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Flüchtlingstragödie : Leichen in den Netzen

  • -Aktualisiert am

Seit Jahren Alltag: Die italienische Küstenwache rettet schiffbrüchige Flüchtlinge in der Nähe der sizilianischen Küste Bild: AFP

Die Fischer in Mazara auf Sizilien hätten die Flüchtlinge retten können. Doch sie kamen zu spät, weil sie vor bewaffneten Schleppern aus Libyen fliehen mussten.

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          Die Tragödie auf dem Mittelmeer, bei der in der Nacht zum Sonntag etwa 800 Menschen ums Leben kamen, hätte verhindert werden können. Da ist sich Kapitän Domenico Asaro ganz sicher. „Wenn wir am Freitagabend nicht aus dem Unglücksgebiet hätten fliehen müssen, dann wären wir schneller an der Unfallstelle gewesen und hätten viele gerettet.“ Der Kapitän und ein Kollege namens Pietro Asaro hatten an jenen Tagen ihre Leute auf den Booten draußen und organisierten ihre Flotte - mit Hilfe von Hafenamt und Küstenwache - von ihrer Heimatstadt Mazara in der Provinz Trapani im Westen Siziliens aus.

          Mazara del Vallo ist ein uralter Ort mit 60.000 Einwohnern, von denen etwa 5000 Tunesier sind. Fast alle in Mazara leben vom Fischfang; auch die Nordafrikaner, die zum Teil seit zwei Generationen auf Sizilien leben - nur einen Sprung übers Meer von ihrer Heimat entfernt. Mazara hat auch ein kleines Aufnahmezentrum für Migranten, das von der katholischen Caritas geleitet wird. Mazara bringe die „allerbesten Shrimps“ nach Europa, sagen die beiden Fischer; aber eben auch Leichen.

          Und dann berichten die beiden von jenem Freitag, als ihre Kutter vor der Küste Libyens in internationalen Gewässern fischten. Allerdings gebe es genau darüber „Meinungsunterschiede“. Seit den Jahrzehnten unter Diktator Gaddafi reklamieren die Libyer die gesamte Bucht längs einer geraden Linie direkt von Tripolis bis Benghasi und damit mehr als die üblichen zwanzig Seemeilen vor der Küste. Und diesen Anspruch setzen sie auch durch.

          So tauchten am späten Freitag libysche Schlepper vor den Fischkuttern aus Mazara auf und bedrohten sie mit Bordkanonen und Maschinengewehren. „Wir haben alle unsere schlechten Erfahrungen mit den Libyern gehabt“, sagt Domenico, der bereits einige Monate in einem libyschen Gefängnis verbringen musste. „Und so sind wir so schnell wie möglich aus dem umstrittenen Gebiet geflohen. Wir nahmen Kurs auf Sizilien, und warfen weit entfernt vom Katastrophengebiet unsere Netze aus.“

          „Für uns gehören diese Einsätze schon seit Jahren zum Alltag“

          Als dann die Küstenwache in der Nacht zum Sonntag das SOS der Flüchtlinge an die Fischer weitergab, und sie aufforderte, sofort zu Hilfe zu eilen, war es schon zu spät. „Wir brauchten sechs Stunden“, sagt Pietro. Man müsse wissen, dass in diesem Gebiet die Strömung stark ist. Das sei auch der Grund, warum dort so viele Shrimps und dadurch auch Thunfische leben. Leider aber führe diese Strömung auch dafür, dass die Menschen, die sich bei Schiffbruch vom Boot retten, kaum an der Unfallstelle im Wasser halten können. Auch die Toten werden schnell weggespült. „Wir konnten weit von der Unfallstelle entfernt gerade noch vier Leichen finden“, berichtet Domenico. Und dann fließt ein bitterer Zug durch sein Gesicht: „Das waren ganz junge Leute; bei einem sahen meine Männer noch die offenen Augen.“ Fischer und Matrosen seien nicht dafür da, das Meer nach Menschen zu durchsuchen. „Immer wieder sind wir völlig mitgenommen von den Bildern, die man nicht vergessen kann“.

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          „Für uns gehören diese Einsätze schon seit Jahren zum Alltag“, sagt Pietro. Es sei selbstverständlich, Menschen in Seenot zu helfen. „Ich habe selbst meinen Vater auf See verloren, als sein Kutter unterging.“ Das war im Jahr 1991. Wie gerne hätte er damals ein Schiff in der Nähe gehabt, um den Vater zu retten. Andererseits gingen bisweilen ganze Tage auf der Suche nach Menschen im Mittelmeer verloren; und damit etwa 6000 Euro Verlust pro Tag, die niemand erstatte. Da sei es besonders bitter, wenn es Schlepper in Libyen gibt, die viele hundert Menschen wie absichtlich in den Tod schicken, sagt Domenico.

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