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Friedensnobelpreis : Gute Nachricht für ein gebeuteltes Land

Kompromiss statt Konfrontation: Bouchamaoui, Abassi, Moussa und Mahmoud 2013 in Tunis Bild: AFP

Der Friedensnobelpreis an Tunesiens Quartett für den Nationalen Dialog stärkt die Zivilgesellschaft in dem von Dschihadisten bedrohten Land - das Quartett könnte dabei Vorbild sein für andere Länder in Nordafrika.

          Das ist eine gute Nachricht, eine sehr gute Nachricht“, sagte der tunesische Präsident Béji Caid Essebsi. Es war die erste gute Nachricht für Tunesien seit langem: Das Quartett für den Nationalen Dialog, welches das Land 2013 aus schwerer See in ruhiges Fahrwasser geführt hatte, erhält den Friedensnobelpreis. Es sei nicht nur ein Preis für das Quartett, sagte Essebsi, sondern eine Auszeichnung für alle Tunesier, die sich entschlossen hätten, den „Weg des Konsenses“ zu beschreiten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Vor zwei Jahren hatte der Mord an dem linken Oppositionellen Mohamed Brahmi Tunesien in die Krise gestürzt. Es war der zweite politische Mord binnen weniger Monate, das Land war tief gespalten – zwischen der von der islamistischen Partei Ennahda geführten Regierungstroika und der Opposition. Angriffe radikaler Islamisten nahmen zu, die Wirtschaft lag am Boden, der politische Übergangsprozess nach dem Aufstand gegen Zine el Abedine Ben Ali drohte zu scheitern.

          Es war ein maßgebliches Verdienst des Quartetts aus dem Gewerkschaftsverband UGTT, der Tunesischen Menschenrechtsliga LTDH, der Anwaltskammer und dem Arbeitgeberverband UTICA, dass die tunesischen Eliten am Ende doch noch eine fortschrittliche und freiheitliche Verfassung verabschiedeten und Wahlen ins Werk setzen konnten.

          „Sie kommt zur richtigen Zeit“

          Houcine Abassi, der Generalsekretär des mächtigen UGTT, der mit Aufrufen zum Generalstreik großen Druck auf die Konfliktparteien aufgebaut hatte, zeigte sich in einem Radiointerview überrascht und erfreut über die Ehrung. „Sie kommt zur richtigen Zeit“, sagte der Funktionär dem Sender Mosaïque. Die Auszeichnung sei eine Hommage an die „Märtyrer des demokratischen Tunesiens“. Das Land sei noch immer im Visier des Terrorismus. Das zeigten schon die aktuellen Vorfälle.

          Als am Freitag die Meldungen über die Auszeichnung an die Öffentlichkeit gelangten, dominierten die Geschichten über einen neuen Attentatsversuch die Presse, welcher zumindest indirekt in Zusammenhang mit dem Brahmi-Mord von damals gebracht wurde. Ridha Charfeddine, Abgeordneter der Regierungspartei Nidaa Tounes, war Opfer eines Attentatsversuchs in der Stadt Sousse geworden. Aus einem vorbeifahrenden Auto sei auf ihn geschossen worden, sagte der geschockte Politiker, der auch Chef eines Fußballklubs ist – und außerdem Anteile am Fernsehsender Ettasia TV halten soll. Ein bekanntes Gesicht dieses Senders, Moez Ben Gharbia, hatte zu Beginn der Woche großes Aufsehen erregt, als er in einem Internetvideo behauptete, er wisse, wer die Mörder Brahmis und seines wenige Monate zuvor ermordeten Weggefährten Chokri Belaïd seien. Er habe deswegen Morddrohungen erhalten, behauptet er.

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          Ob es tatsächlich einen Zusammenhang gibt, ist ungeklärt, aber die Episode trifft die tunesische Gesellschaft und die Politik an einem empfindlichen Punkt: dem Misstrauen gegenüber der Justiz und der Enttäuschung über mangelnde Transparenz. Vor den Aussagen Gharbias hatte es Berichte gegeben, nach denen die Mörder Brahmis und Belaïds nicht aus den Reihen radikaler Islamisten stammen sollten, sondern aus dem Kreis der Reichen und Mächtigen des Landes. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

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