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Fremdenhass in Südafrika : Wenn der Mob wütet

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„Mit großer Scham und tiefer Trauer“: Die Polizei in Durban treibt Einwanderer und fremdenfeindliche Provokateure mit Tränengas auseinander. Bild: AFP

Im südafrikanischen Durban hat es fremdenfeindliche Übergriffe gegeben, es wurde getötet und geplündert. Tausende Ausländer sind geflohen.

          Was sie noch besitzt, trägt sie am Leib: eine graue Bluse und einen weißen Sommerrock. Der Rest ist gestohlen worden. Die Möbel, der Kühlschrank, der kleine Fernseher. „Nicht einmal meine Handtasche habe ich retten können“, sagt Magdalena Dube. Die junge Frau ist buchstäblich um ihr Leben gelaufen, als der Mob in den Durbaner Wohnblock einfiel, in dem sie ein kleines Appartement bewohnt. „Die haben gesagt: Verschwinde, oder wir bringen dich um!“, erzählt Magdalena. „Da bin ich losgerannt.“

          Magdalena Dube ist 25 Jahre alt und gebürtig aus Zimbabwe. Sie hat zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen ist fünf Jahre alt, der Junge 14 Monate. Die beiden leben bei den Großeltern in Zimbabwe. Magdalena sorgt mit ihrem Job in Südafrika dafür, dass daheim Brot auf den Tisch kommt. Das ist jetzt vorbei. Magdalena Dube ist eines der geschätzt 7000 Opfer der jüngsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Südafrika. Seit einer Woche tobt in der Hafenstadt Durban der Mob, seit der König der Zulus, Goodwill Zwelithini, alle Ausländer aufgefordert hat, „ihre Koffer zu packen und zu gehen“. Mindestens fünf Menschen kamen seither ums Leben, darunter ein 14 Jahre alter Junge aus Äthiopien, der mit einer Machete erschlagen wurde. Die Ausschreitungen haben inzwischen die Wirtschaftsmetropole Johannesburg erreicht, wo bei früheren rassistischen Auseinandersetzungen im Jahr 2008 mehr als 60 Menschen getötet wurden. Damals ordnete die Regierung den ersten Einsatz der Armee im Innern seit dem Ende der Apartheid 1994 an, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen.

          Eine Toilette für 1500 Menschen

          Magdalena Dube hat Schutz in einem der drei Flüchtlingslager von Durban gefunden, in Chatsworth, einem tristen Vorort der Hafenstadt. 1500 Menschen aus Zimbabwe, Moçambique, Malawi, Sambia und Tansania drängen sich dort auf der Fläche eines Fußballfeldes. Die Hilfsorganisation „Gift for the Givers“ hat zehn große Zelte aufgebaut, wie sie die Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) gerne für eine ihrer Partys mietet. In jedem dieser Zelte drängen sich bis zu 200 Menschen - Männer, Frauen und Kinder - und schlafen auf dem nackten Boden. Wer Glück hat, konnte eine der dünnen Matratzen ergattern, die das Rote Kreuz verteilt hat. Die meisten aber haben nicht mehr als ein Stück Pappe als Unterlage. Trotzdem wirken die Zelte aufgeräumt. Das liegt daran, dass so gut wie keiner der Flüchtlinge Gepäck dabeihat. Dafür war schlicht keine Zeit, als der Mob angriff.

          Vor den Zelten wärmen sich junge Männer an einem Feuer und bedanken sich überschwänglich für die geschenkte Schachtel Zigaretten. Über Chatsworth hängt kalter Nebel. Außerdem regnet es ständig. Neben dem Feuer uriniert ein kleines Mädchen. Es gibt nur eine Toilette für 1500 Menschen. Zweimal am Tag verteilt das Rote Kreuz ein karge Mahlzeit: Maisbrei und vier Scheiben Brot. Die Schlange vor der Essensausgabe reicht quer über das inzwischen eingezäunte Feld. Auf den Hügeln ringsum geht das Leben ganz normal weiter. Busse hupen sich ihren Weg durch den Verkehr, Passanten machen Besorgungen. Ab und an aber tauchen oberhalb des Lagers Männer mit Macheten auf und schreien Obszönitäten den Hang hinunter. „Das sind unsere ehemaligen Nachbarn“, erklärt der aus Malawi stammende John Chaposa. Der Mann will nur noch weg, zurück nach Malawi. „Wenigstens habe ich noch mein Leben“, sagt er. Das alles erinnert an die ethnischen Auseinandersetzungen in Kongo oder Südsudan. Doch das hier ist Durban, die größte und modernste Hafenstadt des Kontinents.

          „Eine Bande von Idioten“

          „Gefangen wie eine Ratte im Loch“, beschreibt Blessing Shereni seine Situation. Wie Magdalena stammt auch Blessing aus Zimbabwe. Sieben Jahre ist es her, seit er vor dem Hunger und der Gewalt in seiner Heimat nach Südafrika geflohen ist. Er hat sich eine neue Existenz aufgebaut als Schuhmacher. „Es ging mir gut“, sagt er. Seine beiden Kinder gehen auf eine staatliche Schule in Durban. Blessing legt Wert auf die Feststellung, dass er kein Illegaler sei und kramt zum Beweis seine Aufenthaltsgenehmigung hervor. Geblieben von den Jahren Arbeit ist ihm nur sein Schuhmacherwerkzeug, das er in einem Sack hat retten können. „Ich kann das einfach nicht glauben“, sagt er: „Drei Monate Miete im Voraus habe ich bezahlt, und dann jagt mich der Vermieter wie einen Hund vor die Tür.“

          Der Mob behauptet, die Ausländer nähmen den Südafrikanern die Arbeit weg. Die offizielle Arbeitslosenrate am Kap liegt bei 24 Prozent. Rechnet man aber diejenigen ein, die sich nicht mehr aktiv um Arbeit bemühen, weil sie alle Hoffnung aufgegeben haben, beträgt die Rate über 40 Prozent. Blessing führt das auf den niedrigen Bildungsstand in Südafrika zurück: „Okay, du hast ein Vorstellungsgespräch bei einer Firma. Der Boss fragt nicht, welchem Stamm du angehörst, sondern er fragt, was du kannst. Und da sehen die Südafrikaner im Vergleich zu den Zimbabwern einfach alt aus“, sagt er. Was er damit meint, ist das heruntergewirtschaftete Bildungssystem in Südafrika, das Abiturienten ins Leben entlässt, die keinen Dreisatz beherrschen.

          Mutmaßlich war es genau das, was der Zulu-König mit seiner Bemerkung von den „faulen und verwöhnten Südafrikanern, dieser Bande von Idioten“ meinte. Im Gedächtnis geblieben aber ist nur die im gleichen Zuge geäußerte Aufforderung an die Ausländer, ihre Koffer zu packen. Weil der älteste Sohn von Präsident Jacob Zuma, Edward Zuma, bei gleicher Gelegenheit von Ausländern als „tickenden Zeitbomben“ sprach, war der Zulu-Mob in Natal anschließend nicht mehr zu halten. Der Polizeiminister machte alles nur noch schlimmer, als er die Brandschatzungen in Durban nicht als Ausdruck von Xenophobie einstufte, sondern als „Afrophobie“. Mit anderen Worten: Südafrikaner reagieren allergisch auf Afrikaner. Das ist starker Tobak in einem Land, dessen politische Klasse während des Befreiungskampfes in den Nachbarländern über viele Jahre Exil und großzügige finanzielle Hilfe erhielt. Der ANC beeilte sich sogleich, den Minister zu korrigieren, und sprach von „großer Scham und tiefer Trauer“. Präsident Zuma forderte seine Landsleute per Fernsehansprache auf, „endlich damit aufzuhören, Menschen zu ermorden“.

          In Durban gingen am vergangenen Donnerstag 10.000 Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Doch die Veranstaltung endete in Tränengasschwaden, nachdem Gegendemonstranten, die sich ihres Fremdenhasses rühmten, mit Pflastersteinen um Aufmerksamkeit buhlten. Und König Goodwill Zwelithini, der eine jährliche staatliche Apanage von mehreren Millionen Euro erhält, weigert sich trotz mehrfacher Aufforderung durch den Staatschef hartnäckig, nach Durban zu reisen und ein Ende der Feindseligkeiten zu fordern.

          Präsident Jacob Zuma sagte am Samstag einen geplanten Staatsbesuch in Indonesien ab. Nach den Angriffen auf Einwanderer müsse die Regierung nun verstärkt im Land durchgreifen, um die Krawalle zu beenden, sagte Zuma. Der Präsident wollte ursprünglich noch am Samstagabend nach Indonesien reisen, um am Asien-Afrika-Gipfel in Indonesiens Hauptstadt Jakarta teilzunehmen.

          Inder zeigen Solidarität

          Die West Street durchschneidet Durban von Norden nach Süden. Sie ist die mit Abstand längste Straße der Stadt und in ihrer Ungepflegtheit symptomatisch für den Zustand der drittgrößten Stadt des Landes. Die West Street ist inzwischen eine Kampfzone. Hier standen sich in den vergangenen Tagen Zulus und Ausländer mit gezückten Messern gegenüber. Wasserwerfer und Gummigeschosse der Polizei verhinderten ein Massaker. Der „Bangladesh Beach Supermarket“ liegt am oberen Ende der West Street, dort, wo es nur noch ein paar Schritte bis zur Brandung des Indischen Ozeans sind. Der kleine Supermarkt ist rund um die Uhr geöffnet. Auf die Frage, ob er sich nachts noch sicher fühle, lacht Ladenbesitzer Hussein Rade aus Bangladesch bitter. Unter der Kasse liegt eine durchgeladene Repetierflinte bereit.

          Die Familie Rade betreibt den Supermarkt in der zweiten Generation. Aber so etwas wie in den vergangenen Tagen, das habe er noch nie gesehen, sagt Hussein. „Da paart sich Sozialneid mit schierer Dummheit und krimineller Energie, und wir Ausländer sind leichte Beute, weil wir keine Lobby haben.“ 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid sind die vollmundigen Versprechungen der Regierung, ein besseres Leben für alle zu schaffen, an der eigenen Korruption und dem allseitigen Nepotismus zerschellt. Doch statt die eigene Elite zur Rechenschaft zu ziehen, vergreift sich der Mob an den Schwächsten, den Ausländern. Haben die Rades Angst? „Schau mal um die Ecke“, sagt ein Bruder des Ladenbesitzers, „und sage mir, ob du dann keine Angst haben würdest.“ Vier Gestalten lungern dort in der dunklen Ecke eines Gebäudes. Drei sind so betrunken, dass sie nicht mal mehr den Kopf heben können. Der vierte ist halbwegs ansprechbar. Ob er sich an den Plünderungen beteiligt habe? „Klar Mann“, sagt das Bürschchen, das bei näherem Hinsehen keinen Tag älter als 15 Jahre zu sein scheint. Warum? „Die Ausländer sind Diebe. Wir holen uns nur, was uns gehört“, kommt die patzige Antwort. Dann zählt er die Beute an den Fingern auf: Zwei Fernseher, eine Mikrowelle, etliche Handys und einen ganzen Sack voller Klamotten. Wo ist das Zeug jetzt? „Verkauft, Mann, verkauft!“, kräht der Zulu.

          Im Lager von Chastworth richten sich derweil 1500 Menschen darauf ein, irgendwie die nächste Nacht zu überstehen. Die malawische Regierung hat angekündigt, Busse nach Durban zu schicken, um ihre Landsleute zurückzuholen. Moçambique tut es Malawi gleich und hat die 2008 nach den Ausschreitungen in Johannesburg eingerichteten Auffanglager direkt hinter der Grenze wieder in Betrieb genommen. Doch es wird noch Tage dauern, bis die ersten Busse in Durban eintreffen. Die 25 Jahre alte Magdalena Dube trägt jetzt einen Pullover über ihrer Bluse. Ein indischstämmiges Ehepaar mittleren Alters hat ihr das Kleidungsstück ohne viele Worte über den Kopf gestülpt. Dann haben die beiden den mit Lebensmitteln vollgestopften Kofferraum ihres Wagens ausgeladen. Sie sind nicht die Einzigen, die an diesem kalten Abend helfen wollen. Immer wieder fahren Autos vor, aus denen Kleidung ausgeladen wird und volle Einkaufstüten mit dem Logo der größten Supermarktkette des Landes. Auffällig ist, dass die Spender ausnahmslos Inder sind. Durban ist eine indisch geprägte Stadt. Die Vorfahren dieser Menschen sind einst von weit her gekommen, um gegen alle Widerstände an der Küste von Natal ein neues, besseres Leben zu beginnen. Es ist tröstlich zu sehen, dass ihre Nachfahren nicht vergessen zu haben scheinen, wie es sich anfühlt, das Stigma des Fremden zu tragen.

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