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Gewalt in Tunesien : Ein Polizist stirbt bei Protesten

  • -Aktualisiert am

Demonstranten nutzen brennende Reifen, um die Straßen im Stadtzentrum von Kasserine zu sperren. Bild: AFP

Nach dem Tod eines Arbeitslosen in der Stadt Kasserine kommt es in Tunesien zu Protesten. Die Polizei setzt Tränengas ein. Bei den Ausschreitungen ist ein Polizist ums Leben gekommen.

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          Nach dem Tod eines Arbeitslosen während einer Demonstration in Tunesien kommt es im ganzen Land zu Protesten. Dabei ist ein Polizist getötet und mehrere verletzt worden, wie das tunesische Innenministerium am Donnerstag mitteilte.

          Die Proteste erstrecken sich laut tunesischen Medienberichten auf zwei bis drei Dutzend Orte im ganzen Land. In der Hauptstadt Tunis und anderen Städten errichteten Demonstranten Straßensperren und setzten Reifen in Brand. Hunderte zogen durch das Stadtzentrum von Tunis, um „Arbeit, Freiheit, Würde“ zu fordern. Außer gegen Arbeitslosigkeit demonstrieren die Menschen gegen die unterschiedliche Behandlung verschiedener Landesteile und fordern Investitionen in der vernachlässigten Regionen.

          Die Proteste hatten in der Stadt Kasserine begonnen, die im strukturschwachen südlichen Teil des Landes liegt. Dort war am Samstag ein 28 Jahre alter Arbeitsloser gestorben, der auf einen Strommast vor dem Gouverneurssitz geklettert, um gegen eine die Ablehnung seiner Bewerbung auf eine öffentliche Stelle zu protestieren. Der Mann, der nach arabischen Medienberichten zufolge Ridha Yahyaoui heißt, soll gedroht haben, sich umzubringen und sei dann in  Kontakt mit den Stromkabeln gekommen sein. Unklar ist, ob es sich dabei um einen Unfall oder den angedrohten Selbstmord handelte.

          Während der Proteste der nächsten Tage kam es zu Straßenschlachten zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Nach Angaben von Augenzeugen errichteten einige Demonstranten Barrikaden aus brennenden Autoreifen und warfen Steine auf die Polizei. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Wasserwerfer ein und gaben Warnschüsse ab. Mittwochnacht starb in der Stadt Feriana, die nur wenige Kilometer entfernt liegt, ein Polizist, nachdem Demonstranten sein Auto umgeworfen hatten.

          Um den Konflikt zu beruhigen, versprach die Regierung am Mittwoch, in der Region Kasserine 5000 neue Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst zu schaffen, und umgerechnet rund 60 Millionen Euro für den Bau von 1000 Sozialwohnungen bereitzustellen. Außerdem soll eine nationale Kommission zur Bekämpfung der Korruption eingerichtet werden. Nach den Demonstrationen am Donnerstag weitete die Regierung das Versprechen auf alle Regionen aus.

          Der tunesische Präsident Beji Caid Essebsi hatte die Prozesse am Mittwoch als „legitim“ bezeichnet. Sie sollten aber nicht verstärkt werden. „Die Regierung ist in einer schwierigen Situation.“ Man habe das Land in dieser Lage übernommen und sehe sich nun Problemen gegenüber wie etwa einer hohen Arbeitslosigkeit besonders unter Universitätsabsolventen, einer anhaltenden Armut und regionaler Ungleichheit. Die Bevölkerung müsse der Regierung Zeit für Verbesserungen lassen. Als Reaktion auf die Unzufriedenheit auf die anhaltend schlechte wirtschaftliche Lage in Tunesien hatte Regierungschef Habib Essid Anfang dieses Monats bereits eine größere Kabinettsumbildung verkündet.

          Die Massenproteste, die 2011 zum Sturz des Machthabers Zine el Abidine Ben Ali und zum arabischen Frühling führten, hatten in der Nähe von Kasserine, in Sidi Bouzid, begonnen. Dort hatte sich ein Obsthändler sich aus Protest gegen unfaire Behandlung und Chancenlosigkeit selbst verbrannt . Damals lag die Arbeitslosigkeit in Tunesien bei 13 Prozent. Heute sind es 15,3 Prozent.

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