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Fremdenhass in Südafrika : Wenn der Mob wütet

  • -Aktualisiert am

„Eine Bande von Idioten“

„Gefangen wie eine Ratte im Loch“, beschreibt Blessing Shereni seine Situation. Wie Magdalena stammt auch Blessing aus Zimbabwe. Sieben Jahre ist es her, seit er vor dem Hunger und der Gewalt in seiner Heimat nach Südafrika geflohen ist. Er hat sich eine neue Existenz aufgebaut als Schuhmacher. „Es ging mir gut“, sagt er. Seine beiden Kinder gehen auf eine staatliche Schule in Durban. Blessing legt Wert auf die Feststellung, dass er kein Illegaler sei und kramt zum Beweis seine Aufenthaltsgenehmigung hervor. Geblieben von den Jahren Arbeit ist ihm nur sein Schuhmacherwerkzeug, das er in einem Sack hat retten können. „Ich kann das einfach nicht glauben“, sagt er: „Drei Monate Miete im Voraus habe ich bezahlt, und dann jagt mich der Vermieter wie einen Hund vor die Tür.“

Der Mob behauptet, die Ausländer nähmen den Südafrikanern die Arbeit weg. Die offizielle Arbeitslosenrate am Kap liegt bei 24 Prozent. Rechnet man aber diejenigen ein, die sich nicht mehr aktiv um Arbeit bemühen, weil sie alle Hoffnung aufgegeben haben, beträgt die Rate über 40 Prozent. Blessing führt das auf den niedrigen Bildungsstand in Südafrika zurück: „Okay, du hast ein Vorstellungsgespräch bei einer Firma. Der Boss fragt nicht, welchem Stamm du angehörst, sondern er fragt, was du kannst. Und da sehen die Südafrikaner im Vergleich zu den Zimbabwern einfach alt aus“, sagt er. Was er damit meint, ist das heruntergewirtschaftete Bildungssystem in Südafrika, das Abiturienten ins Leben entlässt, die keinen Dreisatz beherrschen.

Mutmaßlich war es genau das, was der Zulu-König mit seiner Bemerkung von den „faulen und verwöhnten Südafrikanern, dieser Bande von Idioten“ meinte. Im Gedächtnis geblieben aber ist nur die im gleichen Zuge geäußerte Aufforderung an die Ausländer, ihre Koffer zu packen. Weil der älteste Sohn von Präsident Jacob Zuma, Edward Zuma, bei gleicher Gelegenheit von Ausländern als „tickenden Zeitbomben“ sprach, war der Zulu-Mob in Natal anschließend nicht mehr zu halten. Der Polizeiminister machte alles nur noch schlimmer, als er die Brandschatzungen in Durban nicht als Ausdruck von Xenophobie einstufte, sondern als „Afrophobie“. Mit anderen Worten: Südafrikaner reagieren allergisch auf Afrikaner. Das ist starker Tobak in einem Land, dessen politische Klasse während des Befreiungskampfes in den Nachbarländern über viele Jahre Exil und großzügige finanzielle Hilfe erhielt. Der ANC beeilte sich sogleich, den Minister zu korrigieren, und sprach von „großer Scham und tiefer Trauer“. Präsident Zuma forderte seine Landsleute per Fernsehansprache auf, „endlich damit aufzuhören, Menschen zu ermorden“.

In Durban gingen am vergangenen Donnerstag 10.000 Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Doch die Veranstaltung endete in Tränengasschwaden, nachdem Gegendemonstranten, die sich ihres Fremdenhasses rühmten, mit Pflastersteinen um Aufmerksamkeit buhlten. Und König Goodwill Zwelithini, der eine jährliche staatliche Apanage von mehreren Millionen Euro erhält, weigert sich trotz mehrfacher Aufforderung durch den Staatschef hartnäckig, nach Durban zu reisen und ein Ende der Feindseligkeiten zu fordern.

Präsident Jacob Zuma sagte am Samstag einen geplanten Staatsbesuch in Indonesien ab. Nach den Angriffen auf Einwanderer müsse die Regierung nun verstärkt im Land durchgreifen, um die Krawalle zu beenden, sagte Zuma. Der Präsident wollte ursprünglich noch am Samstagabend nach Indonesien reisen, um am Asien-Afrika-Gipfel in Indonesiens Hauptstadt Jakarta teilzunehmen.

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