https://www.faz.net/-gq5-82awt

Fremdenhass in Südafrika : Wenn der Mob wütet

  • -Aktualisiert am

„Mit großer Scham und tiefer Trauer“: Die Polizei in Durban treibt Einwanderer und fremdenfeindliche Provokateure mit Tränengas auseinander. Bild: AFP

Im südafrikanischen Durban hat es fremdenfeindliche Übergriffe gegeben, es wurde getötet und geplündert. Tausende Ausländer sind geflohen.

          Was sie noch besitzt, trägt sie am Leib: eine graue Bluse und einen weißen Sommerrock. Der Rest ist gestohlen worden. Die Möbel, der Kühlschrank, der kleine Fernseher. „Nicht einmal meine Handtasche habe ich retten können“, sagt Magdalena Dube. Die junge Frau ist buchstäblich um ihr Leben gelaufen, als der Mob in den Durbaner Wohnblock einfiel, in dem sie ein kleines Appartement bewohnt. „Die haben gesagt: Verschwinde, oder wir bringen dich um!“, erzählt Magdalena. „Da bin ich losgerannt.“

          Magdalena Dube ist 25 Jahre alt und gebürtig aus Zimbabwe. Sie hat zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen ist fünf Jahre alt, der Junge 14 Monate. Die beiden leben bei den Großeltern in Zimbabwe. Magdalena sorgt mit ihrem Job in Südafrika dafür, dass daheim Brot auf den Tisch kommt. Das ist jetzt vorbei. Magdalena Dube ist eines der geschätzt 7000 Opfer der jüngsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Südafrika. Seit einer Woche tobt in der Hafenstadt Durban der Mob, seit der König der Zulus, Goodwill Zwelithini, alle Ausländer aufgefordert hat, „ihre Koffer zu packen und zu gehen“. Mindestens fünf Menschen kamen seither ums Leben, darunter ein 14 Jahre alter Junge aus Äthiopien, der mit einer Machete erschlagen wurde. Die Ausschreitungen haben inzwischen die Wirtschaftsmetropole Johannesburg erreicht, wo bei früheren rassistischen Auseinandersetzungen im Jahr 2008 mehr als 60 Menschen getötet wurden. Damals ordnete die Regierung den ersten Einsatz der Armee im Innern seit dem Ende der Apartheid 1994 an, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen.

          Eine Toilette für 1500 Menschen

          Magdalena Dube hat Schutz in einem der drei Flüchtlingslager von Durban gefunden, in Chatsworth, einem tristen Vorort der Hafenstadt. 1500 Menschen aus Zimbabwe, Moçambique, Malawi, Sambia und Tansania drängen sich dort auf der Fläche eines Fußballfeldes. Die Hilfsorganisation „Gift for the Givers“ hat zehn große Zelte aufgebaut, wie sie die Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) gerne für eine ihrer Partys mietet. In jedem dieser Zelte drängen sich bis zu 200 Menschen - Männer, Frauen und Kinder - und schlafen auf dem nackten Boden. Wer Glück hat, konnte eine der dünnen Matratzen ergattern, die das Rote Kreuz verteilt hat. Die meisten aber haben nicht mehr als ein Stück Pappe als Unterlage. Trotzdem wirken die Zelte aufgeräumt. Das liegt daran, dass so gut wie keiner der Flüchtlinge Gepäck dabeihat. Dafür war schlicht keine Zeit, als der Mob angriff.

          Vor den Zelten wärmen sich junge Männer an einem Feuer und bedanken sich überschwänglich für die geschenkte Schachtel Zigaretten. Über Chatsworth hängt kalter Nebel. Außerdem regnet es ständig. Neben dem Feuer uriniert ein kleines Mädchen. Es gibt nur eine Toilette für 1500 Menschen. Zweimal am Tag verteilt das Rote Kreuz ein karge Mahlzeit: Maisbrei und vier Scheiben Brot. Die Schlange vor der Essensausgabe reicht quer über das inzwischen eingezäunte Feld. Auf den Hügeln ringsum geht das Leben ganz normal weiter. Busse hupen sich ihren Weg durch den Verkehr, Passanten machen Besorgungen. Ab und an aber tauchen oberhalb des Lagers Männer mit Macheten auf und schreien Obszönitäten den Hang hinunter. „Das sind unsere ehemaligen Nachbarn“, erklärt der aus Malawi stammende John Chaposa. Der Mann will nur noch weg, zurück nach Malawi. „Wenigstens habe ich noch mein Leben“, sagt er. Das alles erinnert an die ethnischen Auseinandersetzungen in Kongo oder Südsudan. Doch das hier ist Durban, die größte und modernste Hafenstadt des Kontinents.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zur Arbeit auf dem Pedelc – das schon die Umwelt und langfristig die Geldbörse.

          Klimapaket : Wie teuer wird es für mich?

          Das Klimapaket der Bundesregierung kostet manche Leute Geld, anderen bringt es eine Ersparnis. Wir haben einige Fälle durchgerechnet. In manchen Fällen können Pendler zum Beispiel sogar Geld sparen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

          Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.
          Karl-Ludwig Kley steht dem Aufsichtsrat von Eon und der Deutschen Lufthansa vor und führte zwölf Jahre lang den Chemiekonzern Merck.

          Energiewirtschaft : „AfD und Linke sind nicht wählbar“

          Deutschlands mächtigster Aufsichtsrat teilt aus: Karl-Ludwig Kley spricht über den Moralüberschuss in der politischen Debatte, gierige Manager, das Chaos mit der Energiewende – und seine schwachen Leistungen als Schüler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.