziale Ungerechtigkeit im Land.

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