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Zentralafrikanische Republik : Wie Ratten in der Falle

  • -Aktualisiert am

Vom Opfer zum Täter: Kämpfer der Anti-Balaka-Miliz Bild: REUTERS

Christen und Muslime haben in der Zentralafrikanischen Republik nur noch ein Ziel: die jeweils andere Volksgruppe zu töten. Französische Soldaten stellen sich dazwischen. Tote gibt es trotzdem.

          Die klaffende Wunde ist nicht zu übersehen. Ein wuchtiger Hieb mit einer Machete hat den halben Schädel gespalten. Die Leiche ist mit Tuchfetzen bedeckt, den Kopf aber haben die Trauernden frei gelassen. Zwei Dutzend Menschen sind es, die sich auf dem Gelände der Pfarrei von Boda um den notdürftig aus alten Brettern zusammengenagelten Sarg versammelt haben. Der Tote heißt Eric Lossé. Und er riecht. Drei Tage hat es gedauert, bis der Leichnam von den Gegnern freigegeben wurde. Drei Tage sind eine lange Zeit im subtropischen Klima der Zentralafrikanischen Republik.

          Lossé war ein Mitglied der Anti-Balaka in Boda, einer kleinen Stadt rund 200 Kilometer südlich der Hauptstadt Bangui. Die Anti-Balaka sind christliche Selbstverteidigungsgruppen, und ihr Name steht für „Anti-balles AK“. Das bedeutet: Schutz vor Kugeln aus dem russischen Sturmgewehr AK 47. Mit solchen Waffen waren die überwiegend muslimischen Rebellen der Séléka bewaffnet, die vor einem Jahr den Präsidenten des Landes blutig stürzten und sich anschließend an der christlichen Bevölkerung vergriffen. Die Anti-Balaka waren die Antwort auf die fortgesetzten Massaker. Wie viele Menschen diesem Krieg bislang zum Opfer gefallen sind, ist ungewiss. Es müssen Tausende sein.

          Die Séléka wurden Anfang des Jahres von der Macht vertrieben, in der Hauptstadt Bangui regiert eine Übergangspräsidentin, und die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hat inzwischen 2.000 Soldaten der „Opération Sangaris“ in dem Land stationiert. Hinzu kommen 6.000 Soldaten einer afrikanischen Eingreiftruppe sowie alsbald bis zu 1.000 Soldaten der geplanten europäischen Eingreiftruppe. Und doch geht der Krieg zwischen Muslimen und Christen überall im Land weiter – in Bangui, in Boda, in Bouar und in Bossangao. Es ist ein regelrechtes Schlachten.

          Mit Macheten und Jagdflinten bewaffnet: Die Anti-Balaka kontrolliert viele Straßen und Dörfer.

          Der Tote in dem schäbigen Sarg hatte das Pech, an ehemalige Kämpfer der Séléka zu geraten, als er unterwegs war, um Muslime zu töten. Boda ist ein Kaff, in dem jeder jeden kennt. Der Bürgermeister der mehrheitlich christlichen Ortschaft ist ein Muslim. Er wurde gewählt, als die konfessionelle Zugehörigkeit ungefähr so wichtig war wie der Wetterbericht von gestern. Heute verbarrikadieren sich die Muslime von Boda im Tal und die Christen oben auf dem Berg in der katholischen Pfarrei Saint Martin. Dazwischen ist Niemandsland, gesäumt von Hunderten ausgebrannten Häusern und Geschäften. So sieht es inzwischen fast überall in der Zentralafrikanischen Republik aus.

          Die jungen Burschen halten Abstand zu den Trauernden. Es ziemt sich nicht für Krieger, Gefühle zu zeigen. Die zwanzig Jugendlichen sind Milizionäre der Anti-Balaka, sie tragen unzählige „Grigris“ genannte Glücksamulette an Armen und Handgelenken, um die Brust und um den Kopf. Sie sind mit Macheten, Schlachtermessern und vereinzelt auch mit uralten Jagdflinten bewaffnet. Sie hören auf katholische Vornamen wie Brice, Jean-Louis oder Michel. Fast alle sprechen ein wenig Französisch, was heißt, dass sie zumindest ein paar Jahre in der Schule waren. Sie sagen, sie schützten die Kirche und die fast 7.000 Flüchtlinge, die sich hinter den Mauern der Pfarrei in Sicherheit gebracht haben. Noch mehr sollen in den Wald geflüchtet sein.

          „Alle Muslime müssen weg“

          Ihr Anführer, Brice Kamba, schimpft auf die französische Eingreiftruppe „Sangaris“, die sich mit einem Zug mitten auf der Frontlinie zwischen den verfeindeten Gruppen eingenistet hat und bemüht ist, weitere Massaker zu verhindern. „Die werden von den Muslimen mit Diamanten bezahlt“, behauptet er. Die anderen brummen Zustimmung. Ihrer Darstellung nach haben die Reste der Séléka mit den Massakern angefangen, und sie hätten sich nur verteidigt. Natürlich werden die Muslime später ein andere Geschichte erzählen, aber genau das ist das Problem in solchen Konflikten: Die Regel, wonach derjenige recht hat, der den ersten Toten zu beklagen hat, gilt nicht mehr, wenn eine Gesellschaft kollektiv Amok läuft.

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