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Fremdenhass in Südafrika : Wenn der Mob wütet

  • -Aktualisiert am

Inder zeigen Solidarität

Die West Street durchschneidet Durban von Norden nach Süden. Sie ist die mit Abstand längste Straße der Stadt und in ihrer Ungepflegtheit symptomatisch für den Zustand der drittgrößten Stadt des Landes. Die West Street ist inzwischen eine Kampfzone. Hier standen sich in den vergangenen Tagen Zulus und Ausländer mit gezückten Messern gegenüber. Wasserwerfer und Gummigeschosse der Polizei verhinderten ein Massaker. Der „Bangladesh Beach Supermarket“ liegt am oberen Ende der West Street, dort, wo es nur noch ein paar Schritte bis zur Brandung des Indischen Ozeans sind. Der kleine Supermarkt ist rund um die Uhr geöffnet. Auf die Frage, ob er sich nachts noch sicher fühle, lacht Ladenbesitzer Hussein Rade aus Bangladesch bitter. Unter der Kasse liegt eine durchgeladene Repetierflinte bereit.

Die Familie Rade betreibt den Supermarkt in der zweiten Generation. Aber so etwas wie in den vergangenen Tagen, das habe er noch nie gesehen, sagt Hussein. „Da paart sich Sozialneid mit schierer Dummheit und krimineller Energie, und wir Ausländer sind leichte Beute, weil wir keine Lobby haben.“ 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid sind die vollmundigen Versprechungen der Regierung, ein besseres Leben für alle zu schaffen, an der eigenen Korruption und dem allseitigen Nepotismus zerschellt. Doch statt die eigene Elite zur Rechenschaft zu ziehen, vergreift sich der Mob an den Schwächsten, den Ausländern. Haben die Rades Angst? „Schau mal um die Ecke“, sagt ein Bruder des Ladenbesitzers, „und sage mir, ob du dann keine Angst haben würdest.“ Vier Gestalten lungern dort in der dunklen Ecke eines Gebäudes. Drei sind so betrunken, dass sie nicht mal mehr den Kopf heben können. Der vierte ist halbwegs ansprechbar. Ob er sich an den Plünderungen beteiligt habe? „Klar Mann“, sagt das Bürschchen, das bei näherem Hinsehen keinen Tag älter als 15 Jahre zu sein scheint. Warum? „Die Ausländer sind Diebe. Wir holen uns nur, was uns gehört“, kommt die patzige Antwort. Dann zählt er die Beute an den Fingern auf: Zwei Fernseher, eine Mikrowelle, etliche Handys und einen ganzen Sack voller Klamotten. Wo ist das Zeug jetzt? „Verkauft, Mann, verkauft!“, kräht der Zulu.

Im Lager von Chastworth richten sich derweil 1500 Menschen darauf ein, irgendwie die nächste Nacht zu überstehen. Die malawische Regierung hat angekündigt, Busse nach Durban zu schicken, um ihre Landsleute zurückzuholen. Moçambique tut es Malawi gleich und hat die 2008 nach den Ausschreitungen in Johannesburg eingerichteten Auffanglager direkt hinter der Grenze wieder in Betrieb genommen. Doch es wird noch Tage dauern, bis die ersten Busse in Durban eintreffen. Die 25 Jahre alte Magdalena Dube trägt jetzt einen Pullover über ihrer Bluse. Ein indischstämmiges Ehepaar mittleren Alters hat ihr das Kleidungsstück ohne viele Worte über den Kopf gestülpt. Dann haben die beiden den mit Lebensmitteln vollgestopften Kofferraum ihres Wagens ausgeladen. Sie sind nicht die Einzigen, die an diesem kalten Abend helfen wollen. Immer wieder fahren Autos vor, aus denen Kleidung ausgeladen wird und volle Einkaufstüten mit dem Logo der größten Supermarktkette des Landes. Auffällig ist, dass die Spender ausnahmslos Inder sind. Durban ist eine indisch geprägte Stadt. Die Vorfahren dieser Menschen sind einst von weit her gekommen, um gegen alle Widerstände an der Küste von Natal ein neues, besseres Leben zu beginnen. Es ist tröstlich zu sehen, dass ihre Nachfahren nicht vergessen zu haben scheinen, wie es sich anfühlt, das Stigma des Fremden zu tragen.

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